Kultur & Gesellschaft

Auf dem Weg zum "Innoviduum" © Pixabay/Pixabay
Auf dem Weg zum "Innoviduum" © Pixabay/Pixabay

Kooperationsmeldung

Nachhaltige Veränderung kommt von innen

18.09.2013

Von Markus Pollhamer

Getrieben von utopischen Wachstumsvorstellungen, Wettbewerbsdenken und anderen vermeintlichen Erfolgslogiken der Vergangenheit, scheint es in der heutigen Welt, als würden die Wellen der Innovation und Veränderung immer schneller aufeinanderfolgen und sich geradezu überschlagen. Doch dass bisherige, diesem Verständnis zugrunde liegende Innovationsansätze, der wirtschaftlichen bzw. gesellschaftlichen Entwicklung sogar entgegenwirken können, wird nach wie vor ignoriert und sogar bestritten. Ein vielversprechender Ansatzpunkt liegt aus Sicht des Verfassers deshalb nicht etwa in der Verbesserung bestehender, eher abstrakter Innovationsansätze, sondern in der Konzentration auf das Individuum als kleinster gemeinsamer Nenner im Innovationsgeschehen. Warum dem Individuum in der Vergangenheit ein viel zu geringer Stellenwert im Hinblick auf Innovation eingeräumt wurde, warum es in Zukunft jedoch ganz entscheidend sein wird, den Menschen in den Mittelpunkt des Innovationsgeschehens zu stellen, warum unter Innovation auch der Veränderungsprozess beim Menschen selbst betrachtet werden kann und wie dieses neue Innovationsverständnis dazu beitragen kann, erhoffte gesellschaftliche, wirtschaftliche oder technologische Verbesserungen zu realisieren, beantwortet der folgende Beitrag. Diese neue Sichtweise auf Innovation verlangt schließlich nach einer neuen Innovationsart – der „Persönlichen Innovation“.

Welche Bedeutung hat Innovation für Mensch und Gesellschaft?

Neben Wirtschaft, Politik und Wissenschaft gibt es viele weitere Bereiche in unserem täglichen Umfeld, welche die Bedeutsamkeit von Innovationen für unser Leben bestätigen. Neben der unzähligen Verwendung des Wortes Innovation weisen zahlreiche Publikationen und Forschungsarbeiten auf die Relevanz von Innovation hin. Innovation wird meist mit weitblickenden Erwartungshaltungen, welche die Zukunft betreffen, verknüpft. Innovatives Verhalten geht demnach einher mit einer erwarteten bzw. erhofften Verbesserung in Bereichen der Gesellschaft, der Wirtschaft oder der Technologie. Die Bedeutung von Innovationen für Mensch und Gesellschaft wird dadurch offensichtlich, da diese positiv auf wichtige gesellschaftliche Themen wie z.B. Umweltschutz, Bildung, Sozialverträglichkeit oder ganz allgemein formuliert, die Erschaffung einer lebenswerten Zukunft wirken.

Die Bedeutsamkeit von Innovation wird zusätzlich durch dem Umstand verstärkt, dass unsere Gesellschaft kontinuierlicher und rasanter werdender Veränderung ausgesetzt ist (verändertes Kommunikations- und Informationsverhalten durch mobile Endgeräte, neue Geschäftsmodelle durch die zunehmende Vernetzung von Menschen und Maschinen, Chancen und Risiken hinter Big Data und Cyberspace, etc.). Menschen bzw. Organisationen sind dieser Veränderung nicht nur ausgesetzt, sie tragen durch Reformen, Entwicklungen und neue Ideen auch entscheidend zu dieser bei. Dieses rasante Tempo, gepaart mit Megatrends wie zunehmender Individualisierung, Globalisierung oder Connectivity, stellt Regeln und Mechanismen, die noch vor kurzem für komplexe Systeme, die Gesellschaft, sowie auch für das Individuum galten, auf den Kopf. Innovation ist gerade deshalb für ein modernes zukünftiges Leben der Menschen so wichtig.

Was ist Innovation eigentlich?

