Kultur & Gesellschaft

Text von Julian Schutting © Archiv der Zeitgenossen
Text von Julian Schutting © Archiv der Zeitgenossen

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"Ihr seid sozusagen mein besseres Gedächtnis"

08.06.2020

Vor zehn Jahren, am 16. Juni 2010, wurde das Archiv der Zeitgenossen gegründet. Die Künstler teilen ihre Erinnerungen und Gedanken. Zeitgenössische Künstler wie Wolf D. Prix, Julian Schutting, Peter Patzak, Friedrich Cerha, Kurt Schwertsik und Peter Turrini gratulieren dem Archiv der Zeitgenossen - Sammlung künstlerischer Vor- und Nachlässe zu seinem zehnjährigen Bestehen. Gefeiert wird am 16. Juni 2020 mit einem kleinen digitalen Feuerwerk.

Der Filmemacher und Autor Peter Patzak, der dem Archiv der Zeitgenossen 2018 seinen Vorlass übergab, von dem er sich lange Zeit nicht trennen konnte, erinnert sich: "Anfang der Sechzigerjahre. Man machte sich Notizen auf den unbedruckten Stellen von Zeitungen, auf Fahrscheinen, Bierdeckeln und auf flach geklappten Zigarettenschachteln. Ich hatte keinen Schreibtisch und natürlich auch keine Laden. Das Gedachte, Gefragte, Beantwortete, Festgehaltene landete in einer Schachtel, dann in einer Kiste, in einer alten Truhe. Im Keller, am Dachboden, in einer Weingartenhütte und zurück auf - endlich - meinem Schreibtisch. So begann mein Arbeitsarchiv. Es folgte mir von Zuhause nach Zuhause. Man konnte ihm beim Wachsen zusehen. [...] Später lese ich von der Eröffnung des Archivs der Zeitgenossen. Turrini und Cerha sind die ersten Siedler. Zeitgenossen! Das begeisterte mich, löst etwas aus. Und dann das Besondere der Architektur von Adolf Krischanitz. Kunst und Respekt. Das würde ich schaffen. Dort könnte es eine Heimat finden."

Neue Heimat für ein Künstlerleben

"Bei euch Unterschlupf gefunden?", so der Schriftsteller Julian Schutting "vielmehr als ein Mostviertler Heimatrechte erworben, mit meinem Meisten lieber bei euch untergebracht als in einem Analogon der Residenzstadt."

"Die Entscheidung, die meiner Frau gehörende und von ihr verwaltete Sammlung meines gesamten Oeuvres und Materials zu meinem Leben und Werk einer Institution zu übergeben, die sich zum Zeitpunkt der Verhandlungen erst im Aufbau befand, war nicht einfach", meint auch der Komponist Friedrich Cerha. "Was sich in den folgenden Jahren ergab, hat unseren Vorstellungen aber nicht nur entsprochen, sondern sie vielfach übertroffen!"

Vom Notenpapier zur "virtuellen Präsenz"

Auch Peter Turrini bedankt sich für die engagierte Arbeit, die in Krems geleistet wird: "Ich habe in meinem langen literarischen Leben viel, sehr viel geschrieben und immer, wenn ich von Menschen nach einem Text aus den letzten fünfzig Jahren gefragt werde und mich nicht mehr daran erinnern kann, dann melde ich mich bei euch, im Archiv der Zeitgenossen. Ihr seid sozusagen mein besseres Gedächtnis, meine Freude an euch hat also auch egoistische Gründe."

"Es ist schön zu denken, dass alles, was ich auf Notenpapier notierte & noch notieren werde, in gekühlten Kellern wohlbehütet für immer & ein Jahr eine Ruhestätte gefunden hat. Dass es sich aber zugleich einer virtuellen & fast geisterhaften Präsenz im WWW erfreut & dergestalt an beliebig vielen Orten in Erscheinung treten mag, erfüllt mich mit Zuversicht", so Kurt Schwertsik.

"Die Spuren des wunderbar erfüllten Lebens unseres Vaters, denen Zeugnisse des ebenso der Musik gewidmeten Wirkens unserer Mutter beigesellt sind, nunmehr in ihrer Gesamtheit im Archiv der Zeitgenossen bewahrt zu wissen, ist uns Söhnen ein besonderes Glück", meinen Thomas Daniel und Alexander Schlee, die beiden Söhne des Verlegers Alfred Schlee.

Über das Archiv der Zeitgenossen

Das Archiv der Zeitgenossen wurde am 16. Juni 2010 eröffnet, als mit dem Erwerb der Vorlässe des Schriftstellers Peter Turrini und des Komponisten Friedrich Cerha durch die Niederösterreichische Landesregierung der Grundstein für ein Archiv gelegt wurde, das der Sammlung von Vor- und Nachlässen herausragender Künstlerpersönlichkeiten gewidmet ist. Seither wurden die Bestände erweitert um die Vorlässe des Komponisten Kurt Schwertsik, des Schriftstellers Julian Schutting, des Filmemachers Peter Patzak und des Architekten Wolf D. Prix. Auch der Nachlass des Verlegers Alfred Schlee wurde übernommen. "Im Zeitalter des Goldfisch-Gedächtnisses sind Archive wie das Archiv der Zeitgenossen ein Schwerpunkt in unserer Kultur", würdigt Wolf D. Prix die Einrichtung.

Neben den archivarischen Aufgaben der Erhaltung, Erschließung und Präsentation der Bestände umfasst die Tätigkeit des von Christine Rigler geleiteten Archivs auch die Konzeption und Durchführung von Forschungsprojekten und wissenschaftlichen Tagungen sowie die Herausgabe eigener Publikationen. Die ästhetisch anspruchsvolle Gestaltung der Archivräume erfolgte nach einem Entwurf des österreichischen Architekten Adolf Krischanitz. Das Archiv der Zeitgenossen - Sammlung künstlerischer Vor- und Nachlässe ist als Einrichtung des Bundeslandes Niederösterreich an die Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur der Donau-Universität Krems angebunden.

Aktivitäten zum zehnjährigen Bestehen

Für das Jahr 2020 ist die Eröffnung eines unterirdischen "Escape Rooms" ebenso geplant wie die Publikation einer Gesprächsreihe mit den zeitgenössischen Bestandsbildnern sowie zwei wissenschaftliche Tagungen:

o 22. September: "Auf- und Ausbrüche. Grenzüberschreitungen von Peter Patzak." Tagung zum 75. Geburtstag des Autors, Filmemachers und Malers

o 15./16. Oktober: Symposium "Kurt Schwertsik und der Begriff der Moderne im Wandel"

Weitere Informationen: www.archivderzeitgenossen.at

Rückfragehinweis:
Mag. Brigitta Potz, MAS 
Archiv der Zeitgenossen
Donau-Universität Krems
Tel. +43 (0)2732 893-2581
brigitta.potz@donau-uni.ac.at
www.archivderzeitgenossen.at
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