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Sibylle Berg: "Nerds retten die Welt. Gespräche mit denen, die es wissen" © www.kiwi-verlag.de
Sibylle Berg: "Nerds retten die Welt. Gespräche mit denen, die es wissen" © www.kiwi-verlag.de

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"Nerds retten die Welt": Sibylle Berg auf der Suche nach Erkenntnis

15.06.2020

Von der Psychologie über die Politologie hin zu Philosophie und Pathologie? Das wäre eine interessante Gedankenreise - doch Sibylle Bergs Gespräche mit 16 Wissenschaftern gehorchen keiner logischen Abfolge, sondern umkreisen dasselbe Thema: die globale Lage und wie sie sich künftig verbessern lässt. "Nerds retten die Welt" nennt sie ihre "Gespräche mit denen, die es wissen".

Irgendetwas macht die 58-jährige in Weimar geborene und in Zürich lebende Autorin gerade sehr richtig. Als Dramatikerin wurde sie für ihr bei den Wiener Festwochen uraufgeführtes "Hass-Triptychon" 2019 mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet, als Prosaautorin erhielt sie für ihren dystopischen Roman "GRM - Brainfuck" den Schweizer Buchpreis 2019. "Eispickelharte Gesellschaftskritik" nannte die Jury ihr Buch: "Sibylle Berg ist das Kunststück gelungen, einen Roman zu schreiben, der formal Avantgarde ist und inhaltlich die Lesenden im Innersten packt."

Wie fundiert diese Gesellschaftskritik ist, die sich in der Vision eines seine Bevölkerung mit allen Mitteln zufrieden und gefügig haltenden modernen Überwachungsstaates ausdrückt, zeigen die nun als Buch versammelten und zuvor einzeln im Schweizer Online-Magazin "Republik" erschienenen Interviews, die Sibylle Berg während ihrer zweijährigen Arbeit an dem Roman geführt hat. Von der Genderproblematik zur Meeresökologie, von der Robotik bis zur Systemanalyse, von der Zellforschung bis zur Wirtschaftstheorie reichen die dabei behandelten Wissenschaftsfelder. Nicht immer sprechen die Expertinnen und Experten dabei über ihre tatsächlichen Spezialgebiete - aber immer ist es hochinteressant.

Dem Verzicht auf eine Systematik bei der Auswahl der Interviewpartner setzt Berg eine klare Struktur des Gesprächs entgegen: "Haben Sie sich heute schon um den Zustand der Welt gesorgt?" lautet stets - in leichten Variationen - ihre Einstiegsfrage, und meist kommt relativ bald die Bitte, das jeweilige Spezialgebiet in drei Sätzen zu beschreiben. Was dann folgt ist ein (mit vielen weiterführenden, leider allzu kleinen QR-Codes gespickter) Diskurs über den neuesten Erkenntnisstand oder kommende Fragestellungen zahlloser Forschungsgebiete, die buchstäblich vom Inneren des Menschen bis ins weite All und wieder retour führen. Dabei hält die Fragende auch nicht mit eigenen Meinungen hinter dem Berg und bringt gelegentlich erfrischende Ironie ins Spiel, lässt aber nie einen Zweifel daran, dass es ihrer Meinung nach nur Menschen wie ihre Gesprächspartner sein werden, die den verfahrenen Karren dieser Welt noch einmal aus den Dreck ziehen könnten.

"Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und Ihren Optimismus" lautet die Schlussformel von Bergs Gesprächen. Oder, wie es der an der ETH Zürich lehrende Professor für Computational Social Science, Dirk Helbing, ausdrückt: "Die heutige Wirtschaftsordnung, der Kapitalismus 1.0, wie wir ihn kennen, ist kein Naturgesetz. Wir müssen uns trauen, etwas Besseres auszudenken, und das dann auf den Weg bringen."

Von Wolfgang Huber-Lang/APA

Service: Sibylle Berg: "Nerds retten die Welt. Gespräche mit denen, die es wissen", Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 22,70 Euro

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