Durch die steigende Bedeutung der Innovation für Mensch und Gesellschaft bildeten sich in den vergangenen Jahren vielfältige Definitionen des Innovationsbegriffes heraus. Der Gebrauch des Begriffes Innovation ist jedoch ebenso wie dessen Definition so unterschiedlich, dass Vergleiche der unzähligen Veröffentlichungen nur schwer möglich sind. Im Wesentlichen beinhaltet ein Großteil dieser Definitionen aber bereits 1912 von Schumpeter beschriebene Aspekte. Innovationen entstehen demnach auf Basis einer neuen Idee, deren erfolgreichen Umsetzung sowie der Generierung eines besonderen Wertes bzw. einer Wertsteigerung gegenüber Vorhandenem (vgl. hierzu auch aus der vielfältigen Darstellung im Rahmen der Innovationsliteratur Wahren 2004, Disselkamp 2005 sowie Stern & Jaberg 2010). Auch Kreativitätsforscher kommen zu einem ähnlichen Schluss. Sie differenzieren Kreativität, indem sie diese einerseits als Potenzial, andererseits als Performance konstruieren. Wird Kreativität Personen zugeschrieben, dann vor allem, wenn diese Person auch wirklich etwas geschaffen hat. Einfallsreichtum und Originalität sind demnach zwar wichtige Ressourcen im Sinne des kreativen Potenzials, doch erst durch Performance – die Hervorbringung von etwas Neuem und Werthaltigem – wird Kreativität erst wirklich wahrgenommen. (vgl. Westmeyer 2009, S. 14ff.)

Die vorhandenen Definitionen beinhalten sehr viele Aspekte wie z.B. die Perspektive des Treibers einer Innovation (Technology-Push vs. Market-Pull), die Tragweite und Bedeutung einer Innovation (von inkrementellen Innovationen bis zu radikalen Innovationen), den Grad der Neuheit einer Innovation (Marktneuheit vs. Weltneuheit, objektive vs. subjektive Neuheit) oder die Bereiche einer Innovation (Produktinnovation, Serviceinnovation, Geschäftsmodellinnovation, etc.).

Fehlt da nicht etwas?

Die zahlreichen Innovationsdefinitionen tragen dennoch nicht gänzlich zur (Er-)Klärung dessen bei, wie Neues und Werthaltiges tatsächlich in die Welt kommt. Innovation heißt häufig nicht nur, neue Technologien, Prozesse und Strukturen zu entwickeln, sondern umfasst auch verändertes Bewusstsein und die Fähigkeit neu auf die Welt zu blicken. Das Objekt der Innovationstätigkeit kann deshalb nicht ein Produkt (Produktinnovation), ein Prozess (Prozessinnovation), der Markt (Marktinnovation) oder die Gesellschaft (Soziale Innovation) sein. Geht es um neue Sichtweisen, um ein neues Verständnis oder neue Verhaltensmuster, kann das Objekt der Innovationsaktivität nur der Mensch selbst sein. Fehlt es an Motivation, dem Bewusstsein hinsichtlich der eigenen Fähigkeiten oder der Veränderungsbereitschaft des Einzelnen, ist es weitaus schwieriger, Neues in die Welt zu bringen.

Wird das Individuum ins Zentrum der Innovationsaktivitäten gerückt, reicht das vorhandene Innovationsverständnis jedoch nicht aus. Es sind Defizite, was die Definition von Innovationen sowie die Notwendigkeit der Veränderung des Einzelnen und das Verstehen der damit verbundenen Wandlungsprozesse betrifft, festzustellen. Ein wichtiger Ansatzpunkt zur Erklärung dieser Lücken liegt darin, dass die Innovationsforschung häufig aus einer betriebswirtschaftlichen bzw. einer industriegesellschaftlich verwurzelten natur- und ingenieurwissenschaftlichen Perspektive betrieben wurde, dabei allerdings zu wenig berücksichtigt, dass es Menschen sind, die erfolgreiche Innovationen ermöglichen (vgl. Streicher et al., 2009, S. 105 oder Howaldt 2009, S. 6). Aus Sicht des Verfassers konzentriert sich zusätzlich ein Großteil der Arbeiten zum Thema Innovation auf Abstraktionen wie Strategie, Kultur, Organisation oder Prozess und deren Management. Auch hier sind es Menschen die querdenken und nicht Organisationen, Strukturen und Prozesse. Erst wenn der eigentlichen Innovationsquelle - dem Individuum - die entsprechende Bedeutung zukommt und dieses sich auf innovative Art und Weise entfalten kann, werden letztendlich auch Unternehmen, Organisationen und ganze Länder davon profitieren.

