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Suizidprävention durch Google: Österreich ein blinder Fleck?

11.02.2020

Immer mehr Menschen wenden sich bei gesundheitsrelevanten Fragen an "Dr. Google". Das gilt auch für das "Googeln" nach suizidbezogenen Suchbegriffen. Google zeigt bei manchen solcher Suchanfragen eine Info-Box mit potentiell suizidpräventiver Information - beispielsweise telefonische Beratungshotlines. Die Häufigkeit, mit der diese Box bei Suchanfragen gezeigt wird, ist jedoch in allen Ländern unterschiedlich umgesetzt - in Österreich wird sie etwa überhaupt nicht angezeigt. Das hat ein internationales Forscherteam um Florian Arendt vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien in einer aktuellen Studie herausgefunden. Die Ergebnisse sind kürzlich in der Fachzeitschrift "Social Science & Medicine" erschienen.

Dass Medien eine wichtige Rolle bei der Suizidprävention spielen, ist bekannt. Eine neue Forschungsperspektive ergibt sich allerdings durch die steigende Bedeutung von digitalen Medientechnologien. Suchmaschinen wie Google spielen in diesem Zusammenhang bereits eine fundamentale Rolle: Viele befragen regelmäßig "Dr. Google" bei gesundheitlichen Fragen. Das gilt auch für den Suizidbereich. Aus anderen Studien ist bereits bekannt, dass etwa besonders im Kontext von Suiziden prominenter Personen vermehrt nach bestimmten suizidbezogenen Suchbegriffen gesucht wird.

Für die Suizidprävention ergibt sich dadurch eine wichtige neue Möglichkeit, um suizidalen Personen direkte und unmittelbare Hilfe anzubieten: Wenn suizidale Personen nach Suizidbegriffen suchen - beispielsweise nach einer bestimmten Suizidmethode - kann Google auf Hilfsangebote wie Hotlines oder Chats verweisen. Google hat bereits einen wichtigen ersten Schritt geleistet, indem die Suchmaschine ein sogenanntes "Suizid-Präventions-Resultat" (SPR) bei manchen suizidbezogenen Suchanfragen einblendet. Das SPR beinhaltet eine Box mit hilfreichen Informationen, wie Nummern der Telefonseelsorge oder Chats. Die Anzeigehäufigkeit des SPR ist jedoch länderspezifisch unterschiedlich umgesetzt: In einigen Ländern wie etwa den USA wird es sehr häufig angezeigt, in anderen Ländern wie Deutschland weniger häufig, wie eine vergangene Studie Arendts bereits gezeigt hat.

Das Aufzeigen von Hilfsangeboten führt tatsächlich zu einer gesteigerten Nutzung solcher Angebote. So haben in den USA nach der Einführung des SRP mehr Menschen bei der Telefonseelsorge "Lifeline" angerufen als vorher. Es gibt außerdem empirische Evidenz, die darauf hindeutet, dass Krisenintervention über einen telefonischen Beratungsservice zu einer Reduktion der Suizidalität beitragen kann.

In Österreich wird die Info-Box gar nicht gezeigt

Die aktuelle Studie, die Florian Arendt (Universität Wien) gemeinsam mit Mario Haim (Universität Leipzig) und Sebastian Scherr (KU Leuven) durchführte, präsentiert erstmals auch Daten für Österreich. Konkret führten die Forscher 137.937 Suchanfragen von programmierten "virtuellen Agenten" in Österreich, Deutschland, Belgien und der Schweiz durch. Diese virtuellen Agenten simulierten das suizidbezogene Suchverhalten echter deutschsprachiger Nutzer*innen. Das Ergebnis der Auswertung zeigte, dass das SRP in Österreich und Belgien nie angezeigt wurde; in Deutschland und der Schweiz nur in etwa 20 Prozent der Fälle. "Dieses Ergebnis deutet auf eine 'digitale Kluft' hin", so Arendt.

"Österreich scheint ein blinder Fleck zu sein", konkludiert Arendt. "Betreiber von Suchmaschinen wie Google haben eine wichtige gesellschaftliche Verantwortung. Google macht schon einiges und das ist gut so. Aber: Als global agierendes Unternehmen hat Google auch eine globale Verantwortung und es scheint momentan so, als ob sich Google aus dieser Verantwortung stiehlt. Es ist unverständlich, warum in Ländern wie Österreich die Infobox mit Hilfsangeboten überhaupt nicht eingeblendet wird."

Die Forscher weisen ferner auf eine Schwachstelle im Google-Algorithmus hin: Wird etwa nach dem Suchbegriff "selbstmord" gesucht, wurde in Deutschland bei ungefähr der Hälfte aller Suchanfragen das SPR eingeblendet. Wurde zusätzlich noch nach einem prominenten Suizidenten gesucht, also etwa nach "robin williams selbstmord", wurde das SRP gar nicht mehr eingeblendet. Das ist problematisch, weil gerade Suizide prominenter Personen starke mediale und öffentliche Aufmerksamkeit erfahren und die Nachahmungsgefahr daher vergleichsweise hoch ist. "Es sollte kontinuierlich an einer Verbesserung des Algorithmus gearbeitet werden, um das präventive Potential zu erhöhen", so Arendt abschließend.

Publikation in Social Science & Medicine

Florian Arendt, Mario Haim, Sebastian Scherr: "Investigating Google's Suicide-Prevention Efforts in Celebrity Suicides Using Agent-Based Testing: A Cross-National Study in Four European Countries"

DOI: 10.1177/1461444818801010

Wissenschaftlicher Kontakt
Ass.-Prof. Mag. Dr. Florian Arendt 
Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 
Universität Wien 
1090 Wien, Währinger Straße 29 
T +43-1-4277-49323
florian.arendt@univie.ac.at
Rückfragehinweis:
Stephan Brodicky
Pressebüro der Universität Wien
Universität Wien
1010 - Wien, Universitätsring 1
+43-1-4277-175 41
+43-664-60277-175 41
stephan.brodicky@univie.ac.at
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