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Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk im Interview © APA
Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk im Interview © APA

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Peter Sloterdijk: "Erleben ein Großexperiment mit ungewissem Ausgang"

01.07.2020

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk (72) gilt (jedenfalls dem Magazin "Cicero", das regelmäßig eine Rangliste erstellt) als der wichtigste Intellektuelle des deutschsprachigen Raums. Gestern sprach er bei einer Veranstaltung des Österreichischen Integrationsforums in Wien über "Krise und Zusammenhalt". Heute gab er der APA ein Interview. Im Mittelpunkt: die Coronakrise und ihre Auswirkungen.

APA: Herr Professor Sloterdijk, Sie haben gestern in Wien eine Veranstaltung absolviert, sind dafür von Berlin angereist, geben Interviews. Lautet Ihre Devise "Back to normal" oder begleiten Sie unsichere Gefühle dabei?

Peter Sloterdijk: Ich sehe schon, dass die Herrschaft der Vorschriften noch in Kraft ist. Aber Österreich war bei den Maßnahmen und nun bei der Lockerung ein bisschen weiter als die meisten deutschen Bundesländer. Berlin war dagegen nie ein Fokus der Shutdown-Strenge. Es gab aber auch relativ wenig Ansteckungs-Dynamik - was damit zu tun hat, dass Berlin bei aller Größe eine sehr weitläufige Stadt ist, mit sehr lebendigen Kiezen, in denen das Leben pulsiert.

APA: Das Leben pulsiert auch in Wien wieder, doch alle reden von der kommenden "zweiten Welle". Werden dann so rigide Maßnahmen wie im März überhaupt nochmals möglich sein?

Sloterdijk: Ich glaube nicht daran, dass eine zweite Welle die Dynamik der ersten Welle erreichen wird. Die Menschen haben inzwischen den Ernst der Lage verstanden. Und sie müssen auch verstehen, dass jetzt ein Großteil der Verantwortung zu ihnen zurückverlagert wird. Sie werden allerdings verstanden haben, dass sie eine Machtprobe des scheinbar sanften postmodernen Verwaltungsstaates erlebt haben, der sich in seiner Natur als Machtstaat zu erkennen gegeben hat. Wir haben einen zehnwöchigen sanitären Staatsstreich in den Knochen. Staatsstreich insofern, als Notstandsmaßnahmen verfügt worden sind, wie sie zu einem Ausnahmezustand gehören. Ausnahmezustand heißt Herrschaft der Exekutive. Ich glaube, dass es für viele Bürger im Westen eine ganz heilsame Erfahrung war, mal zu sehen, dass der Staat nicht nur als oberster Garant der Steuereintreibung funktioniert. Ich glaube, das ist gar nicht so schlecht, weil es eine Lektion in Demokratiekunde enthält. Man hat sich von Anfang an gefragt: Wann kehren wir zur üblichen Gewaltenteilung zurück? Die Aussetzung der Gewaltenteilung ist ja üblicherweise das, was autoritäre Systeme charakterisiert.

APA: Sie haben das mächtige Muskelspiel des Staates in dieser Krise sehr früh kritisiert, jetzt sind die Infektions-Zahlen in Österreich und Deutschland deutlich besser als in vielen anderen Staaten. Nehmen Sie Ihre Kritik im Lichte dieser Erfahrungen zurück? Waren diese Entscheidungen vielleicht doch gut?

Sloterdijk: Ich glaube ja. Es war auch nicht als Kritik gemeint, sondern als deutliche Benennung der Machtmechanismen, die dabei sichtbar werden. Der Machtstaat hat sich etwas weniger mit dem üblichen Lächeln im Gesicht gezeigt, und man hat unter den Glacéhandschuhen die stählerne Faust der Exekutive gespürt. Das macht den großen Unterschied zu den Normalzeiten aus.

APA: Sie halten den Staatsbürger für ausreichend mündig, nun selbst die Verantwortung zu übernehmen, nicht nur auf sich, sondern auch aufs Gesamtwohl zu schauen?

Sloterdijk: Ich glaube nicht, dass jetzt ein großer Mündigkeitsbeweis geführt wird, sondern es wird indirekt bewiesen, was in Bernard Mandevilles "Bienenfabel" Anfang des 18. Jahrhunderts ausgesprochen worden war: dass Gemeinwohl paradoxerweise durch vielfachen regionalen Egoismus gefördert wird. Wenn jeder für sich sorgt, ist auch für das Gemeinwohl etwas getan. Das bedeutet, dass jeder Einzelne das Risiko minimieren möchte, der Gemeinschaft zur Last zu fallen.

APA: Lässt sich das auch auf die Staaten und die Staatengemeinschaft anwenden? In der Krise war von der EU zunächst nichts zu sehen, die nationalen Grenzen wurden dicht gemacht...

Sloterdijk: Effektive Handlungsvollmacht im Bereich der Durchführung von Notstandsmaßnahmen besitzen zur Zeit nur die Nationalstaaten. Das ist nicht eine neue Schlagbaumpolitik im Sinne einer politischen Regression oder des Willens zum Alleingang. Ich glaube, dass in einer zweiten Welle der Wille zur europäischen Kooperation wieder sehr stark einsetzen wird. Man hat auch am neuen Merkel-Macron-Pakt gesehen, dass der Wille zum Setzen von Solidaritätszeichen wieder gewachsen ist.