Dem Individuum wurde in der Vergangenheit zu wenig Bedeutung hinsichtlich Innovation beigemessen, soviel steht fest. Wie verhält es sich nun aber mit der Bedeutung des Individuums in der Zukunft?

Welche zukünftige Rolle hat der Mensch im Innovationsgeschehen?

Nicht nur, dass dem Individuum in der Vergangenheit zu wenig Bedeutung hinsichtlich der Entstehung von Neuem, Werthaltigem beigemessen wurde, auch ein Blick in die Zukunft zeigt, dass das aktuelle Innovationsverständnis nicht ausreichen wird, um Innovationen ausreichend zu forcieren.

Die Betrachtung einer möglichen Zukunft anhand der Theorie der langen Wellen gibt Aufschluss darüber, wie es zur Entstehung des Neuen - im Sinne der die Wirtschaft sowie die Gesellschaft revolutionierenden Basisinnovationen - kommt und welche Rolle dabei der Mensch im Trubel des Innovationsgeschehens spielt. Diese bereits 1926 veröffentlichte und vom russischen Wissenschafter Nikolai Kondratieff entwickelte Theorie der langen Wellen erklärt sehr überzeugend die Wechselwirkungen zwischen technologischen, wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Entwicklungen, was solide kurzfristige wie auch langfristige Prognosen möglich macht (vgl. Nefiodow 2006, S. 2). Das Modell zeigt bisherige Basisinnovationen und die von ihnen ausgelösten langen Konjunkturwellen in Perioden von 40-60 Jahren. Geht ein Zyklus zu Ende, wird ein Mangel erkennbar, der sich in Form eines Problems für die Gesellschaft manifestiert. Dieses Problem erfordert dann eine Änderung der Blickrichtung, da die bisherige Perspektive das Problem geschaffen hat und somit nur wenig zur Lösung beitragen kann.

Die von Nefiodow dargestellten Ausprägungen für den sechsten Kondratieff-Zyklus (zentrale Rolle der psychosozialen Kompetenz, Organisation der zwischenmenschlichen Beziehungen, Optimierung von Informationsflüssen im und zwischen Menschen, etc.) geben Aufschluss darüber, dass die Menschen und ihre Beziehungsebenen in den Mittelpunkt des Innovationsgeschehens rücken und auch Treiber des neuen Zyklus werden.

Ebenso gibt es noch viele weitere ähnliche Sichtweisen zur Entwicklung des sechsten Kondratieffs, dessen Beginn um das Jahr 2015 erwartet wird. Auch diese messen immateriellen Werten zukünftig eine höhere Bedeutung bei als materiellen Gewinnen und es werden nicht mehr nur marktstrategische und auf den technologischen Bereich bezogene Fähigkeiten, sondern Fähigkeiten wie Intuition und Kreativität – weil auf das Individuum bezogen – wichtiger. Als dem sechsten Kondratieff zugeordnete Bedürfnisebenen sind Individualität und Beziehung zu sehen, welche eine „Bewusstseinsänderung“ als grundlegende Innovation des neuen Zyklus definieren. (vgl. hierzu beispielsweise Rupp 2010, S. 20f.).

Der neue prognostizierte Zyklus offenbart, dass das Individuum mehr denn je nach seinem Identitätskern sucht und die eigenen Talente und Fähigkeiten bewusst umsetzen möchte. Der bevorstehende Wandel schafft deshalb tiefgreifende Einschnitte in das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen. Nimmt der Einzelne diese Herausforderung an, kann er authentisch und selbstbewusst agieren und schöpft Kraft und Sinn in seinem Tun, was nicht nur ihn, sondern auch Organisationen bzw. Unternehmen zukunftsfähig macht. Innovationen werden von Menschen für Menschen gemacht und sollen so die Welt verbessern. Deshalb sollte auch der Mensch im Zentrum der Betrachtung stehen und schließlich von der Innovation profitieren: Der Mensch als Konsument, der Mensch als Mitarbeiter in Unternehmen und Organisationen und – was bis heute sehr oft vernachlässigt wird – der Mensch als Mensch.

Persönliche Innovation – das fehlende Glied?

