Kultur & Gesellschaft

In Coworking-Spaces dem Alleinsein entkommen © APA/HEF
In Coworking-Spaces dem Alleinsein entkommen © APA/HEF

Kooperationsmeldung

THEMA | Coworking Spaces als Ermöglichungsräume

26.07.2012

Von Hubert Eichmann

"Coworking Spaces" sind Gemeinschaftsbüros unterschiedlicher Größe und Ausrichtung, in die sich v.a. Ein-Personen-Unternehmen (EPU) aus Branchen wie Grafik, (Web-)Design, Software, Public Relations etc. zu günstigen und flexiblen Konditionen einmieten. Typisch für viele dieser "Digitalen Nomaden" ist, dass oft nicht mehr als ein Arbeitsplatz mit Notebook und Internetanschluss für die eigene Tätigkeit benötigt wird. Sich einen Schreibtisch in einem Gemeinschaftsbüro zu mieten, reicht insofern häufig aus, zumal viele den Arbeitsplatz zuhause deshalb ja noch nicht aufgeben. In Großstädten sind Coworking Spaces als zentrale Umschlagplätze bzw. "Hubs" der Kreativwirtschaft nicht mehr wegzudenken (vgl. Merkel 2012, Pohler 2012).

Coworking-Zentren sind häufig dadurch entstanden, dass sich junge Unternehmen bei der Suche nach geeignetem Büro- oder Geschäftsraum für größere, den Eigenbedarf übersteigende Räumlichkeiten entscheiden, und dann – abseits des originären Geschäftsfeldes – aus den vorhandenen Überkapazitäten ein zusätzliches Geschäftsmodell entwickeln. Gleichzeitig sind die Zentren-Betreiber darauf bedacht, ein räumlich verankertes Netzwerk, d.h. eine Art von "Friends Economy" zu etablieren. Die "Mutter" der Coworking Spaces in Wien ist zweifellos die seit zehn Jahren bestehende Schraubenfabrik , die von Stefan Leitner-Sidl und Mike Pöll betrieben wird. Über den Ausbau um zwei weitere Zentren, Hutfabrik und Rochuspark, organisieren die beiden Unternehmer in der Zwischenzeit eine Community von etwa 100 Selbstständigen – und verfügen zudem über gut etablierte Kontakte zu später entstandenen Spaces wie sektor5 oder The Hub. Ohne Übertreibung lässt sich behaupten, dass Coworking Spaces zentrale Knotenpunkte im heterogenen Netzwerk der kleinbetrieblich strukturierten Kreativwirtschaft darstellen. (Eine genauere Beschreibung der Schraubenfabrik bzw. von weiteren Coworking-Spaces findet sich unter http://www.kollwi.at/geschichte/schraubenfabrik-und-gemeinschaftsburo-wien).

Das Hauptmotiv vieler Mieter in Coworking Spaces liegt darin, einem typischen Risiko von Allein-Selbstständigen zu entkommen, nämlich der sozialen Isolation im Home-Office. Das Gemeinschaftsbüro kompensiert gleichsam das Fehlen von unmittelbaren ArbeitskollegInnen und dient insofern dem sozialen Austausch mit Gleichgesinnten an Standorten, die günstig und flexibel zu beziehen sind (und gegebenenfalls ebenso schnell wieder verlassen werden können). Erst in zweiter Hinsicht wird mit dieser Standort-Wahl an den ökonomischen Zusatz-Nutzen in Form von neuen Aufträgen, Weiterempfehlungen, Projekt-Kooperationen bzw. an Zusatzservices durch den Betreiber gedacht (vgl. dazu Eichmann/Leitner-Sidl 2009). Der besondere Wert der Einbindung in tragfähige Communities bzw. in lokal verankerte Milieus liegt neben der Bereitstellung von Arbeitsraum in der wechselseitigen, informell erbrachten und insofern kostenfreien Unterstützung (Information, praktische Hilfe, Motivation, gemeinsames Kochen, Feste etc.). Dies ist kein Nebenaspekt, sondern ein Hauptmotiv für alleinselbstständige Akteure der Kreativwirtschaft, sich in Unternehmenszentren einzumieten.

