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Unter Leidl stehen Umweltschutz, Klimawandel und Co. auf dem Programm © APA (Punz)
Unter Leidl stehen Umweltschutz, Klimawandel und Co. auf dem Programm © APA (Punz)

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"For Forest" - Schon Hundertwasser pflanzte eifrig Bäume

05.08.2019

Im Rahmen der Triennale 1973 pflanzte Friedensreich Hundertwasser Bäume in Mailänder Wohnungen. Was damals als Spinnerei abgetan wurde, gilt heute als Pioniertat ökologisch engagierter Kunst. Für ihre Ausstellung "It's Not Me, It's a Photograph" im Kunst Haus Wien stellte die Finnin Elina Brotherus im Vorjahr ein Foto nach, das Hundertwasser mit einem zu pflanzenden Baum in der Via Manzoni zeigt.

Diese "Tree Performance" fällt Kunst Haus Wien-Chefin Bettina Leidl gleich ein, wenn man sich mit ihr zum Gespräch über die kommende "For Forest"-Aktion im Wörthersee Stadion trifft. Seit 1981 gibt es auch in Wien-Alsergrund einen von Hundertwasser im Rahmen einer "Baummieteraktion" gepflanzten und aus dem Fenster eines Eckhauses ragenden Baum. In Neuseeland hat der im Jahr 2000 verstorbene Wiener auf 400 Hektar gleich 100.000 Bäume gepflanzt, und auch auf dem begrünten Dach des Kunst Hauses fühlt man sich an diesem brütend heißen Sommertag sofort wie im Paradies. Massenweise Pflanzungen, Begrünung der Städte sind zwei der derzeit diskutierten Top-Strategien gegen den Klimawandel. Mehr denn je scheint Hundertwasser heute visionär.

"Hundertwasser war Mitbegründer der Grünen Bewegung, vom ökologisch ausgerichteten Bauen mit integrierten Grünflächen über Themen wie Nachhaltigkeit, Artensterben bis hin zum Re- und Upcycling. Er war immer politisch in seinen Forderungen. Seine ökologischen Themen und Visionen sind heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagt Leidl im APA-Interview. "Als ich im Frühjahr 2014 die Leitung des Kunst Hauses übernommen habe, haben wir eine Motivstudie unserer Besucher gemacht. Da hat sich klar gezeigt, dass die ökologischen Thesen Hundertwassers vor allem das junge Publikum besonders angesprochen haben."

Neues Programm zu Biodiversität und Co.

Leidl stellte in der Folge das Kunst Haus-Programm um. Anstatt Etappenstation für internationale Wanderausstellungen zu sein, gestaltet man nun Ausstellungen zu Themen wie Biodiversität, Umweltschutz und Klimawandel. Derzeit widmet sich etwa Claudia Märzendorfer in "A Blazing World" (bis 29. September) u.a. dem Kunststoffmüll unserer Wegwerfgesellschaft und eine Fotoausstellung "Über Leben am Land" (bis 25. August). Leidl nimmt einen Katalog zur Fotoausstellung "Visions of Nature" zur Hand, in der 2017 Arbeiten von 25 Künstlern gezeigt wurden, und zeigt prägnante Beispiele: Der Südkoreaner Myoung Ho Lee machte mittels Leinwand-Hintergründen Baumporträts in der freien Natur, der Finne Ilkka Halso zeigte Fotocollagen eines "Museum of Nature", in dem Naturlandschaften unter schützenden Dachkonstruktionen bewahrt und ausgestellt wurden.

"Künstler sind oft Vordenker, zeigen mit ihrer Kunst globale Fehlentwicklungen und Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft. Auf den Schutz der Ökosysteme hat der Club of Rome bereits in den 70er-Jahren hingewiesen", sagt Leidl. Max Peintners Zeichnung "Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur", die für "For Forest" Realität wird, stammt aus 1970/71. Für Leidl besteht kein Zweifel, dass Peintner ebenso wie Hundertwasser ein Pionier in der künstlerischen Auseinandersetzung mit ökologischen Fragen ist, die sich zunehmend als Überlebensfragen herausstellen. "Mit dem Begriff Anthropozän hat Paul Crutzen 2001 das Zeitalter der Menschen zur Diskussion gestellt. Wir wissen seit jeher: Der Mensch ist sterblich. Aber heute wissen wir auch: Die Menschheit ist sterblich." Peintners Arbeiten seien zunächst einmal einfach schön. "Erst auf den zweiten Blick sieht man den gesellschaftspolitischen Hintergrund."

Leidl begrüßt "For Forest"

Was hält Leidl von dem "For Forest"-Projekt, das den Wald ja nicht, wie auf Peintners Zeichnung, in ein urbanes, naturfeindliches Umfeld stellt, sondern in eine von Wiesen und Wäldern geprägte Kärntner Landschaft? "Es ist ein schönes und spannendes Projekt, und es ist gut, dass es Diskussionen auslöst. Künstler holen uns mit solchen Arbeiten aus unserer Komfortzone heraus. Kunst kann unsere Wahrnehmung schärfen, uns die Dringlichkeit der Themen vor Augen führen, Bewusstsein schaffen und den Umgang des Menschen mit der Natur hinterfragen. Kunst hat die Kraft, Bilder zu erzeugen, die uns zum Nachdenken anregen. Etwas, was die x-te Doku über das Waldsterben vermutlich nicht mehr schafft."

Nicht im Stadion, sondern auf Balkonen und Terrassen zweier Hochhaustürme wurden übrigens 900 Bäume an der Mailänder Porta Garibaldi gepflanzt. Der "Bosco Verticale" (Senkrechter Wald) von Stefano Boeri gilt seit 2014 als Referenzprojekt für ökologische Stadtplanung. "Die stärkste Inspiration kam von Friedensreich Hundertwasser, den ich 1973 bei der Triennale in Mailand sah, wo er mit einem riesigen Baum in der Hand durch die Straßen ging", versicherte der Architekt im Interview mit dem "Standard". "Dieses Bild hat mich sehr geprägt." Wer weiß schon, welcher grünen Zukunft die Betonovale mancher Stadien entgegengehen, wenn erst die Bilder aus dem Wörthersee Stadion um die Welt gehen werden?

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