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Naturkundemuseum Brasilien: Habsburger-Palast im Dornröschenschlaf

23.05.2018

Leopoldine von Habsburg hatte als Kaiserin enormen Einfluss auf das Schicksal Brasiliens. In Abwesenheit ihres Gatten unterschrieb sie 1823 die Unabhängigkeitserklärung und löste damit die Kolonie von der portugiesischen Krone. Ein paar Jahre zuvor hatte die leidenschaftliche Naturkundlerin ihren Schwiegervater Joao IV. davon überzeugt, ein naturkundliches Museum zu gründen.

Dieses heißt nun Museu Nacional, ist im ehemaligen Palast der Kaiserin, im Park Quinta da Boa Vista in Rio de Janeiro beheimatet und feiert heuer 200-jähriges Bestehen. Nur die Bevölkerung bekommt davon recht wenig mit, denn das Museum, das mit 20 Millionen Ausstellungsstücken die nach eigenen Angaben größte und bedeutendste Naturkundesammlungen Lateinamerikas beheimatet, schlummert in einem Dornröschenschlaf. Lediglich 200.000 Besucher kommen pro Jahr, Schulklassen schon eingerechnet. Auch die, die jeden Tag die letzte Stunde vor Schließung nutzen, um sich die Ausstellungen umsonst anzuschauen, sind da schon enthalten. Eine beschämend kleine Zahl, findet auch Alexander Kellner.

Seit Februar ist der 56-Jährige, dessen Eltern aus Liechtenstein stammen, Direktor der Einrichtung, in der er seit 20 Jahren forscht. Sein formuliertes Ziel: 1 Millionen Zuschauer pro Jahr. Damit würde das Museu Nacional sogar das Naturhistorische Museum in Wien (2017: 757.000 Besucher) deutlich hinter sich lassen. "Ich möchte, dass die Brasilianer nicht nach London, New York oder Wien fliegen müssen, um eine bedeutende naturkundliche Ausstellung zu sehen, wenn wir doch eigentlich alles hier haben."

20 Millionen Ausstellungsstücke

Die Sammlung umfasst nämlich unter anderem die größte Meteoritensammlung Brasiliens, eine Ägyptenausstellung, zu der seinerzeit beide Kaiser, Dom Pedro I. und Dom Pedro II. zahlreiche Exponate hinzufügten und die Mineraliensammlung von Abraham Gottlob Werner, auf die auch Napoleon scharf war. An ihr hätte die passionierte Mineralogin Leopoldine sicher große Freude gehabt. Aber auch eine gewaltige Sammlung von Pflanzen und Tieren zählt dazu. "Wir haben alleine fünf Millionen Insekten", sagt Kellner stolz. Insgesamt sind es 20 Millionen Ausstellungsstücke. Und Kellner entdeckt immer wieder neue Schätze. Erst kürzlich tauchten im Fundus handschriftliche Briefe der Kaiserin Leopoldine auf - bisher gänzlich unerforscht.

Um auf potenzielle Besucher attraktiv zu wirken, müssten diese erst einmal von der Existenz des Museums erfahren. Eine Marketingabteilung gibt es bisher nicht, folglich auch keine Vernetzung zur Tourismusbranche, die in Rio de Janeiro generell noch ausbaufähig ist. Aber auch baulich muss sich im früheren Palast einiges ändern. "Es gibt keine ersten Schritte", sagt Kellner. In seiner gerade erst begonnene Amtszeit läuft ihm im Grunde vom Anfang an die Zeit davon. "Ich mache verschiedene Schritte gleichzeitig, um verschiedene Türen aufzustoßen", die alle irgendwo zum Ziel führen müssen: "Es geht viel mehr um Prioritäten."

Der Investitionsstau zeigt sich deutlich in Kellners Arbeitszimmer. "Das Zimmer war 15 Jahre verschlossen", sagt er. Auf den ersten Blick ein eleganter Raum mit Stuckverzierungen und einigen Gegenständen aus der Kaiserzeit. Bei genauerem Hinsehen blättert die Farbe ab, bröckeln Putz und Stuck. Hier wurde über Jahrzehnte nichts mehr gemacht. Stattdessen wurde der Raum vernagelt. In einem Museum, das aus allen Nähten platzt. Vor der hässlichsten Wand steht Kellners Schreibtisch. "Symbolisch", wie er sagt. Ein tägliches stummes Mahnmal seiner Aufgabe. Sicher: Ein paar Eimer Farbe und etwas Gips und der Laie würde nichts merken. "Ich will es aber nicht reparieren, ich will es restaurieren", sagt Kellner.

