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Interaktive Plattform für den Austausch von Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft © Donau-Universität Krems
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"Fluchtmigration nach Europa wird noch einige Jahre dauern"

04.07.2017

Die Herausforderungen in der Integration der aktuellen Zuwanderungsbewegungen nach Europa standen im Zentrum des Dialogforums 2017 an der Donau-Universität Krems. Aus- und Weiterbildung sowie die Eingliederung in den Arbeitsmarkt seien dabei zentrale Aspekte, so das Resümee der ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis. Das Dialogforum, das bereits seit 2009 vom Department für Migration und Globalisierung veranstaltet wird, positioniert sich als Vernetzungsplattform für Migrations- und Integrations-AkteurInnen.

Rund 19 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind im Ausland geboren, davon kommen etwas mehr als die Hälfte aus Nicht-EU-Staaten. In den letzten beiden Jahren stieg der Anteil der Personen aus Drittstaaten vor allem infolge der Zuwanderung von Flüchtlingen. Das Gros der AsylwerberInnen in Österreich kommt aktuell aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.

"Diese Fluchtmigration nach Europa wird auch noch einige Jahre dauern", betonte Univ. Prof. Dr. Gudrun Biffl, Leiterin des Departments für Globalisierung und Migration im Rahmen des Dialogforums, das von 26. bis 29. Juni in Krems stattfand. "Die Forschung zeigt, dass die Länder im Schnitt sieben Jahre für die Bewältigung von militärischen Konflikten benötigen und danach rund 15 Jahre, um die ursprüngliche Wirtschaftsleistung wieder zu erreichen", führte Gudrun Biffl aus.

Valide Daten fehlen

In Österreich machen die Vielfalt an Zuwanderungsarten und die damit verbundenen Zugangsrechte die Eingliederung in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt besonders schwierig. Zudem gäbe es wenig valide Daten zu Alter und Geschlecht der Flüchtlinge - das "erschwert die strategische Planung in Österreich", so Gudrun Biffl. Im Aus- und Weiterbildungsbereich empfiehlt die Migrationsexpertin Produktionsschulen für Jugendliche und Erwachsene sowie Jugendcolleges als Benchmark.

Weltweit betrachtet, haben rund 630 Millionen Menschen den Wunsch zur Migration, 50 Millionen planen in den nächsten zwölf Monaten auszuwandern und knapp 30 Millionen Menschen sitzen bereits auf gepackten Koffern. Dr. Mathias Czaika, Associate Professor und Direktor des International Migration Institute der Universität Oxford, sprach von einer Perspektivenlosigkeit, die "zu einem Wunsch nach veränderten Lebensumständen führt". Dabei migrieren die AuswandererInnen meist in die wirtschaftlich nächsthöher entwickelten Länder. "Haben die Menschen eine tertiäre Ausbildung abgeschlossen, ist die Migrationswahrscheinlichkeit vier bis fünf Mal so groß wie von Menschen mit einfachen Qualifikationen", erklärte Mathias Czaika.

Migrationspolitik als Entwicklungsarbeit

Um Migrationsbewegungen sinnvoll zu steuern, sei auch die Zusammenarbeit mit der EU-Nachbarschaft notwendig. Dr. Cengiz Günay, Senior Researcher am österreichischen Institut für internationale Politik, betonte dabei vor allem die "liberal-demokratischen Prinzipien", die scheinbar "vor den autoritären Herrschern der arabischen Welt Halt machen". Die EU trete hier oft als Lehrmeisterin auf, die einen wirtschaftlichen Aufschwung verspreche, wenn die Normen der EU eingehalten werden, kritisierte Cengiz Günay: "Wenn es für uns passt, passt es für alle", laute die verbreitete europäische Denkweise. Zudem lege die EU den Migrationsfokus auf Sicherheit und Terrorismusbekämpfung und vernachlässige dabei oft die Sicherstellung von Menschenrechten und Demokratie, so der Politikwissenschafter.

Vertrauenskrise und Desinformation

Einen thematischen Schwerpunkt des Dialogforums 2017 bildete das Thema der Information in der postfaktischen Gesellschaft. Die Bevölkerung der Migrationszielländer habe "wenig Bedarf an objektiv-wissenschaftlichen Daten", erklärte Univ.-Prof. Philip Martin, Leiter des Comparative Immigration and Integration Program der University of California. "Die meisten Menschen haben ihre gefestigte Meinung und suchen nach Informationen, die diese bestätigen", so der amerikanische Wirtschaftswissenschafter. Doch auch auf Seiten der Flüchtlinge lasse sich ein Informationsdefizit feststellen, erklärte die britische Anthropologin Margie Cheesman, MA, von der Open University of Manchester. Die Flüchtlinge verlieren das "Vertrauen in Medien und weichen aus Angst vor Überwachung mit Fake-Accounts auf soziale Netzwerke aus". Dort fänden sie jedoch oft "Schreckensnachrichten oder Falschinformationen von Schleppern", stellte Margie Cheesman fest. Dabei brauchen diese Menschen vor allem eines: Unterstützung und Hoffnung.

Das Dialogforum, das heuer bereits zum neunten Mal stattfand, versteht sich als interaktive Plattform für den Austausch von Wissenschaft, öffentlicher Verwaltung und Zivilgesellschaft in der Migrations- und Integrationspolitik. Die Organisatorin Gudrun Biffl betonte abschließend: "Ich will nicht im Elfenbeinturm arbeiten, sondern an der Realität ansetzen und darin wirken."

Weitere Informationen:

www.donau-uni.ac.at/dialogforum

Rückfragenhinweis:
Mag. Michael Fasching, Bakk. phil.
Department für Migration und Globalisierung
Tel. +43 (0)2732 893-2423
michael.fasching@donau-uni.ac.at
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