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Hitler-Stalin-Pakt bleibt für Polen Trauma

20.08.2019

Für Polen bleibt der Hitler-Stalin-Pakt (Ribbentrop-Molotow-Abkommen) auch nach siebzig Jahren ein nationales Trauma. Die Übereinkunft, die Deutschland und die Sowjetunion am Vorabend des Zweiten Weltkriegs schlossen, steht im kollektiven Bewusstsein für die "vierte Teilung" Polens.

1772, 1793 und 1795 hatten die Nachbarmächte Russland, Preußen und Österreich den polnischen Staat untereinander aufgeteilt, der für über 120 Jahre von der politischen Karte Europas verschwand. Erst 1918 entstand erneut ein unabhängiger polnischer Staat. Das Verhältnis zum Deutschen Reich war in der Zwischenkriegszeit unter anderem aufgrund der Situation der deutschen Minderheit in Polen sowie der Existenz des "polnischen Korridors" - der die Provinz Ostpreußen und auch die unter Völkerbundmandat stehende, überwiegend von Deutschen bewohnte Freie Stadt Danzig vom Reichsgebiet trennte - von Anfang an angespannt.

Als am 24. August 1939 der deutsche Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und der sowjetische Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Wjatscheslaw Molotow, in Moskau ihre Unterschriften unter einen auf den Vortag datierten Nichtangriffspakt setzten, war die Überraschung perfekt. Denn die beiden Diktatoren Adolf Hitler und Josef Stalin hatten als erbitterte Feinde gegolten. Im geheimen Zusatzprotokoll zu dem Abkommen einigten sich Hitler und Stalin zudem auf die Abgrenzung der beiderseitigen Einflusssphären in Osteuropa.

Danach sollten für den Fall "einer territorialpolitischen Umgestaltung" polnischer Gebiete die Interessenzonen Deutschlands und der UdSSR durch die Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt werden. Ob die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht sei, sollte definitiv erst später geklärt werden, hieß es im Dokument. "Molodec" (Prachtkerl), lobte Stalin in einem Trinkspruch seinen neuen Verbündeten Hitler.

Am 1. September überfiel Deutschland Polen und löste damit den Zweiten Weltkrieg aus. Der Einmarsch der Roten Armee am 17. September im Osten des Landes - eine direkte Folge des Hitler-Stalin-Paktes - sehen heute noch viele als "Dolchstoß in den Rücken Polens". Moskau erklärte 17 Tage nach dem deutschen Überfall und der Niederwerfung der polnischen Streitkräfte, dass es die Republik Polen nicht mehr als existent betrachten könne und sich genötigt sehe, "zum Schutz der weißrussischen und ukrainischen Bevölkerung" einzumarschieren.

Als um 5.40 Uhr eine halbe Million Sowjetsoldaten Polens Ostgrenze überschritten, kämpfte Polen bereits seit mehr als zwei Wochen gegen die deutsche Wehrmacht. Stalins Armee internierte bis zu 300.000 polnische Soldaten und Offiziere. 15.000 wurden 1940 in Katyn und an zwei weiteren Orten hingerichtet.

Bis zum Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 fehlte es nicht an Freundschaftsgesten zwischen den beiden Aggressoren. Die Wehrmacht und die Rote Armee veranstalteten im besiegten Polen gemeinsame Militärparaden, etwa in Brest. Die Geheimdienste - NKWD und Gestapo - bekämpften gemeinsam den polnischen Widerstand.

Das Trauma der deutsch-russischen Verschwörung prägt laut Historikern nach wie vor das Bewusstsein der Polen. Ein noch immer aktuelles Thema ist dabei auch die Reparationsforderungen Polens aufgrund der katastrophalen Zerstörung des Landes und des Todes von rund einem Zehntel der Bevölkerung. Die rechtsnationale PiS-Regierung in Warschau fordert bereits seit Jahren Entschädigungszahlungen von Deutschland, während Berlin argumentiert, Polen habe bereits 1953 darauf verzichtet.

Hintergrund des Konflikts ist, dass die Besatzungsmächte laut dem Potsdamer Abkommen 1945 ihre Reparationsforderungen gegenüber Deutschland aus ihren jeweiligen Besatzungszonen begleichen sollten. Das geschah besonders massiv in der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, insbesondere durch den Abbau und Abtransport von Industrieanlagen. Etwaige Ansprüche Polens sollten nach dem Potsdamer Abkommen über die Reparationen an die UdSSR getilgt werden. Daher konnte Warschau nie eigene zwischenstaatliche Reparationsforderungen an Deutschland stellen.

1953 verzichtete dann die Sowjetunion gegenüber der DDR auf weitere Reparationsleistungen, was entsprechend dem Potsdamer Abkommen damit auch für Polen galt.

Die polnische Regierung will es aber nicht dabei belassen und hält auch rechtliche Schritte für möglich, wie Außenminister Jacek Czaputowicz erst jüngst gegenüber der Nachrichtenagentur dpa sagte. Nach Schätzungen Warschaus belaufen sich die von Deutschland verursachten Kriegsschäden in Polen auf etwa 800 Mrd. Euro. Berlin verweist auf die bereits geleisteten Entschädigungen für individuelle Opfer, sieht aber keine Notwendigkeit für zwischenstaatliche Reparationszahlungen. Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags stellten erst kürzlich in einem Bericht fest, dass die Reparationsansprüche Polens gegenüber Deutschland bereits über die Sowjetunion "befriedigt" und daher "erloschen" seien.

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