Werden die derzeitige Präferenz zur technischen Lösung (natur- und ingenieurwissenschaftliche Perspektive, Abstraktionen, etc.) sowie die steigende Relevanz des Individuums als Zentrum von Innovation als zentrale Ausgangsthesen herangezogen, ist der Ruf nach einer neuen Perspektive auf das Thema Innovation der logische nächste Schritt. Diese neue Perspektive spricht der Innovation einen sehr persönlichen Charakter zu und der Mensch selbst wird zum Objekt der Innovationsaktivität.

Aus Sicht des Verfassers muss neben den zahlreichen bestehenden Innovationsarten auch eine neue zulässig sein. Die Rede ist hier von „Persönlicher Innovation“.

Innovation ist in diesem Sinne als Veränderungsprozess beim Menschen selbst zu verstehen, sofern diese, wie bereits einleitend erläutert, die bereits 1912 von Schumpeter beschriebenen Aspekte der neuen Idee, deren erfolgreichen Umsetzung sowie der Generierung eines besonderen Wertes erfüllt. Die neue Idee ist im Fall der persönlichen Innovation ein Wunsch oder eine konkrete Vorstellung über die neue bzw. veränderte Identität (hier steht im Vordergrund, welche Merkmale oder Eigenschaften im Selbstverständnis des Individuums erachtet werden). Kann diese Idee der Transformation (Entwicklung, Wandel, Veränderung, etc.) erfolgreich umgesetzt werden, entsteht automatisch ein Mehrwert, welcher sich in einer Erweiterung des Bewusstseins (Veränderung der eigenen Wahrnehmung, Standpunkte und Einschätzungen durch Lernprozesse und Selbstreflexion) ausdrückt.

Ein Beispiel: Eine Person ist von Grund auf ängstlich und zaghaft bei allen Entscheidungen. Die neue Idee besteht also in einem „mutigeren Menschen“, der beherzt und unerschrocken agiert. Kann diese Person die notwendigen Schritte, bspw. durch Übungen, Methoden oder Coaching, zur erfolgreichen Umsetzung der Idee realisieren, hat dies Einfluss auf die Erweiterung des Bewusstseins (gesteigertes Selbstvertrauen, bessere Einschätzung von Situationen, etc.), welche den Mehrwert repräsentiert. Je mehr die Gedanken, Gefühle und Handlungen zu einer Veränderung des Bewusstseinszustandes beitragen oder dem Erleben einer größeren Einsichts- oder Wahrnehmungsfähigkeit dienen, desto höher ist die Wertsteigerung gegenüber einer vorhandenen Lebenssituation.

Wie bei anderen Innovationsarten auch, kann eine Klassifizierung durchgeführt werden. Was die Tragweite und Bedeutung der persönlichen Innovation angeht, kann auch hier zwischen großen, revolutionären Innovationen und kleinen, inkrementellen Innovationen unterschieden werden. Während eine inkrementelle Innovation vorwiegend eine geringe Veränderung der eigenen Wahrnehmung, Denk- und Verhaltensmuster bezeichnet (was durchaus zur Verbesserung bestehender Situationen oder Fähigkeiten beitragen kann), ist eine radikale Innovation hier als Vorstoß in völlig unbekanntes Terrain zu bewerten, welche weit über das alltägliche Bewusstsein hinausgehende Erfahrungen ermöglicht. Aufgrund fehlender Erfahrungswerte sind radikale persönliche Innovationsvorhaben durch einen langen Zeithorizont und hohe Unsicherheiten charakterisiert. Je schwieriger die individuellen Bedingungen auf dem Weg zur neuen Identität erscheinen und je größer die zu erwartende Veränderung ist (bspw. vom „Nesthocker“ zum „Weltenbummler“), desto radikaler ist die Innovation einzustufen.

Der Grad der Neuheit der Persönlichen Innovation hängt wesentlich vom Auge des Betrachters ab, weshalb auch hier zwischen subjektiver und objektiver Neuheit unterschieden werden kann. Lediglich ein völlig neuer Lebensstil wäre als objektiv neu einzustufen. Doch speziell bei der Persönlichen Innovation steht die subjektive Wahrnehmung im Mittelpunkt. Als neu ist hier etwas zu betrachten, das aus Sicht des jeweiligen Individuums neu ist. Es ist unwesentlich, ob die Neuheit von einem anderen Menschen bereits in ähnlicher Form realisiert worden ist, vielmehr beschreibt der Neuheitsgrad das Ausmaß an Veränderung (neue Erfahrungen, neue Erkenntnisse, neue Fähigkeiten, etc.), welche mit der Persönlichen Innovation einhergeht.

