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Historisches Vorbild: Original-Sprachmaschine (li.), Nachbau (re.) © APA (dpa)
Historisches Vorbild: Original-Sprachmaschine (li.), Nachbau (re.) © APA (dpa)

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Sprechmaschinen "performen" gemeinsam in Wien

12.09.2019

Ein recht ungewöhnliches Treffen steigt am heutigen Donnerstag in Wien: An der Universität für angewandte Kunst "performen" fünf Nachbauten der ersten Sprechmaschine von Wolfgang von Kempelen zusammen. Die Veranstaltung bildet den Auftakt zu einem ganzen Reigen an wissenschaftlichen Tagungen rund um das Thema Sprachtechnologie in Österreich.

Das historische Vorbild für die Nachbauten aus Deutschland, Ungarn und Österreich bildet die aus dem 18. Jahrhundert stammende "Sprechmaschine zur Hervorbringung menschlicher Sprachlaute" des vor allem durch seinen "Schachtürken" bekannten Wiener Erfinders und Beamten Wolfgang von Kempelen. Die Konstruktion gilt mit einem Blasebalg als Lunge, einem Mund aus Gummi und einer Zunge aus Elfenbein als erste funktionstüchtige Konstruktion zur Sprachsynthese. "Manche sagen, er habe die Sprechmaschine gebaut, um sich für den 'Schachroboter', der ja zumindest teilweise ein Fake war, zu rehabilitieren", sagte Michael Pucher vom Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zur APA.

Erster Experimentalphonetiker

Tatsächlich handelte es sich dabei "um den ersten Synthesizer, der kontinuierliche Sprache erzeugen konnte und nach einem 'Quelle-Filter-Modell' der Sprache funktioniert". Als Quelle fungieren die Stimmbänder, die Laute erzeugen, die dann durch den weiteren stilisierten Vokaltrakt modifiziert werden. Damit hat von Kempelen, der 1791 auch eines der ersten Bücher zum menschlichen Sprechapparat veröffentlicht hat, auch gezeigt, dass Sprachproduktion etwas Universelles ist und sich alle Sprachen nur durch die unterschiedliche Verwendung der Laute unterscheiden. Damit wurde die Experimentalphonetik sozusagen begründet und "auch das von ihm angewendete 'Quelle-Filter-Modell' ist noch immer relevant", sagte Pucher.

Die fünf Nachbauten werden in Wien ihre Sprechfähigkeit unter Beweis stellen, außerdem werden die Forscher versuchen, die Maschinen, die auch auf Prinzipien aus dem Orgelbau beruhen, als Musikinstrumente einzusetzen und gemeinsam "performen" zu lassen, so der Schallforscher. Dann werde man die Geräte und ihren jeweiligen sprachlichen und musikalischen Output analysieren.

Das Treffen der Sprechmaschinen bildet den Auftakt zu einem Konferenzreigen, der einen Workshop zur Geschichte der Sprachkommunikation am Freitag und Samstag in Wien und die weltgrößte Konferenz zur Sprachtechnologie "Interspeech 2019", die von 15. bis 19. September in Graz stattfindet, umfasst. Im Nachgang befassen sich Experten wieder in Wien in kleinerem Kreis im Rahmen eines Workshops mit aktuellen, sprich computerbasierten Zugängen zur Sprachsynthese (20. bis 22. September).

Service: Informationen zu den Konferenzen: www.interspeech.org, http://hscr19.kfs.oeaw.ac.at/index.html, http://ssw10.oeaw.ac.at/index.html

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