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Skepsis gegenüber bedarfsorientierten Sozialleistungen © APA (Gindl)
Skepsis gegenüber bedarfsorientierten Sozialleistungen © APA (Gindl)

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Studie: Geteilt wird nur, wenn man selbst nicht weniger bekommt

02.04.2020

Bedarfsorientierte Sozialleistungen wie die Mindestsicherung sind umstritten. Forscher der Uni Wien haben in einem Experiment die sozialen Mechanismen erforscht, die der weitverbreiteten negativen Haltung gegenüber solchen Sozialhilfen zugrunde liegen. Die Bereitschaft zum Teilen ist demnach da - allerdings nur, wenn man selbst nicht weniger bekommt, berichten sie im Fachjournal "Plos One".

Eine Forschungsgruppe in Deutschland und Österreich, der Politikwissenschafter, Soziologen, Ökonomen, Psychologen und Philosophen angehören, widmet sich seit 2015 dem Thema "Bedarfsgerechtigkeit und Verteilungsprozeduren". Dabei werden auch mit Hilfe von Laborexperimenten Daten zum Verhalten von Versuchspersonen in Verteilungssituationen gesammelt. So können die Wissenschafter direkt beobachten, was Menschen als gerechte Verteilung empfinden und an welchen Gerechtigkeitsmaßstäben sie ihr Verhalten ausrichten.

Bedarf über Schwellenwert definiert

Ein Team um Bernhard Kittel vom Institut für Wirtschaftssoziologie der Uni Wien, der ein Teilprojekt des Forschungsvorhabens leitet, hat dabei in Verhaltensexperimenten untersucht, unter welchen Bedingungen Probanden bereit sind, mit Mitspielern zu teilen und ihnen jenen Anteil einer Summe zu überlassen, der ihren Bedarf abdeckt. Dabei wurde der Bedarf jedes Mitspielers über einen individuellen Schwellenwert definiert. Nur wenn dieser Wert überschritten wird, kommt man in die nächste Runde.

Die Probanden wurden in Gruppen zu drei Personen eingeteilt und erhielten den Auftrag, per Mehrheitsentscheidung Geld untereinander aufzuteilen. Es konnten also zwei der drei Personen entscheiden, ob sie dem Dritten etwas abgeben oder nicht. Dabei stand den Gruppen jeweils ausreichend Geld zur Verfügung, um alle - jeweils durch die Schwellenwerte definierten - Bedarfe zu befriedigen.

Entscheiden sich die Probanden nach dem sogenannten "Bedarfsprinzip", würden sie das verfügbare Geld so aufteilen, dass bei allen der Schwellenwert überschritten wird. Entscheiden sie nach dem "Gleichheitsprinzip", würde jede Person gleich viel bekommen. Stellen sie hingegen das Eigeninteresse in den Vordergrund, würden sie das gesamte Geld unter zwei Personen aufteilen und der Dritte ginge leer aus.

Eindeutige Ergebnisse

Die Wissenschafter bezeichnen die Ergebnisse des Verhaltensexperiments als eindeutig: "Die Teilnehmer waren grundsätzlich in großem Maße bereit, die Bedarfe anderer zur Leitlinie ihrer Entscheidungen zu machen und diese tatsächlich zu erfüllen", erklärte Kittel in einer Aussendung. Allerdings nur bis zu einer bestimmen Grenze: War der Bedarf eines Mitspielers höher als bei einer Zuteilung nach dem Gleichheitsprinzip, sank die Wahrscheinlichkeit markant, dass dieser auch erfüllt wird.

Die Bereitschaft, den Bedarf anderer zu berücksichtigen, hänge demnach davon ab, wie groß der eigene Anteil im Vergleich zu den Anteilen anderer ist. "Sobald in den Experimenten jemand anderes mehr bekommen soll als man selbst, zählt der Bedarf als Zuteilungskriterium nur mehr für wenige", betonen die Wissenschafter. Stattdessen werde dann viel mehr nach dem Gleichheitsprinzip entschieden. Ob dabei die Mitspieler ihren Schwellenwert erreichen, also ihren Bedarf erfüllen können, scheint egal zu sein.

"Bei aller Vorsicht, die bei einem Vergleich von sozialwissenschaftlichen Laborexperimenten mit Studierenden und menschlichem Verhalten außerhalb des Labors geboten ist, spiegelt das Ergebnis doch deutlich die skeptische Einstellung wider, die viele Menschen gegenüber bedarfsorientierten Sozialleistungen hegen. Das Bedarfsprinzip scheint nur so lange mehrheitsfähig zu sein, wie die Zuteilung geringer ist als das, was einem selbst zur Verfügung steht", so Kittel.

Service: http://dx.doi.org/10.1371/journal.pone.0228753; Website der Forschungsgruppe: https://bedarfsgerechtigkeit.hsu-hh.de/

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