"Ich habe meine Fühler immer auch in andere Richtungen ausgestreckt. Weil: ganz alleine mag ich nicht, das ist wie Planschen ohne Wasser, sozusagen, da trockne ich aus. Ich brauche ein Gegenüber, um Fragen zu stellen, mich austauschen zu können, auch wenn man mal frustriert ist. Die Frage war nur: mit wem?" (Selbstständige in einem Gemeinschaftsbüro)

Dabei ist die sozial-räumliche "Mikroökonomie" inklusive der Sozial- und Geschäftsbeziehungen der Akteure innerhalb eines Zentrums ein sensibles Feld (im Wortsinn). Erstens achten die Betreiber von Coworking Spaces schon bei der Auswahl von Mikrounternehmen auf komplementäre Geschäftsmodelle, um Konkurrenzsituationen zu vermeiden bzw. um Kooperationen anzuregen. Zweitens und ebenso relevant ist die Frage, inwieweit eine "Monetarisierung" der internen Austauschbeziehungen überhaupt erwünscht ist. Denn bei einer Einführung kostenpflichtiger Services durch den Betreiber bzw. über Leistungen, die von neu einziehenden Mietern angeboten werden (z.B. Rechts- oder Buchhaltungsdienste etc.), droht eine Hauptfunktion der etablierten Community, der wechselseitige informelle Austausch unterminiert zu werden; dann nämlich, wenn bislang faktisch unentgeltlich bezogene (bzw. erbrachte) Leistungen für die Akteure kostenpflichtig werden – und sich die auf einem Kontinuum zwischen Gesprächs- und Geschäftspartner liegenden Beziehungen einseitig in die ökonomische Richtung verschieben.

Denn das war gegenüber dem Motiv des lockeren Austauschs mit Gleichgesinnten gerade nicht die wichtigste Motivation, in ein Unternehmenszentrum zu ziehen. Entgegen der Vermutung, dass in Coworking Spaces einziehende EPUs in erster Linie auf der Suche nach unmittelbar verwertbaren Kontakten zu Projektpartnern oder Kunden sind, wollen unseren Interviews zufolge viele Akteure gerade nicht mit Personen in Geschäftsbeziehungen treten, zu denen enge Beziehungen aufgebaut worden sind und mit denen deshalb auch sehr persönliche Themen besprochen werden können. Der Mehrwert eines stabilen Peer-Netzwerkes könnte verringert bzw. Beziehungen darin verkompliziert werden, wenn sich Peer- und Geschäftsbeziehungen zu sehr überlagern bzw. wenn letztere (über die sporadische Vergabe von Subaufträgen hinaus) zu sehr in den Vordergrund treten würden. Gerade weil in einer Geschäfts- bzw. Arbeitsbeziehung das Risiko eines Beziehungsabbruchs generell nicht auszuschließen ist (z.B. Konflikte infolge von inkompatiblen Strategien oder aufgrund von zu großen Kompetenzunterschieden), möchte man/frau dieses Risiko zumindest bei wichtigen Kontaktpersonen erst gar nicht eingehen.

Themen wie die – durchaus komplizierte – Praxis in Coworking Spaces zur Bewältigung des Berufsalltags (nicht nur) bei Selbständigen waren Anlass für ein Forschungsprojekt, das FORBA im FWF-Programm Translational Research durchführte. Der Fokus der Analysen war auf klein(st)betriebliche Strukturen in der Kreativwirtschaft gerichtet; etwa auf die Bedeutung von Kooperation bei ansonsten Allein-Selbstständigen, die gerade abseits formaler Verträge großen Wert auf das langfristig angelegte Austarieren von Geschäfts- und Freundschaftsbeziehungen legen.

Vor dem Hintergrund der Verbreitung selbstständiger Erwerbsformen analysierten wir den praktischen Umgang von Freelancern und Kleinunternehmen mit typischen Herausforderungen wie Kooperation, Einkommenssicherung oder Zeitmanagement u.v.m. Was sind beispielsweise Vor- und Nachteile, in einer projektbezogenen Zusammenarbeit zwischen einander lose Bekannten entweder auf vertragliche Regelungen zu verzichten oder umgekehrt unbedingt darauf zu bestehen? Was sind Vor- und Nachteile, den eigenen Tagesablauf möglichst strikt zu planen? Auf Basis von etwa 100 offen gestalteten Interviews mit "kreativen" Selbstständigen und UnternehmerInnen lag das Ziel darin, ein umfangreiches und zugleich leicht zugängliches Internet-Informationsangebot zu schaffen, in dem anstatt generalisierender "How-to-do-Manuals" eine breite Palette an konkreten Problemstellungen mitsamt beispielhaften Lösungsansätzen (von best practice bis bad practice) angeboten wird. Redaktionell aufbereitete und kurz gehaltene Geschichten aus der beruflichen Praxis der Befragten ermöglichen es UserInnen, über das Schmökern in thematisch sortierten Beispielen mehrere Antworten auf eine Fragestellung zu finden und damit Inputs für die eigene Erwerbsarbeit zu sammeln.