APA: Österreich hält sich da ziemlich zurück.

Sloterdijk: Das ist richtig, aber es wird am Ende auch gut sein. Wenn alle ihr Votum in denselben Topf legen, würde dadurch verschleiert, dass es sich da um ein Großexperiment mit ungewissem Ausgang handelt. Politik ist heute experimenteller denn je und hat einen hohen improvisatorischen Anteil. Bei so viel Bewegung im ungesicherten Gelände ist es ganz gut, wenn ein paar im Basislager bleiben, während die anderen in die senkrechten Wände einsteigen...

APA: Es ist erstaunlich, wie sehr die Politik ihre Handlungsfähigkeit zurückgewonnen hat. Können die Politiker der Generation Greta künftig noch glaubwürdig sagen: Was ihr zur Klimarettung wollt, geht leider alles nicht?

Sloterdijk: Das wird schwieriger werden. Es gab ja bisher eine Herrschaftstechnik, die man "Herrschen durch Weitergabe der Ohnmacht" nennen könnte. Das haben unsere Regierenden bis zur Virtuosität praktiziert. Sie haben sich selbst als die Getriebenen und die meistleidende Klasse in Bezug auf Sachzwänge dargestellt. Jetzt kommt etwas heraus, was den Politikern gar nicht so lieb sein dürfte, nämlich die effektive Handlungsfähigkeit des Staates. Plötzlich gibt es die Fähigkeit, sehr deutliche Agendenliste aufzustellen. Pandemie-Eindämmung ist dabei ein so hohes Gut, dass man ihr zuliebe die beinahe Stilllegung der Volkswirtschaft in Kauf nimmt. Das war eine ungeheure Demonstration der Fähigkeit, eine Prioritätenliste aufzustellen. Die Sorge um den Haushalt ist dabei ganz weit in den Hintergrund gedrängt worden. Früher hat man gesagt: Wir können uns nichts leisten, das wir nicht auch bezahlen können. Heute können wir alles bezahlen - mit Scheingeld. Wir haben die Realität ausgetrickst.

APA: Lässt sich abschätzen, was in der Gesellschaft, was in unserem Bewusstsein von dieser Krise bleiben wird?

Sloterdijk: Eines der besten Bücher, die je auf österreichischem Boden geschrieben wurden, ist die "Kulturgeschichte der Neuzeit" von Egon Friedell. Die beginnt bezeichnender Weise mit einer Meditation über das europäische Trauma. Das identifiziert er mit der Schwarzen Pest der Jahre 1348/49, wo Europa über ein Viertel der Bevölkerung unter grauenerregenden Bedingungen verloren hat. Friedells These ist: So etwas dringt in das Unbewusste der Kulturen ein, ändert aber an der Oberflächenstruktur der Zivilisation recht wenig, weil mit jedem Generationenwechsel die Vergesslichkeit eine neue Chance bekommt. Das wird diesmal nicht anders sein. Volle Normalisierung tritt erst ein, wenn die Leute wieder in der Stimmung sind, in der sie Überflüssiges kaufen.

APA: Weil eine Zeit lang alle nur noch das kaufen konnten, das sie wirklich zum Leben brauchen, bricht die Wirtschaft zusammen. Was ist das für eine Gesellschaft, die auf dem Kauf von Überflüssigem basiert?

Sloterdijk: Das ist eine Gesellschaft, die den Übergang vom Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit zur guten Hälfte zurückgelegt hat. Ein Spaziergang durch das sommerliche Wien ist da fast eine anthropologische Lehrstunde, weil man die Menschen dabei beobachtet, wieder anzuknüpfen an den Gewohnheiten der Freiheit. Man hat das Gefühl, an jeder Ecke steht Oscar Wilde und sagt: "Man versorge mich mit Luxus, auf das Notwendige kann ich verzichten."

APA: Ich dachte einen Augenblick, Sie sagen: "An jeder Ecke steht Oskar Werner..."

Sloterdiijk: (lacht) Man kann sich diesen Wilde-Satz aber sehr gut von Oskar Werner gesprochen vorstellen, mit leicht näselndem aristokratischen Ton. (führt es vor)

APA: Das bringt uns zum Schluss zur Kultur. Sie waren 2001 Festredner bei den Salzburger Festspielen. Die haben heuer als einziges großes Festival Europas nie aufgegeben und abgesagt und ziehen nun im August ein verkleinertes Programm durch. Sagt das auch etwas aus über Österreich und unser Kulturverständnis?

Sloterdijk: Das ist Hollywood in Österreich: The show must go on. Wie heißt es bei Richard Alewyn und in der Literaturtheorie des Barocks: "Dasein heißt eine Rolle spielen." Man kann Menschen durch keine Maßnahme tiefer in die Bedeutungslosigkeit und Depression stürzen, als wenn man ihnen die Gelegenheit wegnimmt, Rollen zu spielen.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

ZUR PERSON: Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk (72) ist seit seiner "Kritik der zynischen Vernunft" (1983) einer der prominentesten und meist diskutierten Denker des deutschsprachigen Raums und wurde auch als Moderator der ZDF-Sendung "Das Philosophische Quartett" bekannt. In Wien leitete er das Institut für Kulturphilosophie an der Akademie der bildenden Künste. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die "Sphären"-Trilogie (1998 - 2004), "Der ästhetische Imperativ" (2007) sowie "Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen" (2007).

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