Kultur & Gesellschaft

IT-Methoden für verbesserte Innovationsprozesse © APA (dpa)
IT-Methoden für verbesserte Innovationsprozesse © APA (dpa)

Kooperationsmeldung

Technologien der Innovation

18.11.2013

Von Erich Prem

Im Jammern über die Krise mag der Eindruck entstehen, der Wettbewerb um Innovationen gönne sich derzeit eine kleine Verschnaufpause. Dieser Eindruck könnte falscher nicht sein. Im Gegenteil, gerade die Krise verlangt nach Neuem, das einen überzeugenden Kundennutzen aufweist. Die Krise beschleunigt den Druck darauf, Innovationen rasch, günstig und ressourcenschonend bereitzustellen. Das ist vor allem in Europa wichtig, weil sich große Produkt- und Dienstleistungsmärkte in andere Regionen verlagern. Das bekannteste Beispiel ist der Markt für Mobiltelefone, der in hohem Maße von Asien beherrscht wird. Für Innovation ist dabei zunächst gar nicht so ausschlaggebend, dass sich die Produktion in diese Regionen verlagert hat. Vielmehr ist es der riesige asiatische Markt, für den Innovationen entwickelt werden müssen. Wenn Innovationsforscher und Ökonomen von Innovation sprechen, dann ist der Markt dabei schon mitgedacht: Bei Innovation in diesem Sinne geht es nicht bloß um neue Ideen und neue Forschungsergebnisse. Es geht vielmehr um jene Neuerungen in Produkten und Dienstleistungen, die tatsächlich nachgefragt werden.

Effizienz in der Innovation

Aber wie lassen sich Effizienzsteigerungen im Innovationsprozess realisieren? Zwar wächst die Anzahl wissenschaftlicher Ergebnisse ständig und immer schneller, aber das gerade hilft der Innovation unmittelbar nicht: eine steigende Anzahl möglicherweise interessanter neuer Technologien macht den Innovationsprozess sogar komplexer, weil immer mehr Resultate vorliegen, die potenziell interessant sein könnten. Die Innovationsmöglichkeiten explodieren mit jeder technischen Neuerung. Es liegt daher nahe, Innovation konsequent von der Nutzenseite, aus der Sicht der Kunden voranzutreiben, um den gesamten Innovationsprozess möglichst effizient zu gestalten. So wichtig in vielen Bereichen neue Forschungsergebnisse sein mögen - so wichtig ist es auch zu betonen, dass einige der erfolgreichsten innovativen Unternehmen der letzten Jahre ihren Erfolg keineswegs neuer Technologie und schon gar nicht eigener Forschung verdanken.

Die Produkte und Dienstleistungen des Computerunternehmens Apple zeichnen sich vor allem durch ihr Design aus und sind Teile eines umfassenden Plattformkonzepts. Geräte wie iPhone und iPad, iTunes und "i-irgendwas" arbeiten nahtlos zusammen. Hinter diesem Erfolg steht zunächst die Identifikation eines klaren Kundennutzens: Das iPhone hält, was es verspricht und ist eine solide Plattform für zahlreiche robust arbeitende Apps. Das iPad kann ohne großen Schulungsaufwand auch den Großeltern in die Hände gedrückt werden und es funktioniert. Die diesen Erfolgen zugrunde liegenden Technologien waren zum überwiegenden Teil bereits lange verfügbar. Es war nicht das Ergebnis einer eigenen, hardwaretechnischen Forschungsarbeit von Apple.

Innovation in der post-wissenschaftlichen Gesellschaft

Es ist ein erstaunliches Merkmal vieler erfolgreicher Innovationen, dass sie auf eher älteren Technologien beruhen. Selbst wenn das eine oder andere technologische Verbindungsglied fehlt, kann es heute oft problemlos international zugekauft werden. Forschung wird immer mehr zu einer global auf Bedarf abrufbaren Dienstleistung, beinahe schon zur Massenware. Christopher T. Hill spricht in diesem Zusammenhang bereits von der post-wissenschaftlichen Gesellschaft. In ihr ist nicht unbedingt das Unternehmen erfolgreich, das neue Technologien entwickelt. Erfolg am Markt hat vielmehr der, dem es gelingt existierende Technologien nach Kundenbedürfnissen möglichst rasch und effizient zu Neuem zu kombinieren. Um nicht missverstanden zu werden, ist zu betonen, dass Forschung und Wissenschaft freilich weiterhin eine wichtige Grundlage von Innovation sein werden. Universitäten stellen sicher, dass es Menschen gibt, die überhaupt in der Lage sind, Technologien und Wissen so zu beherrschen und einzusetzen, dass funktionierende Innovationen gebaut werden können. Aber allein aus der Wissenschaft kommen Innovationen eben nicht.

