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Warschauer-Pakt-Staaten walzten Reformbewegung in der CSSR nieder © APA (dpa/CTK)
Warschauer-Pakt-Staaten walzten Reformbewegung in der CSSR nieder © APA (dpa/CTK)

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"Prager Frühling" erschütterte vor 50 Jahren auch Österreich

18.05.2018

1968 begehrte die Jugend auf, in Vietnam tobte der Krieg und in der Tschechoslowakei walzten Panzer des Warschauer Pakts den Prager Frühling nieder. Dieses außenpolitische Ereignis erschütterte damals auch Österreich nachhaltig. Am 19. Mai wird eine Festveranstaltung zum Anlass des 50. Jahrestages des "Prager Frühlings" im Wiener Rathaus stattfinden.

Viel diplomatischen Staub wirbelte die Weisung des damaligen Außenministers Kurt Waldheim (ÖVP) auf, in der Botschaft in Prag keine Visa mehr für verfolgte CSSR-Bürger auszustellen. Der österreichische Botschafter in Prag, Rudolf Kirchschläger, ignorierte dies jedoch. Er öffnete zigtausenden Tschechen und Slowaken damit die Tore Richtung Westen. Kirchschläger war später Waldheims Vorgänger als Bundespräsident.

Österreich habe die akute Brisanz vor der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings falsch eingeschätzt, meint Stefan Karner, ehemaliger Leiter des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung, der vor zehn Jahren ein Forschungsprojekt zum Prager Frühling leitete. Denn als die Panzer in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 auf Prag und Preßburg zurollten, waren die Vertreter der österreichischen Staats- und Heeresspitze auf Urlaub und weitgehend telefonisch nicht erreichbar.

Dabei war Wien auf den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen vorbereitet. Bereits am 22. März 1968 hatte der Nachrichtendienst im Verteidigungsministerium der Regierungsspitze eine Information vorgelegt, in der "ein wesentliches Einwirken" der UdSSR in der CSSR nicht ausgeschlossen wurde. Man informierte auch darüber, dass auf allen wichtigen Straßen in Polen Wegmarkierungen Richtung Süden in kyrillischer Schrift angebracht wurden.

Zahme Reaktion

Österreich verhielt sich damals, auch unter dem Eindruck der keine 13 Jahre zurückliegenden Sowjetbesatzung, sehr zurückhaltend. Dazu gehört nicht nur die Anweisung von Waldheim, CSSR-Bürgern keine Visa auszustellen. Bundeskanzler Josef Klaus (ÖVP) verurteilte den Einmarsch nicht. Er betonte via Rundfunk die Verpflichtung zur Neutralität und äußerte den Wunsch, die heimischen Truppen dürften sich der Grenze nur auf 30 Kilometer nähern. Klaus sagte dem sowjetischen Botschafter Boris Podcerob, dass sich Österreich "nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einmischen" wolle. Österreich zeigte sich wegen der sowjetischen Überflüge oder der Landung eines Sowjethubschraubers im Weinviertel verärgert, der Protest war äußerst zahm. Es gab 49 Verletzungen des österreichischen Luftraums durch sowjetische Militärmaschinen. Moskau sprach von einem unbeabsichtigten Überfliegen der österreichischen Grenze "infolge technischen Versehens".

Ein wichtiges Detail war auch damals schon Gas. Erst kurz zuvor war zwischen Österreich und der Sowjetunion ein Vertrag abgeschlossen worden, der zum ersten Mal die Lieferung von Gas durch den Eisernen Vorhang ab 1. September 1968 vorsah. Ein Lieferstopp, zumindest jedoch eine Verzögerung, war befürchtet worden. Doch die Sowjetunion lieferte vertragsgemäß, zehn Tage nach dem Einmarsch in Bratislava und Prag, erinnert sich etwa der damalige EVN-Generaldirektor Rudolf Gruber.

Österreichische Politiker versuchten, über Hintergrundgespräche Einfluss auf die Medienberichterstattung zu nehmen, damit diese die "Ereignisse unter Berücksichtigung der österreichischen Neutralität beleuchten". Die Medien handelten allerdings nicht danach. Karner: "Österreich mit seinem Radio und Fernsehen und die Printmedien wurde zu einer Relaisstation für die Übermittlung von Nachrichten aus der CSSR. Weil Männer wie Gerd Bacher, Alfons Dalma, Hugo Portisch, Hans Dichand, Fritz Csoklich oder Helmut Zilk nicht einmal im Entferntesten daran dachten, schön zu färben. Das haben dann ja die Sowjets auch immer wieder kritisiert, bis sie es schließlich einsehen mussten."

Die Truppen des Warschauer Pakts wollten die Versuche unterbinden, einen totalitären Kommunismus zu reformieren. In den Nachmittagsstunden des 20. Augusts erhielten die Truppen den Befehl, "zur Verstärkung der Garnisonsbereiche nördlich der Donau" auszurücken. Kritik gab es an Unstimmigkeiten bei der Zuständigkeit für die entsprechenden Marschbefehle.

