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Der Mensch als Zerstörer: Fotoserie "Natura Morta" in Wien

25.04.2017

Vom Löwenkopf über den Elefantenfuß bis zum Schlangenschnaps: Es ist bizarr und befremdlich, was Menschen zwecks Selbstdekoration oder -heilung aus exotischen Ländern ausführen. Für die Fotoserie "Natura Morta" inszenierte Oliver Mark Produkte aus unter Artenschutz gestellten Tieren im altmeisterlichen Stil. Ab 27. April ist das Projekt in zwei Teilen in der Bildenden und im NHM zu sehen.

Um den verheerenden Umgang des Menschen mit der Natur, aber auch die Ästhetik und Schönheit des Todes geht es dem deutschen Fotografen, der für seine Porträts Prominenter wie Anthony Hopkins, Cate Blanchett und Papst Benedikt XVI. bekannt ist. Ganz bewusst ist das Projekt mit dem ursprünglichen lateinischen bzw. italienischen Begriff für Stillleben betitelt, um den Gegensatz zwischen Natur/Leben und tot/gestorben herauszustreichen: Was auf den 48 Fotografien hoch ästhetisch präsentiert wird, wurde in der Regel von Menschenhand aus dem Leben gerissen.

Entstanden sind die Fotografien 2015 in der Asservatenkammer des deutschen Zolls in Bonn, wo beschlagnahmte Jagdtrophäen, Luxusartikel aus Körperteilen geschützter Tiere sowie ahnungslos mitgebrachte Souvenirs wie Korallen und Muscheln aufbewahrt werden. Die Behörden agieren auf Grundlage des Washingtoner Artenschutz-Abkommens (CITES), das mehr als 35.000 vom internationalen Handel bedrohte Tier- und Pflanzenarten schützt. In Österreich ist es seit 1982 in Kraft.

Ein Freund habe ihm Zugang zur Asservatenkammer verschafft, danach habe er sich eingehend mit dem Thema beschäftigt, erzählte Mark der APA am Rande einer Presseführung. "Dort muss man sich das so vorstellen, wie wenn ein Kind zum ersten Mal den Regenbogen sieht - es ist ein Wunder", so Mark, der eingangs vor allem von einem ausgestopften Wolf fasziniert war. "Ich habe versucht, das bildlich umzusetzen." Angelehnt an die Meisterwerke der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts, die in "sehr kleinen Räumen und mit kleinen Fenstern" entstanden seien, baute er vor Ort zwei mal zwei Meter große Sets auf, setzte Licht stets nur von einer Seite ein und fotografierte meist von unten, "damit nicht so viel Raum erkennbar ist - anders als beim Porträt". Präsentiert werden die Bilder in historischen Gemälderahmen, die Mark international zusammensuchte.

Werken alter Meister gegenübergestellt

In der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste werden 31 der Fotografien acht Werken Alter Meister gegenübergestellt: Der Blick schweift von Peter Paul Rubens' "Eine säugende Tigerin" zu einem Sackerl vor rotem Hintergrund, das mit vermeintlichen medizinischen "Wundermitteln" aus Körperteilen des Tigers gefüllt ist. Ein Stillleben mit Jagdgeräten von Philips Angel van Middelburg hängt neben Bildern von aus Leopardenhaut und Reptilienleder hergestellten Taschen. Gemäldegalerie-Direktorin und Kuratorin Julia M. Nauhaus geht es dabei "nicht um 1:1-Gegenüberstellungen, sondern um einen assoziativen Zugang": Korrespondenzen zwischen den Gattungen Malerei und Fotografie, aber auch zwischen fotografischen und gemalten Stillleben sollen entstehen. Eine Zuordnung findet daher bewusst nicht statt - für Laien ist also nicht immer ersichtlich, welches Tier für das abgelichtete Produkt getötet wurde bzw. welchen "Zweck" das illegal gehandelte Gut hat.

Legt die Bildende den Schwerpunkt auf die künstlerische Aussage und Wirkung von Marks Arbeiten, steht für das Naturhistorische Museum (NHM) der Aspekt des Naturschutzes im Vordergrund. Verteilt auf fünf Säle im ersten Stock, werden weitere 17 Fotografien neben den entsprechenden Tierpräparaten in den denkmalgeschützten Glasvitrinen präsentiert - oder, was besonders nachdenklich macht, mit an der österreichischen Grenze beschlagnahmten Gütern: Gigantische Schildkrötenpanzer, mehr als ein Dutzend künstlich aufgebundener Kobras und zig Flaschen mit Skorpionschnäpsen zur vermeintlichen "Potenzsteigerung" finden sich darunter.

Transparente Fahnen an den Vitrinen bieten darüber hinaus Hintergründe, stellen den dramatischen Schwund vieler Arten auch grafisch dar. "Dem NHM ist es ein wichtiges Anliegen, dem Besucher moderne Erkenntnisse der Interaktion zwischen Mensch und Umwelt nahezubringen", erläuterte Direktor Christian Köberl. Der Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten habe ein Ausmaß angenommen, "das untragbar ist", jede Stunde würden weltweit drei Arten aussterben. Der Besuch des NHM bietet dementsprechend notwendigen Kontext zur Schau in der Gemäldegalerie: Besucher beider Museen erhalten ermäßigten Eintritt bei Vorlage der jeweils anderen Eintrittskarte.

Service: "Natura Morta" von 27. April bis 16. Juli in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien, Schillerplatz 3, 1010 Wien, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, und im Naturhistorischen Museum Wien, Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien, Donnerstag bis Montag 9 bis 18.30 Uhr, Mittwoch 9 bis 21 Uhr. Eröffnung morgen, Mittwoch, um 18.30 Uhr in der Gemäldegalerie. Zur "Natura Morta"-Serie ist das Buch "Oliver Mark - Natura Morta" erschienen, hrsg. von Rainer Vollkommer, Kehrer-Verlag, 136 Seiten. www.akademiegalerie.at, www.nhm-wien.ac.at, www.oliver-mark.com

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