Restaurieren, das bedeutet für ihn, das Museum, den früheren kaiserlichen Wohnsitz, in einer angemessenen Art und Weise zu präsentieren und zu erhalten. "Hier wurde Brasilien geboren, hier fand die erste republikanische Versammlung statt", sagt er. Der Palast ist so etwas wie die Keimzelle des modernen Brasiliens. "Dieses zu verlieren, wäre ein Verbrechen", sagt Kellner. Immer wieder wurde in der Vergangenheit an dem Gebäude herumgewerkelt, gerade so viel wie eben nötig und Geld da war.

Mehr finanzieller Spielraum anvisiert

Das Museum ist Teil der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ). Das hat durchaus Vorteile: Es bietet nicht nur die Ausstellung, sondern Forschung und Lehre auf hohem Niveau. Doch die Nachteile scheinen zu überwiegen. Viele Vorgänger Kellners verwalteten die Einrichtung nur, ohne sie weiterzuentwickeln. Die Präsentation und die didaktische Aufbereitung erinnern eher an Ansätze aus den 1980er-Jahren. Zudem ist diese finanziell vom Universitätsbetrieb abhängig. Wie hoch Einnahmen, Ausgaben oder Eintrittszahlen sind, wird bisher nicht erhoben. Geld kommt mit der Gießkanne. "Es gibt ein Budget. Aber ich habe die Zahlen nie zu Gesicht bekommen.", zuckt Kellner mit den Schultern.

Eine Möglichkeit, diesen Missstand zu beheben, könnte sein, externe Geldgeber zu akquirieren. "Doch es bringt wenig, Briefe an Unternehmen zu schreiben", sagt Kellner. Ohne persönliche Kontakte läuft nichts. Zurzeit steht er im Kontakt mit der Bundesregierung in Brasilia. Sie soll dem Museum ein Grundstück zur Verfügung stellen. "Dann könnten wir die ganze Verwaltung auslagern und richtig mit der Restaurierung beginnen", erzählt. Kellner. Ein weiterer Schritt in Richtung mehr finanziellen Spielraum war die Gründung einer Gesellschaft, einer Art Freundeskreis des Museums. Mit ihr kann das Museum nun direkt Spenden entgegennehmen. Ein Cafe, international ein Standard aber bis dato nicht vorhanden, könnte ebenfalls attraktiv auf Besucher wirken.

Langfristiges Ziel muss es aber sein, das Museu Nacional als Ort des nationalen Erbes und Geschichte in die Mitte der Gesellschaft zu rücken, den Menschen die Bedeutung begreifbar machen und ein aktiver und zeitgemäßer Teil der Gesellschaft zu werden. Bis dahin ist es ein weiter Weg. Das weiß auch Kellner. Der in Liechtenstein geborene Paläontologe ist für vier Jahre gewählt. Nur, ist man geneigt zu sagen, mit Blick auf den Aufgabenberg. Verdammt wenig Zeit, um einen Jahrzehnte lang aufgeschobenen Investitions- und Innovationsstau aufzulösen. Da kommt der runde Geburtstag eigentlich fast zu früh. Doch eine Sache ist schon fix: Kellner will in den nächsten Monaten Politiker, Unternehmer und interessierte Bürger der 7,6-Millionen-Metropole zu einer Versammlung zusammentrommeln. Dort will er das Museum vorstellen und die bevorstehenden Aufgaben in möglichst großer Runde präsentieren.

Doch dem 56-jährigen Paläontologen, der für diese Zeit seine wissenschaftliche Arbeit weitgehend ruhen lassen muss, wird mit Blick auf die Zukunft nicht bange. "Ich habe vor der Wahl immer gesagt: Wenn ich kandidiere, dann um etwas zu verändern." Vielleicht kommt das Jubiläum ja noch ein wenig früh, um die ersten Veränderungen wahrzunehmen. Aber 2020 zum 200-jährigen Bestehen der UFRJ. Ob er denn lieber einen Neubau wie das Museu do Amanha (Museum von Morgen) des spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava hätte, wie es die Stadtverwaltung zu den Olympischen Spielen der Stadt für über 60 Millionen Euro spendierte, um das Hafenviertel aufzuwerten? "Nein", sagt Kellner. "Ich würde nicht tauschen."

Von Andreas Nöthen/APA

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