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Darstellung der Eroberung der Festung Raab im langen Türkenkrieg 1598 © Wikimedia Commons
Darstellung der Eroberung der Festung Raab im langen Türkenkrieg 1598 © Wikimedia Commons

APA

"Kleine Eiszeit" beendete Türkenkrieg und "Boom" im Osmanischen Reich

03.05.2018

Der Höhepunkt der "kleinen Eiszeit" um das Jahr 1600 traf einer neuen Analyse eines Forschungsteams mit österreichischer Beteiligung vor allem das Osmanische Reich besonders hart. Der damalige Klimawandel beendete dort eine "Boomzeit" und verkürzte den Forschern zufolge auch den 1606 beendeten "langen Türkenkrieg" mit dem Habsburgerreich, wie sie im Fachblatt "Human Ecology" berichten.

Extreme Kälte- und Dürreperioden vor allem in den Kerngebieten des Osmanischen Reiches im östlichen Mittelmeerraum setzten dem seit 1593 vor allem im heutigen Ungarn tobenden Krieg indirekt ein Ende, wie Studien-Coautor Johannes Preiser-Kapeller vom Institut für Mittelalterforschung der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) der APA erklärte. Zwar zog die Wetterveränderung, die ausgehend von der "mittelalterlichen Warmzeit" ab dem 14. Jahrhundert eine deutliche Verschiebung der durchschnittlichen Temperaturen nach unten mit sich brachte, auch Europas Bevölkerung stark im Mitleidenschaft. Im Osmanischen Reich waren die Auswirkungen jedoch umso stärker, da es dort zuvor zu einer großen Bevölkerungszunahme gekommen war.

Bäume und Tropfsteine als "Klimaarchive"

In der groß angelegten Studie analysierte das Wissenschafterteam neben historischen und archäologischen Informationen auch viele neue naturwissenschaftliche Daten, etwa aus Baumringanalysen oder aus "Klimaarchiven" aus Tropfsteinhöhlen aus dem Nahen Osten. Diese erlauben Rückschlüsse auf die Wetterbedingungen in sehr genauer zeitlicher Auflösung.

Im Gegensatz zu Europa, wo die durch die "kleine Eiszeit" verschärfte Versorgungssituation auch mit dem vermehrten Auftreten von Hexenverbrennungen und Religionskriegen in Verbindung gebracht wird, wusste man über die Auswirkungen der Veränderungen im östlichen Mittelmeerraum noch deutlich weniger, sagte Preiser-Kapeller. Die Frage war auch, warum die Osmanen von der damaligen Schwächung Europas nicht stärker profitieren konnten?

"Die Antwort ist: Weil sie neben anderen politischen Faktoren selbst schon so viel stärker von der Klimaveränderung getroffen wurden", sagte Preiser-Kapeller. Dass es um 1600 dort eine deutliche Krise mit Hungersnöten und den sogenannten Celali-Aufständen (1596 bis 1610) in Anatolien gab, war zwar bereits bekannt, welche Rolle das Klima dabei spielte, war jedoch unklar. Die neue Studie lasse nun kaum mehr Zweifel an der starken Verbindung zu, zeigte sich Preiser-Kapeller überzeugt. Vor allem die Tatsache, dass zuvor in der Region sehr günstige Bedingungen herrschten, verschärfte die Krise ungemein. Die stark angewachsene Bevölkerung konnte kaum mehr ernährt werden. "Der Staatsapparat und das Militär waren für die neue Ressourcenbasis zu groß dimensioniert", so der Forscher.

Die Kreuzfahrer und das Zuckerrohr

Die Analyse zeigte auch, dass die Kreuzfahrer aus Europa, die im Jahr 1099 Jerusalem eroberten, von deutlich besseren Bedingungen in der Region profitierten. Aufgrund dessen konnten sie im Jordantal im heutigen Israel und Jordanien den wasserintensiven Anbau von Zuckerrohr intensivieren. Vom lukrativen Zucker-Export profitierten die Kreuzfahrer daraufhin stark.

Ihre Nachfolger als Herrscher in der Region, die Mamluken, hatten dann zwischen 1260 und 1516 sozusagen weniger Glück mit dem Wetter. Hier begann sich das Klima zu ändern, auch die Pest wütete ab den 1340er Jahren. Eine Forschungsfrage war nun, ob man damals auf die Veränderung "vernünftig" reagiert hat, so Preiser-Kapeller. Es zeigte sich jedoch, dass dem nicht so war: Unter den Mamluken ging der vor allem für die Oberschicht profitable Zuckerrohranbau weiter, obwohl Wasser deutlich knapper wurde - was dann wiederum auch "soziale Verwerfungen" mit sich brachte. 1517 wurde das geschwächte Mamluken-Reich dann von den Osmanen erobert.

Service: https://doi.org/10.1007/s10745-018-9995-9

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