Bei der Persönlichen Innovation gibt es noch weitere Besonderheiten. Die Innovationsaktivitäten selbst beziehen sich nicht, wie bei allen anderen Innovationsarten, auf das Außen, sondern haben primär eine nach innen gerichtete Perspektive, hin zum eigenen Antrieb, den eigenen Talenten und Fähigkeiten sowie den eigenen Wünschen und Zielen. Sinn und Bedeutung des eigenen Denken, Fühlen und Handeln treten so in den Vordergrund. Gelingt es dem Einzelnen, Innovation nicht nur im Außen (Produkte, Prozesse, Strukturen, etc.) zu sehen, sondern als zentrales Element in seinem Leben zu verankern, sodass diese in ihm selbst Bestand hat, werden die Veränderungen, die Innovation mit sich bringt unweigerlich auch nach Außen – der Partnerschaft, am Arbeitsplatz, am Markt, etc. – wirksam. Die Herausforderung hierbei liegt nicht nur in der Förderung des Individuums selbst, sondern auch in der Verankerung individueller Vielfalt in solidarischen gesellschaftlichen Zusammenhängen (vgl. Armanski, 1993, S. 62ff.). Somit gilt es bei der erfolgreichen Umsetzung der Persönlichen Innovation nicht nur eigene Interessen zu betrachten, sondern auch die gesellschaftlichen bzw. organisatorischen Zusammenhänge zu beachten und zu respektieren. In der Folge wird dieser Mehrwert auch für Unternehmen und Organisationen spürbar werden, sofern diese die persönliche Entwicklung ihrer Mitarbeiter fördern und sowohl als Mittel zur persönlichen Freiheit, als auch als entscheidenden Wettbewerbsfaktor in einer globalisierten Welt verstehen.

Außerdem sollte die Persönliche Innovation mehr als Schöpfung einer neuen Existenz verstanden werden und nicht bloß als eine einzelne, isolierte Handlung. Sie ist eine Art Kreislauf bei der jede einzelne Veränderung (inkrementell oder radikal) das persönliche Innovationssystem stärkt. Die Fähigkeiten und Potenziale werden so eingesetzt, dass sie die persönliche Innovationsleistung sowie Veränderungsbereitschaft fördern und sich so ein Mehrwert gegenüber der früheren Lebenssituation darstellt.

Wie es weiter geht

Auch wenn die oben dargestellten Ausführungen eher auf eine individualistische Gesellschaftsform hindeuten mag, geht es in der Folge aber nicht darum, ob das eine (individualistische Gesellschaftsform) oder das andere (kollektivistische Gesellschaftsform) Paradigma recht behält, sondern darum, wie die entsprechenden Beziehungen gestaltet werden können, um - wie eingangs erwähnt - eine Verbesserung in unterschiedlichen Bereichen zu erzielen. Es könnte sich schließlich herausstellen, dass das Innovationsverständnis sowie die vermeintlichen Erfolgslogiken der Vergangenheit keine zufriedenstellende Antwort auf die brennenden Fragen der Gegenwart und der Zukunft darstellen und womöglich die Persönliche Innovation zum Erfolgsfaktor Nummer eins für die gesellschaftliche Modernisierung avanciert.

