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Neuer Medienkoffer soll Generationendialog zu Zeitgeschichte fördern

12.11.2019

Der Medienkoffer zur österreichischen Zeitgeschichte, ein Erfolgsprojekt der 1980er-Jahre, bekommt eine digitale Neuauflage. Die Idee ist laut Peter Dusek, einem "Überlebenden des alten Medienkoffers", im Grunde gleich: Durch Impulsfilme sollen Schüler zum Dialog mit Eltern und Großeltern über Geschichte angeregt werden. Heute, Dienstag, Abend wird der "Digitale Medienkoffer" in Wien vorgestellt.

Der Bedarf nach Impulsen für einen Austausch mit Eltern und Großeltern ist aus Duseks Sicht groß. "Mit der Überschätzung digitaler Entwicklungen haben wir die alte Neugierde an unseren Vorfahren einmotten lassen." Frühere Generationen seien über ihre Familien "in die Zeitgeschichte hineingestolpert", wenn etwa der Großvater nach dem dritten Viertel Wein den glühenden Antisemiten hervorkehrte. "Wir konnten dem gar nicht ausweichen." Nun sei die Generation der Täter abgetreten. Die Tabuisierung von Themen wirke allerdings weiter nach, auch der Wunsch nach einem "starken Mann" an der Spitze des Staates sei wieder aktuell.

Ganze "Welle an Koffern ausgelöst"

Dusek hat einst als Archivar mit Gerhard Jagschitz, Erika Weinzierl und Anton Pelinka anlässlich des 25-Jahr-Jubiläums des Staatsvertrags den ersten Medienkoffer zur österreichischen Zeitgeschichte gestaltet. Es folgten drei weitere Koffer zur 1. und 2. Republik sowie - damals topaktuell - den Jahren 1980 bis 1985. Der Karton, gefüllt mit Videokassetten und Fotos, hat laut Dusek eine ganze "Welle an Koffern ausgelöst", vom Literatur- über den Wirtschafts- bis zum Sexkoffer.

In der neuen Digitalversion, die Dusek "im Tandem" mit Kommunikationsberater Sven Saekert und mit Unterstützung des Zeitgeschichte-Instituts der Uni Wien und des ORF entwickelt hat, können unter www.digitaler-medienkoffer.eu Impulsfilme zu zentralen Ereignissen und Themen der vergangenen 100 Jahre abgerufen werden. Zielgruppe sind Schüler zwischen 14 und 18 Jahren. Die Impulsfilme - derzeit zu fünf Themen vom "Anschluss" 1938 bis zum "Fall der Mauer" 1989 - sind eine Zusammenschau ikonischer Szenen, eine Einordnung gibt es nicht. "Das Ganze hat einen Werkstattcharakter", so Dusek im Gespräch mit der APA.

Um das Multikulturelle erweitert

Das Konzept des Generationendialogs wurde um das Multikulturelle erweitert. Immerhin sitzen heute in vielen Klassen Schüler, deren Familien ihre Wurzeln nicht in Österreich haben. Die Schüler würden allerdings kaum über diese Vergangenheitsunterschiede sprechen. Für die Lehrer bedeutet die Nutzung des Medienkoffers, die Familiensituation der Schüler in den Unterricht zu integrieren. "Es bedeutet viel Arbeit, aber ich glaube auch viel Belohnung."

Der vor zwei Jahren gestartete Pilotversuch zum "Digitalen Medienkoffer" ist laut Dusek gut angekommen, jetzt soll er in die Testphase gehen. Dafür müssen die Initiatoren allerdings wegen des politische Vakuums nach den Neuwahlen noch nach weiteren Financiers suchen. Längerfristig schwebt Dusek ein internationales Projekt vor: In diesem könnte man etwa zeigen, wie zentrale Ereignisse wie die Ermordung Kennedys oder die Mondlandung in den Medien verschiedener Länder vermeldet wurden. Behandelt werden soll Alltagsgeschichte, über die die Eltern und Großeltern heutiger Schüler als Zeitzeugen berichten können, von 9/11 über das Auftauchen der Beatles bis zum Tod von Lady Di. Um dieses Projekt zu finanzieren, müsste allerdings eine Institution wie das Haus der Geschichte (hdgö) bei der EU ein Projekt einreichen. "Wir sehen uns hier als Geburtshelfer einer Entwicklung, die offensichtlich eine gewisse Aktualität hat."

Service: Präsentation "Digitaler Medienkoffer" am Dienstag, 12. November, um 18.30 Uhr in der Diplomatischen Akademie Wien, Favoritenstraße 15a, 1040 Wien

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