Kultur & Gesellschaft

Zeitschrift behandelt verwandte Themen © Constructive Foundations, A. Riegler
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THEMA | Die Konstruktion des Neuen - Von Alexander Riegler

23.04.2012

Wissenschaft ist eine Plackerei: Man ersinnt Hypothesen, die man dann in oft mühevoller Arbeit experimentell überprüfen muss. Aber Experimente liefern allzu oft nicht die gewünschten Resultate, also müssen Hypothesen überarbeitet und neue Experimente ersonnen werden. Wie herrlich, dass es auch Gedankenexperimente gibt, die als Grundlage für das Neue und Innovation dienen können! Ihnen wird eine wunderbare Eigenschaft zugeschrieben: Durch sie gelangen wir zu überraschend neuen Einsichten, ohne erst Feldstudien oder physikalische Experimente mit langwieriger empirischer Datenerhebung machen zu müssen. Neues ohne "Rücksprache mit der Natur"? Wie ist das möglich?

Wie kommt das Neue in das Gehirn ...?

Für den Empiriker ist es ganz klar: Der menschliche Geist dient dazu, Ordnung in unsere Erfahrungen zu bringen. Diese Auffassung teilt der Radikale Konstruktivist mit dem Empiriker. So schreibt beispielsweise Ernst von Glasersfeld: "Wissen wird nicht passiv aufgenommen… Die Funktion der Kognition dient der Organisation der Erfahrungswelt."

Heißt das aber nicht, dass wir auf ewig in unsere Gedanken eingeschlossen sind, und dass die Vorstellung, neue Einsichten erwerben zu können bloß eine Schimäre ist?

Der Radikale Konstruktivismus ist agnostisch bezüglich der Frage, woher unsere (empirischen) Erfahrungen stammen. Glasersfeld vergleicht die externe Welt, der wir gegenüberstehen, mit einer Black Box. Wir können nur die Reize registrieren, die durch diese Black Box in unseren Sinnen erzeugt wird. Indem wir die Umwelt (in der Wissenschaft: systematisch) beobachten, sammeln wir permanent Erfahrungen (so genannte "Protokollsätze") vom Verhalten der Black Box. Daraus entsteht unser "Erfahrungsschatz".

... und wie kommt es wieder heraus?

Aber wo ist das Neue? In dem schier endlosen Strom der Protokollsätze? Es ist gerade eine Erkenntnis moderner Neurowissenschaften, dass die althergebrachte Lehrmeinung, das Gehirn wäre ein informationsverarbeitender Computer, über Bord geworfen werden muss. Im Gegenteil, das Gehirn ist kein passives System, das nur dann arbeitet, wenn "Input" anliegt. Vielmehr ist es unentwegt aktiv, entwirft Szenarien und spinnt Gedanken, die einander beeinflussen und miteinander in Wettbewerb stehen, und die gelegentlich, wenn wir wach sind, von sensorischen Reizen in ihrem Ablauf gestört ("perturbiert") werden.

Wie kann man sich das ununterbrochene Gedankenentwerfen und "Innovieren" im Kopf vorstellen? Vergnügt sich etwa das Gehirn damit, sich selbst "Protokollsätze" zu schreiben, sich selbst Erfahrungen zu erzeugen? In gewisser Weise ja, auch wenn diese nicht in einer herkömmlichen Sprache formuliert sind. Vielmehr ist es die Dynamik der elektrochemischen Aktivität des Gehirnes, welche die Grundlage der einander perturbierenden (d.h., sich "anregenden") Einzelerfahrungen darstellt.

Wenn das Gehirn ein dynamisches System einander beeinflussender elektrochemischer Signale ist, die - wenn auch nur hin und wieder - aber doch von externen Signalen perturbiert werden, sind dann nicht diese Signale der externen Black Box, die wir als die "äußere Welt" bezeichnen, das Neue? Die Antwort muss Nein! lauten, denn um als Signal in die interne Struktur aufgenommen zu werden, muss der von "außen" kommende Reiz erst akzeptiert werden. Mit anderen Worten es muss ein Platz vorhanden sein, wo sich das Signal einfügen kann. Es ist gerade das Schaffen eines vorgesehenen Platzes, der das Vorhandensein des externen Reizes antizipiert! Das angeblich "Neue" ist also gar nicht neu, wenn es doch bereits vorhergesehen wurde. Auch das Reagieren auf unerwartete Geschehnisse und das Beobachten neuer Phänomene ist mit einer entsprechenden Prädisposition verbunden, die das Wahrnehmen des Phänomens bzw. des Ereignisses erst erlaubt. Wenn wir ein Puzzle spielen, dann wissen wir auch bereits im Voraus, welche Form das Puzzleteil haben wird und was darauf abgebildet ist, sonst wären wir nicht in der Lage, es zu finden.

Überraschung! Es gibt keine Überraschungen

Kehren wir nochmals zum Radikalen Konstruktivismus zurück. Er besagt, dass die Wirklichkeit, so wie wir sie erleben, unsere Konstruktion ist. Wenn wir aber die Konstrukteure sind, wie können wir jemals etwas Neues erleben? Mit anderen Worten, wie konstruieren wir Überraschungen? Die Antwort dazu hängt mit der unterstellten Funktion der eingangs erwähnten Gedankenexperimente zusammen. Diese sind - auch für empirische Wissenschaften - von Bedeutung, weil sie helfen, bestehende Konzeptionen neu zu ordnen, und dadurch innewohnende Beschränkungen, aber auch viel versprechende Möglichkeiten aufzuzeigen.