Wichtigster Output des Projekts ist die Website http://www.kollwi.at. Auf Basis der Perspektive einer "kollaborativen Wirtschaft" haben wir besonderes Augenmerk auf Kooperationsformen in kleinteiligen Mikroökonomien gelegt, da diese bekanntlich besonders von funktionierenden Projektkooperationen abhängig sind. Einerseits liefert kollwi.at etwa 30 Fallbeschreibungen von Unternehmen zur Praxis der Kollaboration (deshalb die Abkürzung, die für "Kollaborative Wirtschaft" steht); mit Beispielen von A wie der Wiener Filmproduktionsfirma "Amour Fou" bis hin zu Z wie dem Berliner Netzwerk "Zentrale Intelligenz Agentur" rund um Holm Friebe, der vor einigen Jahren mit dem Bestseller "Wir nennen es Arbeit" bekannt wurde. Andererseits enthält das Menü "Gespräche", ca. 120 (anonymisierte) Interviewsequenzen mit Kreativen zu teilweise diffizilen Problemstellungen, die entlang von drei Themengruppen (Kooperation, Betriebsorganisation, Lebensführung) und weiteren Subthemen gegliedert sind.

Unsere gesammelten Ergebnisse verweisen darauf, dass es angesichts der Heterogenität von sowohl Bewältigungsstrategien als auch Bewältigungskompetenzen kaum einfach handhabbare Patentrezepte oder Lösungsansätze gibt, die nicht zugleich mit Risiken verbunden wären. Demgegenüber geht es aus Sicht vieler Akteure insbesondere in den ersten Jahren in der beruflichen Selbstständigkeit um das Testen und Durchspielen von Handlungsalternativen, die dann auf Basis der eigenen Erfahrungen flexibel angepasst werden – was einfacher klingt als es ist. Das Vorgehen im Projekt, d.h. für die untersuchten Zielgruppen Unterstützung in Form eines praxistauglichen Informationsangebots bereitzustellen, trägt dazu bei, typische „Trial-and-error“-Prozesse zumindest etwas abzukürzen, indem Akteure systematisch auf relevante Erfahrungen von Peers zurückgreifen können.

Quellen:

- Deskmag, Onlinemagazin der Coworking Szene, http://www.deskmag.com

- Eichmann, Hubert/Schiffbänker, Helene (Hg.) (2008): Nachhaltige Arbeit in der Wiener Kreativwirtschaft? Architektur – Design – Film – Internet – Werbung. LIT-Verlag

- Eichmann, Hubert/Leitner-Sidl, Stefan (2009): Allein oder gemeinsam? Selbstständigkeit in der Wiener Kreativwirtschaft; in: Lange, Bastian et al. (Hg.): Governance der Kreativwirtschaft. Diagnosen und Handlungsoptionen. Transcript Verlag, 139-144

- Kollwi, Beispielsammlung selbstständiger Erwerbsarbeit in der Kreativwirtschaft, www.kollwi.at

- Merkel, Janet (2012): Auf der Suche nach Austausch. Digitale Nomaden und Coworking Spaces; in: WZB-Mitteilungen, Heft 136, Jui 2012, 15-17

- Pohler, Nina (2012): Neue Arbeitsräume für neue Arbeitsformen. Coworking Spaces; in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 1/2012, 65-78

Beschreibung der Schraubenfabrik bzw. von weiteren Coworking-Spaces: http://www.kollwi.at/geschichte/schraubenfabrik-und-gemeinschaftsburo-wien

Der Autor

Mag. Dr. Hubert Eichmann, geb. 1969, Studium der Soziologie an der Universität Wien (sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Fakultät), von 1995 bis 2003 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Soziale Innovation (ZSI). Seit 2003 bei FORBA tätig, seit Frühjahr 2006 Teamleiter für "Nachhaltige Arbeits- und Lebenswelten". Mehr Information: http://www.forba.at/de/about/mitarbeiter/eichmann/index.html , E-mail eichmann@forba.at.

E-mail an die Redaktion: innovating@apa.at

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