Die erwähnte post-wissenschaftliche Gesellschaft legt den Fokus auf die Kunden- und Nutzenseite. Das noch immer oft linear gedacht Forschungsmodell, das wissenschaftliche Resultate über Anwendungsforschung zur Marktreife führt, wird damit einmal mehr drastisch infrage gestellt. Stattdessen benötigt die post-wissenschaftliche Gesellschaft effiziente Innovationsprozesse, die sich zunächst am Kundennutzen, an kreativer Komposition bestehender Technologien und am weltweiten Forschungsmarkt orientieren. In den letzten Jahren hat sich ein eindeutiger Trend hin zur Nutzung von verschiedenen Technologien gezeigt, die geeignet sind, Innovation einfacher, zielsicherer, schneller und effizienter zu gestalten. Dies gelingt vor allem mit modernen Methoden der Informationstechnologie in Verbindung mit neuen Managementansätzen. So werden neue Produkte heute oft zunächst nicht nur als Computermodell entworfen, sondern auch ihre mögliche zukünftige Verwendung wird in Computersimulationen analysiert. Firmen nutzen computerunterstützte Verfahren zum Beispiel um sicherzustellen, dass neu entworfene Verpackungen auch von älteren Personen problemlos geöffnet werden können. Auch das Design von verschiedenen Produktvarianten lässt sich oft kostengünstig mit virtuellen Prototypen testen.

Technologien des Innovationsmanagements

Auch das Innovationsmanagement ist besser geworden - eine andere, an sich nicht-technische Technologie. Aber auch hier werden computergestützte Methoden immer häufiger verwendet, um zum Beispiel den Kundenwunsch schneller und präziser als bisher zu identifizieren. Dazu gehören zum einen computergestützte Analysemodelle, die herausfinden, was Kunden von Produkten wirklich erwarten. Ein „Opportunitätsalgorithmus“ errechnet gute Gelegenheiten für Innovationen auf der Basis von Gap Analysen und Angaben von Kunden darüber, welche Jobs ein Produkt für sie erledigen soll (Ulwick 2005).

Dazu zählen aber auch Methoden, um die vielfach beschworenen Prozesse "offener" Innovation zu realisieren, bei denen der Kunde selbst in die Lage versetzt wird, neue Produktfeatures vorzuschlagen oder in der Simulation gleich selbst auszuprobieren. Noch vor zehn Jahren hätte die direkte Involvierung von Verbrauchern oder Lieferanten in das Produktdesign die Ressourcen ganzer Marketingabteilungen verschlungen. Heute lassen sich zumindest einfache Prozesse offener Innovation mit Web-basierten Techniken relativ einfach umsetzen. Die Entwicklung reicht aber bis hin zu Unternehmen, deren Fokus ganz auf der Berücksichtigung der Designwünsche von vielen Kunden besteht. Local Motors in Arizona lässt Fahrzeuge in einer Gemeinschaft von 30.000 Designern, Ingenieuren und Enthusiasten entwerfen (localmotors.com).

Noch einen Schritt weiter gehen Innovationstechnologien, die Daten in sozialen Netzen nutzen, um Produkte und Dienstleistungen den vermuteten Wünschen von User-Communities anzupassen. Kommentare aus sozialen Netzen werden aber auch genutzt, um bis dahin unbekannte Wirkungen von Medikamenten zu entdecken. Eine Pharmafirma kann so aus dem ursprünglichen Medikament fürs Herz ein zweites für verbesserten Haarwuchs machen. Soziale Netze können sogar genutzt werden, um die Buchungslage von Hotels vorherzusagen und so die Angebote anzupassen. Die Analyse großer Datenmengen, wie sie zum Beispiel durch die Verkaufsdaten von Supermarktkassen gesammelt werden, führt auch zu neuen und individualisierten Angeboten. Neue IT-Werkzeuge unterstützen den Innovationsmanager aber auch in zunehmenden Maße bei der Suche in komplexen, großen Datenbanken, wie z.B. der weltweiten Patentanalyse.

Von der Innovations- zu Wissenstechnologie

Die Entwicklung und vor allem der Einsatz von Innovationstechnologien stehen erst am Anfang. Während ein Schwerpunkt derzeit auf den Bereichen Simulation und Open Innovation liegt, werden in den nächsten Jahren auch andere Bereiche des Innovationsprozesses zunehmend computerunterstützt sein. Wir sehen die Anfänge dieser Entwicklung in der Patentanalyse ebenso wie in der Simulation. Die Unterstützung kreativer und kollektiver Designprozesse ist ein besonders wichtiger Trend in den Innovationstechnologien.

Neue Computerverfahren machen es möglich, das Wissen vieler schnell und kostengünstig zu sammeln und zu integrieren. Damit aber verändert sich derzeit die Art, wie Wissen erzeugt wird. Einige jüngere Experimente im Bereich mathematischer Beweise zeigen sogar, dass es heute binnen weniger Wochen möglich ist, die Mikroexpertise von Tausenden internationalen Forschern zur Lösung eines schwierigen Problems zu kombinieren. Es ist damit wahrscheinlich geworden, dass Innovationstechnologien nicht nur helfen, neue Produkte zu schaffen, die den Wünschen tausender Kunden besser entsprechen. Es kann sogar sein, dass wir mit diesen Technologien unser Verständnis von Wissen und damit von Wissenschaft verändern werden.

Literatur:

Christopher T. Hill: The Post-Scientific Society. In: Issues in Science and Technology, http://www.issues.org/24.1/c_hill.html

Anthony W. Ulwick: What Customers Want. McGraw Hill, 2005.

Der Autor:

Erich Prem ist Geschäftsführer und Chefstratege von eutema Technology Management (www.eutema.com) mit Sitz in Wien. Er ist Informatiker (Doktorat der TU Wien) und Diplomierter Wirtschaftstechniker und war Gastforscher am MIT in den USA. Erich Prem ist Lektor am Informatics Innovation Center der TU Wien und am Institut für Philosophie der Universität Wien.

E-Mail an die Redaktion: innovating@apa.at

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