Ob sich diese Idee schließlich durchsetzt und sich das innovative Individuum tatsächlich in der Praxis bewährt, wird sich zeigen. Diese Idee ist jedoch nur dann zu realisieren, wenn sie gemeinschaftlich weiterentwickelt und schließlich zur Umsetzung gebracht wird. Gelingt dies, kann ein wesentlicher Beitrag für die gesellschaftliche Modernisierung geleistet werden, denn Innovationen lassen sich nicht nur am Siegeszug neuer Technologien und der Einführung und Verbreitung von Produkten und Prozessen zur kommerziellen Nutzung ablesen. Innovation muss auch als Veränderungsprozess beim Menschen selbst betrachtet werden, sofern das Individuum dadurch der eigenen Zielsetzung näher kommt, seine Potenziale entsprechend nutzt und trotz der hohen Individualität eine gute Balance zwischen der eigenen Identität und der Gesellschaft findet. Ansatzpunkte dafür sind das eigene Denken, Fühlen und Handeln sowie die Weiterentwicklung von sozialer, kommunikativer und emotionaler Kompetenz. Ziel sollte es sein, Bewusstsein für eine Innovation von nicht-ökonomischer Art - die Rede ist hier von Persönlicher Innovation - zu schaffen, welche jedoch bei genauerem Hinschauen großes Potenzial für folgenreiche Veränderung in Richtung zukunftsfähige Organisationen und Gesellschaft aufweist. Diese Persönliche Innovation sollte deshalb als Voraussetzung für alle anderen Innovationsarten verstanden und somit generell stärker zum Gegenstand von Forschungs- und Entwicklungsprogrammen gemacht werden.

Gelingt es diese Rahmenbedingungen zu schaffen, steht der Entwicklung vom Individuum zum „Innoviduum“ nichts mehr im Wege.

Literatur

Armanski, Gerhard (1993). Dialektik der Individuation: Der einzelne Mensch und die moderne Gesellschaft, in: P&G Jg. 17, 1993, Heft 1, S. 45-67

Disselkamp, Marcus (2005). Innovationsmanagement: Instrumente und Methoden zur Umsetzung im Unternehmen. Wiesbaden: Gabler Verlag.

Howaldt, Jürgen (2009). Vom Wandel des Innovationsverständnisses von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. Expertise im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprogramms Arbeiten – Lernen – Kompetenzen entwickeln. Dortmund.

Nefiodow, Leo (2006). Der sechste Kondratieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. St. Augustin: Rhein-Sieg Verlag.

Rupp, Thomas (2010). Die Rückkehr zur Emotionalität. Über den Weg vom Maschinen- ins Menschenzeitalter. Strategie Journal, H. 03/10, 20-21.

Schumpeter, Joseph A. (1934). Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über Unternehmergewinn, Kapital, Kredit, Zins und den Konjunkturzyklus. 4. Auflage, Leipzig.

Stern, Thomas & Jaberg, Helmut (2010). Erfolgreiches Innovationsmanagement/Erfolgsfaktoren-Grund¬muster-Fallbeispiele. Wiesbaden: Gabler Verlag.

Streicher, Bernhard & Frey, Dieter & Jonas, Eva & Maier, Günter W., (2009), Der Einfluss organisationaler Gerechtigkeit auf innovatives Verhalten. In Witte Erich H. & Kahl Cara H. (Hrsg.), Sozialpsychologie der Kreativität und Innovation (S. 11-26). Lengerich: Pabst Science Publishers.

Wahren, Heinz-Kurt (2004). Erfolgsfaktor Innovation. Ideen systematisch generieren, bewerten und umsetzen. Berlin/Heidelberg/New York: Springer Verlag.

Westmeyer, Hans (2009). Kreativität als relationales Konstrukt. In Witte Erich H. & Kahl Cara H. (Hrsg.), Sozialpsychologie der Kreativität und Innovation (S. 11-26). Lengerich: Pabst Science Publishers

Der Autor

Markus Pollhamer ist bei der Fa. Fronius International in den Bereichen Strategic Planning und Business Development als Leiter von zahlreichen Innovationsprojekten tätig.

Von 2003 bis 2007 Studium an der Fachhochschule Wels zum DI (FH) für Innovations- und Produktmanagement. Von 2008 bis 2010 Studium zum diplomierten Produktentwickler an der Montanuniversität Leoben. Zertifizierungen im Bereich Qualitätssicherung, Projektmanagement sowie Produkt- und Wertanalyse. Berufsbegleitende Managementausbildungen im Bereich Strategische Planung sowie Zukunfts- und Trendforschung. Autor der Bücher "Entwicklungsqualität" (Hanser-Verlag) sowie "Was ist vor der Produktentwicklung" (Shaker-Verlag). Beirat der PDMA Österreich (Product Development & Management Association) sowie Generalobmann des Alumni Club FH OÖ und Obmann des Alumni Club Wels.

E-mail an die Redaktion: innovating@apa.at

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