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Der Klimawandel hat die Arbeit von Enea radikal verändert © APA (MARTIN RÜTSCHI)
Der Klimawandel hat die Arbeit von Enea radikal verändert © APA (MARTIN RÜTSCHI)

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"For Forest" - "Baumflüsterer" Enzo Enea sorgt für die Realisierung

05.08.2019

Es ist ein idyllisches Plätzchen am Zürichsee. Das Areal habe er nur deshalb bekommen, weil der Grundwasserspiegel hier so hoch sei, meint Enzo Enea. Was für Bauten schlecht ist, kann für Bäume gut sein. Der Landschaftsarchitekt liebt Bäume - und lebt von ihnen. Enea ist jener Mann, der über das Know-how und die Logistik verfügt, die verrückt anmutende Idee von "For Forest" in die Tat umzusetzen.

Der 1964 geborene Schweizer hat Industriedesign und Landschaftsarchitektur studiert. Heute betreibt er ein international agierendes Unternehmen und wird in den Medien "Baumflüsterer" oder "Paradiesbauer" genannt. Er ist ein globaler Player auf seinem Gebiet. 280 Mitarbeiter aller Fachrichtungen arbeiten für ihn an weit über 100 Projekten gleichzeitig: Wohnhausanlagen in Miami, Hotelanlagen in China, öffentliche Parks in Dubai, Golfplätze in Polen oder noble Privatgärten auf der ganzen Welt. Enea bietet Gesamtlösungen an und beschäftigt Ingenieure, Lichtplaner und Architekten genauso wie Tischler, Landschaftsgärtner und Baumschneider.

Prinzen und Hollywoodgrößen unter den Kunden

Das großzügige Gelände in Rapperswil ist Firmensitz und Showroom in einem. Hier gibt es nicht nur Büros, Werkstätten und Ateliers, sondern auch eine nobel möblierte, luftige Besucherhalle, die sich zu einem kleinen, künstlichen Teich öffnet, viel Kunst an den Wänden und im Garten, sowie alle paar Meter kleine Nischen, Sitzgruppen und Schattenplätze, die zum Verweilen einladen. Enea versteht sein Geschäft. Und hat zweifellos Kunden, die nicht aufs Geld schauen müssen. Hollywoodgrößen sollen darunter sein, schwerreiche Industrielle, aber auch Prinz Charles.

Teil des Areals von "Enea Landscape Architecture" ist auch ein "Baummuseum", in dem man gegen Eintritt flanieren kann: Umrahmt von Eibenhecken wandelt man in einem 75.000 Quadratmeter großen Park zwischen Skulpturen und Installationen von Künstlern wie der Schweizerin Sylvie Fleury oder dem Österreicher Elmar Trenkwalder. Er sammle Bäume und er sei Ästhet, erklärt der braun gebrannte Firmenchef. "Die Bäume und die Kunst gehen hier eine Symbiose ein."

"Das ist kein botanischer Garten."

Eine Klarstellung ist ihm besonders wichtig: "Das ist kein botanischer Garten. Es geht mir hier nicht darum, möglichst viele exotische Bäume zu zeigen. Bis auf wenige Ausnahmen stehen hier Bäume, die in der Umgebung groß geworden sind, und die ich vor dem Umhacken gerettet habe." Besonders stolz ist er auf einen über 100-jährigen Fächer-Ahorn, der für den Neubau des Zürcher Universitätsspitals gefällt werden sollte und dem es in seiner neuen Umgebung sichtlich gut geht. Enea hat eine Technik entwickelt, die Wurzeln auch alter Bäume so zu kappen, dass sie nicht darunter leiden. Details sind Betriebsgeheimnis, für den Laien nur so viel: "Vergleichen Sie es mit Nägelschneiden", lacht er. "Das schadet Ihnen ja auch nicht."

Die im Areal stehenden Bäume zeigen fast alle ganz oder teilweise ihre imposanten Wurzelballen. Das macht auch ihren Transport möglich und ist die Voraussetzung dafür, dass im Wörthersee-Stadion überhaupt ein Wald entstehen kann. Denn auch dort werden ihre Wurzeln nicht "ausgepackt". "Es ist eine Simulation, ein künstlicher Ort", gibt Enea zu. Nur dank regelmäßiger, alle paar Jahre durchgeführter Standortwechsel, die man "Verschulung" nennt, können die Bäume im Herbst ihr Kunstquartier beziehen. Dafür werden in den Stadionrasen keine Löcher gegraben, sondern zunächst Lastenverteilungsplatten aufgelegt, auf die die Bäume in ihren Töpfen gestellt werden. Danach wird zwischen ihnen ein Material aufgeschüttet, um den Eindruck eines durchgehenden natürlichen Waldbodens zu erzielen. "For Forest" ist nicht Natur, sondern Kunst, die sich der Natur als Zutat bedient.

Kampf gegen Klimawandel

Um das Ziel zu erreichen, einen idealtypischen Mischwald ins Stadion zu stellen, durfte Enzo Enea Schöpfer spielen. 16 Baumarten in exakt 299 Stück hat er in drei verschiedenen Baumschulen dafür auserkoren, von 53 Birken bis zu zwei Weißtannen. Zur Abrundung werden auch sechs verschiedene Straucharten (vom Weißdorn bis zur Kornelkirsche) und fünf Staudenarten in die künstliche Landschaft integriert. Durch die intensive Forstwirtschaft gäbe es diese Art von Wald hierzulande praktisch nicht mehr, sagt er. Dabei gilt Experten gerade der Mischwald als Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel.

Dieser Klimawandel hat auch die Arbeit von Enzo Enea in den vergangenen Jahren radikal verändert. "Es geht nicht mehr ums Behübschen, sondern um das Schaffen von Lebensraum. Mikroklima ist unser großes Thema." Schatten, Temperatur und Wasser sind wesentliche Faktoren nicht nur des Wohlfühlens, sondern des Lebens und Überlebens. Die Arbeit des Landschaftsarchitekten ist integraler Bestandteil von Projekten geworden. "Heute kommen wir nicht erst am Schluss dazu, sondern sind von Anfang an dabei. Für das haben wir hart gekämpft."

In einem seiner aktuellen Großprojekte verpflanzt Enea Bäume aus dem brasilianischen Urwald in die Großstadt von Sao Paulo. "Der Baum ist bei der Zukunft des Menschen ein Schlüsselfaktor", ist er überzeugt. Massenweise Aufforstung könnte die Menschheit vor dem Schlimmsten bewahren, glauben manche. Ist es dafür angesichts des langsamen Baumwachstums nicht bereits zu spät? "Es gäbe schon verschiedene Möglichkeiten, wie man das angehen könnte", meint er. Expertenwissen sei dafür gefragt. Vor allem aber brauche es entsprechendes Bewusstsein dafür. "Mir ist es wichtig, zu sensibilisieren. Mit Schönheit gelingt das besser als mit dem Zeigefinger." Und genau dafür sei "For Forest" ideal. Nach Projektende werden die Bäume übrigens in der Umgebung von Klagenfurt tatsächlich ausgepflanzt. Und dürfen dann endlich Wurzeln schlagen.

Service: www.enea.ch

Von Wolfgang Huber-Lang/APA

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