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Auswirkungen verschiedener Einwanderungsszenarien untersucht © dpa
Auswirkungen verschiedener Einwanderungsszenarien untersucht © dpa

APA

Höhere Erwerbsquote und Bildung dämpfen negative Effekte der Alterung

24.03.2020

Ein höheres Bildungsniveau und eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Migranten und der einheimischen Bevölkerung sind notwendig, um negative wirtschaftliche Auswirkungen einer alternden Bevölkerung in den EU-Ländern auszugleichen. Das zeigen Demographen des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien in einer im Fachjournal "Pnas" veröffentlichten Studie.

Die seit Jahrzehnten niedrigen Geburtsraten und die steigende Lebenserwartung führen unweigerlich zu einem Anstieg der über 65-jährigen Menschen in der EU. Ihr Anteil wird sich voraussichtlich von derzeit 18 Prozent bis 2050 auf etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung (EU-28) erhöhen. Konventionelle Prognosen, die sich vor allem auf die Altersstruktur der Bevölkerung stützen, gehen daher von einer zunehmenden Belastung der Wirtschaft durch die schrumpfende Erwerbsbevölkerung aus.

Um dem entgegenzuwirken, wurden - je nach Seite des politischen Spektrums - entweder eine verstärkte Einwanderung oder Bemühungen um eine Erhöhung der Geburtenrate vorgeschlagen. "Aber keine dieser beiden Strategien wird einen so großen Einfluss auf die Erwerbsbeteiligung haben, wie die Verbesserung des Bildungsniveaus und der wirtschaftlichen Integration der Einwanderer", schreiben die Demographen Guillaume Marois, Alain Bélanger und Wolfgang Lutz vom IIASA in ihrer Arbeit.

Nicht alle Arbeitnehmer gleich produktiv

Die Wissenschafter zeigen in ihrem neuen Modell, dass die finanziellen Herausforderungen, die die alternde Bevölkerung mit sich bringt, viel geringer sind, wenn man den Bildungsstand und eine zunehmende Beteiligung am Arbeitsmarkt berücksichtigt. Während die bisherigen Prognosen davon ausgegangen sind, dass alle über 65 Jahre alten Menschen nicht arbeiten und alle zwischen 15- und 64-Jährigen gleich produktiv sind, sind in dem neuen Modell nicht alle Arbeitnehmer gleich produktiv. Zudem werden der Einfluss eines höheren Bildungsniveaus und einer höheren Erwerbsbeteiligung, insbesondere bei Frauen und älteren Menschen, berücksichtigt.

In ihrer Arbeit haben die Demographen die Auswirkungen verschiedener Einwanderungsszenarien auf die Situation in der EU untersucht. Dazu zählen u.a. ein "business as usual"-Szenario mit den bisherigen Immigrationszahlen in die EU, ein schwedisches Szenario, weil das Land bereits jetzt eine der höchsten Erwerbsquoten in der EU aufweist, ein Kanada-Szenario mit hoher Zuwanderung vor allem gebildeter Migranten und einer hohen Integration in den Arbeitsmarkt, oder ein japanisches Szenario mit sehr geringer und sehr selektiver Zuwanderung.

Weniger Nichterwerbstätige

Die Analyse zeigt, dass bei Berücksichtigung des höheren Bildungsniveaus und der erwarteten Zunahme der Erwerbsbeteiligung insbesondere bei Frauen deutlich weniger Nichterwerbstätige auf jeden Arbeitnehmer kommen als bei Verwendung des traditionellen Modells, das nur das Alter berücksichtigt. Ein Anstieg der Erwerbsquote könnte demnach die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen vollständig ausgleichen, betonen die Wissenschafter. "Mit einer besseren Erwerbsbeteiligung von Migranten und der allgemeinen Bevölkerung könnte Europa die allgemein erwarteten negativen Auswirkungen der Alterung weitgehend vermeiden", erklärte Marois.

Die Effekte einer höheren Zuwanderungsrate hängen der Studie zufolge vom Bildungsniveau und der Integration der Migranten ab: Wenn die Einwanderer gut ausgebildet und in den Arbeitsmarkt integriert sind, überwiegen die positiven Effekt. Wenn ihre Integration scheitert und sie schlecht ausgebildet sind, wirke sich das negativ aus. Die Zahl der Zuwanderer alleine sagt also noch nicht viel über die Auswirkungen aus.

Service: http://dx.doi.org/10.1073/pnas.1918988117

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