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Gefährlichster Ort für Frauen ist das eigene Zuhause © APA (dpa)
Gefährlichster Ort für Frauen ist das eigene Zuhause © APA (dpa)

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Ringvorlesung: Gewalt gegen ältere Frauen oft unsichtbar

25.11.2019

"Ältere Frauen sind einem dreifachen Risiko ausgesetzt, sie sind alt, von Gewalt betroffen und weiblich", sagte Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien. Ab 26. November findet die interdisziplinäre Ringvorlesung "Eine von fünf" unter dem Schwerpunkt "(Un-)Sichtbare Gewalt gegen ältere Frauen" statt.

Das eigene Zuhause ist der gefährlichste Ort für Frauen. Jede Fünfte ist in Österreich Opfer von Gewalt, meist durch den Partner oder Ex-Partner. Gewalt kann in verschiedenen Formen ausgeübt werden: physisch, psychisch, sexualisiert, ökonomisch oder sozial. 2018 wurden in Österreich 41 Frauen umgebracht, die Polizei hat 8.076 Betretungsverbote verhängt. Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 haben 19 Prozent der Frauen über 60 Jahren angegeben, ab ihrem 15. Lebensjahr Gewalt erfahren zu haben. Es müsse allerdings von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, sagte Gerichtsmedizinerin Andrea Berzlanovich, die Leiterin der Lehrveranstaltungsreihe.

"Gewalt gegen ältere Frauen erfolgt im Verborgenen", so Berzlanovich. "Häufig wird sie vom sozialen Umfeld und auch von der Betroffenen nicht als Gewalt wahrgenommen. Viele schämen sich und verdrängen das Erlebte." Frauen, die pflegebedürftig sind, können sich nicht selbstständig wehren. "Ältere Frauen wissen oft gar nicht, wohin sie flüchten sollen", erklärte Rösslhumer. Sie seien oft jahrelang von häuslicher Gewalt betroffen und auch ökonomisch abhängig. Hier brauche es Menschen aus ihrer Umgebung, die Hilfe holen. Oft gebe es mehrere Täter, wie Angehörige oder externe Pflegekräfte.

Ältere anders betroffen als Jüngere

"Ältere Frauen sind anders von Gewalt betroffen als Jüngere", erläuterte Berzlanovich. Opferschutzeinrichtungen und Unterstützungsmöglichkeiten seien für ältere, pflegebedürftige Gewaltbetroffene nicht so gut ausgebaut. Viele Unterstützungsmaßnahmen seien nicht auf die Bedürfnisse älterer gewaltbetroffener Frauen ausgelegt, was dringend geändert werden müsse. Im Jahr 2060 werden 30 Prozent der Menschen über 60 Jahre alt sein - da Frauen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer, werde diese "Feminisierung des Alterns" wichtige Konsequenzen für die Politik, die Sozial- und Gesundheitsversorgung und die Gesetzgebung haben. "Der Appell richtet sich an Politik und Gesundheitswesen, sich damit zu beschäftigen, wie diese Situation verbessert werden kann", sagte Rösslhumer.

Zu den Forderungen von Volksanwaltschaft, AÖF und MedUni zählen Verbesserungen im Gesundheits- und Pflegewesen für Ältere - wie auch in Krankenhäusern installierte Opferschutzgruppen -, eine Verankerung des Themas in der Ausbildung für im Gesundheitsbereich tätige Menschen sowie die multi-institutionelle Zusammenarbeit aller wichtigen Einrichtungen. Weiters brauche es aufklärende und enttabuisierende Medienarbeit und eine Sensibilisierung der Betroffenen für ihre eigene Situation. Auch die opferschutzorientierte Täterarbeit, Beratung und Unterbringung für ältere Männer gehöre dazu. Welche Gewaltschutzmaßnahmen und speziellen Hilfsangebote es speziell für diese gibt, soll nun in der Ringvorlesung "Eine von fünf" aufgezeigt werden, die heuer zum zehnten Mal während der "16 Tage gegen Gewalt an Frauen" stattfindet.

Einsamkeit als großes Problem

Ein großes Problem sieht Udo Jesionek von der Opferschutzorganisation Weißer Ring in der Einsamkeit vieler älterer Frauen. "Sie suchen keine psychologische Hilfe, da gibt es eine riesige Hemmschwelle, und sie haben Schuldgefühle." Zunehmend würden ältere Frauen Opfer von schweren Raubüberfällen und Home Invasions. Der Weiße Ring sei "zuständig für die Betroffenen, doch wir kriegen die Fälle gar nicht oder viel zu spät", beklagte Jesionek. Den Opfern müsse mitgeteilt werden, wohin sie sich wenden können.

Die Volksanwaltschaft kritisierte außerdem, dass es zu wenig aktuelles Datenmaterial zu Gewalt an (älteren) Frauen gibt. Wie das Thema in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, sei zum großen Teil davon bestimmt, wie die Medien darüber berichten, sagte Volksanwalt Bernhard Achitz (SPÖ). Daher habe man eine Medienmarktanalyse in Auftrag gegeben, um die öffentliche, mediale und politische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt an Frauen zu analysieren. Erste Ergebnisse dazu werden noch heuer erwartet.

Service: Informationen unter: www.facebook.com/EinevonFuenf; Hilfe finden Gewaltbetroffene bei der Frauenhelpline gegen Gewalt unter 0800/222 555 und www.aoef.at; unter dem Opfernotruf 0800/112 112 bzw. www.weisser-ring.at

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