Invasion diente offiziell der "Bruderhilfe"

Die Operation mit dem Decknamen "Donau" wurde von vier Warschauer-Pakt-Staaten getragen. Bulgarien, Ungarn, Polen und die Sowjetunion schickten zusammen 100.000 Soldaten. 2.300 Panzer und 600 Flugzeuge überfielen die Tschechoslowakei in der ersten Phase. Die Zahl schwoll auf 750.000 Mann und 6.000 Panzer an. Einige Bürger stellten sich ihnen in den Weg - gewaltfrei. Die Menschen drehten Straßenschilder um, damit die Panzer wieder zurück nach Polen fuhren, diskutierten mit den Soldaten, beschimpften sie oder überreichten ihnen Blumen. Die Invasion diente offiziell der "Bruderhilfe". Sie kostete 72 Menschen das Leben, 266 wurden schwer verletzt.

Die "Konterrevolution", die es zu stoppen galt, begann eigentlich schon früher. Mit der Wirtschaft ging es bergab, Versorgungsengpässe nahmen zu, Studenten und Intellektuelle protestierten auf den Straßen. Als im Jänner 1968 Antonin Novotny als Parteichef zurücktreten musste, übernahm der Slowake Alexander Dubcek das Amt. Das Ziel des überzeugten Kommunisten war ein "Sozialismus mit menschlichem Antlitz". Der neue Präsident Ludvik Svoboda (zu deutsch: Freiheit) unterstützte Dubcek. "Se Svobodou za svobodu" ("Mit Svoboda in die Freiheit") wurde von da an das Motto des Prager Frühlings.

Reformen in Richtung Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit setzten ein, die Zensur wurde abgeschafft. Die Planwirtschaft sollte liberalisiert werden. Man durfte plötzlich sagen, was man wollte. Nur Kritik an den Russen war tabu. Auch die Führungsrolle der KP blieb unangetastet. Neue politische Gruppierungen entstanden. Dubcek versuchte mit der Sowjetunion zu verhandeln. Zunächst, im Juli 1968, waren die Gespräche erfolglos. Wenige Tage später gab es scheinbar eine Einigung über Tempo und Ausmaß der Reformen.

Kurz darauf wurde die neu gewonnene Freiheit aber niedergewalzt. Die Parteiführung wurde verhaftet und nach Moskau gebracht. Dort wurde sie verpflichtet, die Reformen rückgängig zu machen und auf die sowjetische Linie einzuschwenken, wie Dubcek nach seiner Rückkehr verkündete. Eine Welle der Auswanderung setzte ein. Mitte Oktober 1969 wurde die Emigration gestoppt, der Eiserne Vorhang fiel wieder herab. Dubcek musste abdanken.

210.000 Personen kamen nach Österreich

Österreich war aufgrund seiner geografischen Lage das Erstaufnahmeland der tschechoslowakischen Flüchtlinge. Von 21. August 1968 bis im Herbst 1969 kamen laut dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung rund 210.000 Personen in die Alpenrepublik. Ein großer Teil von ihnen wanderte direkt aus der Tschechoslowakei aus. Rund 50.000 tschechoslowakische Touristen befanden sich zur Zeit des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen auf Urlaub in Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien. Sie konnten wegen einer Grenzsperre in Ungarn nicht heimreisen.

Gleich nach dem 21. August wurden Zeltlager für zigtausende Menschen errichtet. In Wien, das mit 90 Prozent der Übernachtungen die Hauptlast der Erstversorgung zu tragen hatte, wurden Notunterkünfte im Überschwemmungsgebiet der Donau, auf Campingplätzen, in Heimen von Hilfsorganisationen, Lagerhäusern oder auch Turnsälen aufgestellt. Teilweise waren die sanitären Verhältnisse in diesen Quartieren prekär. Zur Verhinderung von Versorgungsengpässen versuchte Wien, die Flüchtlinge so schnell wie möglich zur Auswanderung zu bewegen. Dies gelang durchaus mit Erfolg. Viele Staaten hatten Interesse an den tschechoslowakischen Auswanderern, denn diese waren jung und gebildet. Zu den Hauptaufnahme-Ländern gehörten Kanada, Australien, Südafrika, die USA und die Schweiz.

In der Tschechoslowakei begann unterdessen die sogenannte "Normalisierung". Medien wurden gleichgeschaltet, Erziehung im Sinne der Liebe zur Partei setzte ein. Intellektuelle, die sich nicht beugen wollten, verloren ihren Arbeitsplatz, wurden Fensterputzer, Heizer oder Hilfsarbeiter. Viele bekamen keine Chance auf angemessene Bildung, keine Wohnung. Viele verloren auch das Interesse an der Politik. Sie arrangierten sich mit dem System, gaben sich mit einem Wochenendhäuschen, ihren Ladas und Skodas zufrieden.

23 Jahre blieben die sowjetischen Truppen im Land. Erst zwei Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, am 27. Juni 1991, verließ der letzte sowjetische Soldat das Land. Der Warschauer Pakt löste sich auf. 21 Jahre nach der Invasion schafft es Moskau, sie zu verurteilen: Der Einmarsch sei eine "Einmischung in die inneren Angelegenheit der Tschechoslowakei gewesen", hieß es in der Erklärung.

Von Alexandra Demcisin und Edgar Schütz/APA

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