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Miller House, Palm Springs, 1936/37 © David Schreyer 2017
Miller House, Palm Springs, 1936/37 © David Schreyer 2017

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Ein Star in der Ferne: Wien Museum würdigt Architekt Richard Neutra

12.02.2020

Der gebürtige Wiener Richard Neutra zählt zu den international erfolgreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts, doch hierzulande kennt kaum jemand sein Werk. Denn der Großteil der von ihm geplanten Bauten befindet sich in Neutras zweiten Heimat Kalifornien. Dort zählt er zu den Begründern der amerikanischen Moderne. Eine Ausstellung im Wien Museum MUSA setzt sich mit seinem Schaffen auseinander.

Ziel der Ausstellung "Richard Neutra - Wohnhäuser für Kalifornien" sei es, Neutra jene Aufmerksamkeit zu schenken, die ihm gebühre, sagte einer der beiden Kuratoren, der Architekturfotograf David Schreyer, am Mittwoch bei der Präsentation. Neutra gilt als ein Vorreiter des nachhaltigen, ökologischen Wohnens. So setzte er bei seinen Entwürfen auf offene Grundrisse, eine enge Beziehung zur umliegenden Landschaft und leichte Konstruktionen. Außerdem überzeugte er mit Konzepten im Umgang mit der knappen, weil teuren Ressource Wohnraum und klimatischen Extrembedingungen, da es in Kalifornien sehr heiß werden kann.

Die Ausstellung präsentiert das Werk anhand von neun exemplarischen Beispielen. Dabei handelt es sich um kleine Einfamilienhäuser in Kalifornien, die von Privatpersonen bewohnt werden und eigentlich nicht öffentlich zugänglich sind. Schreyer fotografierte diese innen wie außen und zeigt die Bauten in ihrem heutigen Zustand und der aktuellen Nutzung. Bei den Bilder handelt es sich nicht um Hochglanz-Aufnahmen, sondern vielmehr um Einblicke in den Alltag. Zeitgleich führte sein Kuratoren-Kollege, der Kunsthistoriker Andreas Nierhaus, Gespräche mit den Bewohnern über ihr Leben in den Häusern.

Neutra wurde 1892 als Sohn einer jüdischen Wiener Familie geboren. Bald nach dem Beginn seines Studiums an der Technischen Hochschule wurde er in die private Bauschule von Adolf Loos aufgenommen. Dieser weckte Neutras Neugier auf die Vereinigten Staaten, da er stets voller Begeisterung von seinem Aufenthalt berichtete. 1923 war es schließlich soweit - Neutra reiste in die USA. Ab 1925 lebte er in Los Angeles. Mit dem von ihm geplanten Lovell Health House wurde er international bekannt. In Folge erhielt er zahlreiche Bauaufträge.

Großteil in Kalifornien

Der Großteil der rund 300 Bauten, die Neutra Zeit seines Lebens realisierte, befindet sich in Kalifornien. In Österreich konnte er nur ein Haus verwirklichen: ein kleines Einfamilienhaus in der Wiener Werkbundsiedlung, das 1932 fertiggestellt wurde. Denn Neutra versuchte zwar ebenso in Österreich Fuß zu fassen und zog in den 1960er-Jahren wieder zurück in die alte Heimat. Er wurde auch gebührend gefeiert und mit Ehrungen überhäuft, wie Nierhaus erzählte. Aber die Wiener Architekten fürchteten die Konkurrenz aus Amerika und unter den Jungen galt Neutra als Vertreter des Establishments. 1969 kehrte er nach Los Angeles zurück. Ein Jahr später starb er.

Schreyer und Nierhaus erzählten im Pressegespräch auch von der durchaus unorthodoxen Herangehensweise an die Ausstellung. Nachdem die beiden Texte über Neutra studiert hatten, war ihr Interesse geweckt, wie die Häuser heutzutage aussehen und welche es noch geben würde. "Das Forschungsprojekt war von Anfang an als Experiment, als eine Art Expedition angelegt. Wir wussten am Anfang nicht, wie es ausgehen wird", erinnerte sich Nierhaus. In Kalifornien haben die beiden Männer dann Neutras Häuser abgeklappert: "David hat einfach an der Tür geklingelt." Dort sind sie auf offene Ohren gestoßen.

Zurück kamen die Beiden mit einer "reichen Ausbeute", so Nierhaus. Mittlerweile sind Neutras Häuser, die er eigentlich für die Mittelschicht konzipiert hatte, Luxusobjekte. Denn um das gleiche Geld könnte man größere Immobilien mit Klimaanlage, Keller oder größerer Garage erwerben, meinte Wien-Museums-Direktor Matti Bunzl, der sich vom Ergebnis begeistert zeigte: "Es ist eine wunderschöne Ausstellung geworden." Gleichzeitig sind Neutras Häuser aber auch vom Abrisse bedroht, da sie ob ihrer relativ geringen Fläche in Zeiten steigender Grundstückspreise unrentabel sind. Daher sind die heutigen Eigentümer der in der Ausstellung präsentierten Häuser nicht selten auch ihre Retter, hieß es.

Service: Ausstellung "Richard Neutra - Wohnhäuser in Kalifornien" vom 13. Februar bis 20. September, Di-So, 10-18 Uhr, im Wien Museum MUSA, Wien 1, Felderstraße 6-8, www.wienmuseum.at

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