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Neuropsychologie ist eines seiner Spezialgebiete © APA (Müller)
Neuropsychologie ist eines seiner Spezialgebiete © APA (Müller)

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Innovativer Psychologe und Uni-Lehrer: Giselher Guttmann wird 85

30.09.2019

Am Wirken von Giselher Guttmann ist kaum jemand vorbeigekommen, der sich im Umfeld der Universität Wien in den vergangenen Jahrzehnten mit Psychologie beschäftigt hat: Vor allem durch seine Einführungsvorlesung in die allgemeine Psychologie und seine anwendungsorientierte, innovative Forschung wurde der Wissenschafter zur Institution. Am 2. Oktober feiert er den 85. Geburtstag.

Guttmann, am 2. Oktober 1934 als Sohn des Regisseurs Willibald Guttmann in Wien geboren, begann 1955 an der Universität Wien Psychologie und Zoologie zu studieren. Wegen seines großen Interesses an der Hirnforschung wählte er schließlich die Psychologie als Hauptfach. Die Neuropsychologie wurde eines seiner Spezialgebiete und tatsächlich konnte er damit auch eine neue Blickrichtung in seinem Fach öffnen, wie er einmal gegenüber der APA erklärte.

Der einflussreiche Psychotherapeut und Autor Viktor Frankl hat Guttmann einst als "Meister der Synthese von Experimenteller Psychologie einerseits und eines ganzheitlichen Menschenbildes andererseits" bezeichnet. Mit seinem "väterlichen Freund" Frankl teilte er auch gemeinsame Hobbys wie das Klettern. Tatsächlich ging es Guttmann immer wieder auch darum, die Forschung in möglichst reale Lebenslagen zu transferieren, indem er etwa Gehirnstromableitungen (EEG) an Menschen beim Klettern oder Rallyefahren machte. Auch die Erkenntnisse aus Extremsituation gingen beispielsweise in die von ihm entwickelte Methode des "Lernens unter Selbstkontrolle" oder das Verfahren der Ergopsychometrie ein.

Grundlage dessen ist die Erkenntnis, dass das Gehirn in verschiedenen Erregungszuständen verschieden gut lernt oder insgesamt kognitive Leistungen unterschiedlich gut vollbringen kann. Greifbar wurde das etwa in seinen Studien zu sogenannten "Trainingsweltmeistern", also Menschen, deren Aktivierung im Training im Idealbereich liegt und die in diesem Rahmen auch verlässlich Höchstleistungen erzielen, unter dem höheren Wettkampfdruck aber vielfach versagen.

Anwandung der Forschungsarbeit wichtig

Die Anwendung seiner Forschungsarbeit lag Guttmann immer sehr am Herzen. So hat er das Modell "Lernen unter Selbstkontrolle", das auch in die Pädagogenausbildung Eingang fand, für den schulischen Bereich entwickelt. Ziel des abgeleiteten Unterrichtsprogramms ist es, durch gezielte Entspannungstechniken und Aktivierung "lernbereite Zustände" herbeizuführen. So wird das Einprägen erleichtert und Stoff bleibt längerfristig im Gedächtnis, wie Guttmann und Kollegen auch in diversen Untersuchungen zeigen konnten.

Im Rahmen des von ihm gegründeten Ludwig Boltzmann-Instituts für Lernforschung wurden die Erkenntnisse auch in andere Richtungen weiterentwickelt. So fand etwa das Verfahren der Ergopsychometrie in die Berufseignungs-Diagnostik Beachtung. Eine Weiterentwicklung davon wurde auch in der Pilotenauslese und im Sport eingesetzt.

Vor allem mit der Universität Wien ist Guttmann seit langer Zeit verbunden. Schon während seiner Studienzeit wurde er am Institut für Psychologie angestellt. Nach der Promotion (1963) und Habilitation kam 1968 die Berufung auf das Extraordinariat für "Experimentelle und Angewandte Psychologie". 1973 folgte er Hubert Rohracher als Ordinarius für "Allgemeine und Experimentelle Psychologie". Der Wiener Psychologe und Wissenschaftshistoriker Gerhard Benetka hält in seinen unter dem Titel "Ich werde Naturforscher!" in Buchform erschienen Gesprächen mit Guttmann anlässlich dessen 80. Geburtstags fest, dass sich anhand der Erinnerungen des Jubilars ablesen lasse, "wie sich die Psychologie in Österreich und in Deutschland nach ihrer im Ungeist der Nazi-Zeit erzwungenen Provinzialisierung wieder langsam zu öffnen, zu internationalisieren begann".

Letzter Dekan der Philosophischen Fakultät der Uni Wien

Guttmanns Zeit an der Uni Wien war aber auch durch Reformen und Veränderungen geprägt: So wurde er 1975 zum "letzten Dekan" der Philosophischen Fakultät der Uni Wien, die gleich darauf im Zuge der Uni-Reform in die Geistes-, die Natur- und die Grund- und Integrativwissenschaftliche Fakultät aufgespalten wurde. Dass im Zuge der Reform 2002 dann eine eigene Fakultät für Psychologie entstand, sah er kurz nach seiner Emeritierung (2002) an der Uni Wien kritisch. So befürchtete er etwa eine gewisse Isolation für das stark multidisziplinär ausgerichtete Fach. Ebenso kritisch bewertete er die um sich greifende starke Ökonomisierung des Unibetriebs und die Verschulung von Studien.

In Forschung und Lehre fand er an der Wiener Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) ein neues Betätigungsfeld. "Das Unbehagen mit den staatlichen Universitäten ist sehr hoch und das wird den Privaten zu Gute kommen", sagte 2005 Guttmann im Vorfeld des Startschusses zur damals elften Privatuni Österreichs, der er als Gründungsdekan vorstand. Nach annähernd 15 Jahren werde sich Guttmann nun auch an der SFU schrittweise aus der Lehre zurückziehen und im Bereich der Forschung vor allem beratend tätig sein, wie es auf APA-Anfrage hieß.

Guttmanns zahlreiche Mitgliedschaften und Funktionen spiegeln sein reichhaltiges wissenschaftliches und akademisches Leben wider: Er ist u.a. wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Gründungsrektor der Universität für Humanwissenschaften im Fürstentum Liechtenstein und Ko-Gründer der Gesellschaft für Verhaltenstherapie. Zudem ist er Vorstandsmitglied des Viktor Frankl-Instituts, Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst Erster Klasse und des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um das Land Wien.

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