Eines der bekanntesten Gedankenexperimente ist jenes Galileis, der mit einfachen intuitiv klaren Konzepten das Fallgesetz von Aristoteles widerlegte, demzufolge die Geschwindigkeit frei fallender Objekte proportional zu deren Gewicht ist. Eine Kanonenkugel fällt also schneller als beispielsweise eine leichte Flintenkugel. Gallilei lädt nun seine Leser dazu ein, beide Kugeln gedanklich miteinander zu verbinden. Aber damit müsste das Gesamtobjekt eigentlich sowohl schneller (weil die Gesamtmasse größer ist) als auch langsamer (weil die Flintenkugel die Kanonenkugel abbremst) fallen. Dieser Widerspruch zeigt, dass die Aristotelische Annahme von der gewichtsabhängigen Fallgeschwindigkeit nicht richtig sein kann. Um das Gedankenexperiment nachvollziehen zu können, braucht man "bloß" eine Intuition über das Fallen von Gegenständen mitzubringen, um etwas Neues zu lernen.

Nun haben wir aber nicht nur Intuitionen über das Fallen von Objekten, sondern ganz generell eine Vielfalt von Vorstellungen über eine Reihe unterschiedlicher Phänomene. Das Herstellen und Bewerten aller kombinatorischen Verknüpfungen dieser Einzelerfahrungen miteinander ginge allerdings weit über die Lebensspanne eines Individuums hinaus.

Dass Galilei die (wortwörtliche) Verknüpfung der Vorstellung vom Fallen eines schweren mit der eines leichten Objektes zur erfolgreichen Konstruktion eines weltbildwiderlegenden Gedankenexperiments gelang, ist also eine Innovation, die Neues schuf!

Kombinatorische Verknüpfungen liegen auch zahlreichen Innovationsmethoden, wie etwa jener des TRIZ, zugrunde. Das Ei de Kolumbus wird also nicht gefunden, sondern kombinatorisch erschlossen: Bei TRIZ in Form von kombinatorischen Verknüpfungen einer Reihe von Prinzipien, und ganz allgemein im Denken durch Kombination von Einzelerfahrungen.

Das Neue als Verknüpfung des Alten

Das wahrhaft Kreative, das Neue in der von uns konstruierten Welt besteht also nicht im Registrieren von sensorischen Reizen, sondern ist die Fähigkeit, diese Einzelerfahrungen in einer Weise zu verknüpfen, um möglichst viele Kombinationen von Konzepten zu explorieren. Die Verknüpfungen können imaginäre Abläufe sein oder abduktive Schlussfolgerungen (bei denen wir eine Hypothese erfinden müssen, um eine überraschende Beobachtung erklären zu können, die aus der Hypothese abgeleitet werden kann). Vom "Aha"-Erlebnis wusste bereits der sich im Bad entspannende Sokrates zu berichten. August Kekulé kam im Traum darauf, wie man die scheinbaren Widersprüche der Besonderheiten des Benzols überwinden und seine Struktur darstellen kann. Dies deutet darauf hin, dass kreative kognitive Kombination in unseren für das Bewusstsein unerreichbaren Arealen des Gehirns ihren Ursprung hat.

Für die Praxis bedeutet dies, dass wir Heinz von Foersters Imperativ mehr Beachtung schenken sollten: "Handle stets so, dass Du die Anzahl der Möglichkeiten vergrößerst!", d.h. setze alles daran, den Pool der Gedanken gut und mit unterschiedlichstem Inhalt zu füllen, auf dass sich möglichst viele neue Verknüpfungen einstellen. Viele mögen trivial, ja unsinnig sein, und doch findet man, so man es wagt ,auch das Neue darunter, das so noch nie in der Welt war.

Und woher kommt die "neue" Erkenntnis, wie sie in diesem Essay beschrieben wurde? Besteht doch ein Zugang zu ewiger platonischer Erkenntnis jenseits der Unzulänglichkeiten empirischer Welterfahrung? Mitnichten! Auch dieser Aufsatz ist genau das, was er vorgibt zu sein: eine geordnete Präsentation von Erfahrungsinhalten mit dem (vielleicht ehrgeizigen) Ziel, die Erfahrungsinhalte der Leser und Leserinnen in ähnlicher Form zu ordnen und dadurch zu neuer Erkenntnis zu führen.

Der Autor

Alexander Riegler hat an der Universität und der Technischen Universität Wien Artificial Intelligence und Cognitive Science studiert und danach am Institut für Theoretische Biologie in Wien, am Institut für Künstliche Intelligenz in Zürich, und am Centrum Leo Apostel für interdisziplinäre Forschung in Brüssel gearbeitet, bevor er zum Institut für Philosophie in Löwen wechselte. Seine Forschungsinteressen kreisen um Fragen der Erkenntnisphilosophie, im besonderen des Radikalen Konstruktivismus, und der Evolution und Komplexität menschlicher und künstlicher Kognition. Er ist Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift Constructivist Foundations, in der ähnliche Themen wie in obigem Essay diskutiert werden.

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