Kultur & Gesellschaft

Langfristig ist Einsamkeit schädlich © APA (dpa)
Langfristig ist Einsamkeit schädlich © APA (dpa)

APA

US-Studie: Einsamkeit macht egozentrisch - und umgekehrt

13.06.2017

Wer einsam ist, neigt einer neuen US-Studie zufolge dazu, in der Folge immer mehr um sich selbst zu kreisen. Und ausgeprägte Selbstbezogenheit wiederum verstärkt auf Dauer die Einsamkeit. Der US-Psychologe John Cacioppo forscht seit Jahren zur Einsamkeit - in diversen Studien in verschiedenen Ländern fand er heraus, dass sich im Schnitt etwa 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung einsam fühlen.

Kurzfristig sei Einsamkeit evolutionär durchaus sinnvoll, denn sie bringe den Einsamen dazu, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und motiviere ihn, seine Sozialkontakte zu pflegen, sagte Cacioppo von der Universität Chicago und Kollegen im Fachmagazin "Personality and Social Psychology Bulletin". Langfristig aber sei sie schädlich - sowohl für die körperliche als auch die mentale Gesundheit.

Für die neue Studie sichteten die Forscher Daten einer umfassenden Gesundheitsuntersuchung, bei der von 2002 bis 2013 rund 230 Amerikaner zwischen 50 und 68 Jahren jährlich befragt wurden. Es zeigte sich, dass einsame Teilnehmer nach einem Jahr mehr Selbstbezogenheit zeigten. Dies hatten die Forscher durchaus erwartet. Überrascht waren sie jedoch, dass Selbstbezogenheit sich auch als Indikator für Einsamkeit herausstellte.

Mini-Trend zur Selbst-Heirat

Ob diese Zusammenhänge auch den Mini-Trend zur sogenannten Selbst-Heirat verstärken, ist nicht bekannt. In den USA und in Japan geben sich zunehmend Frauen selbst das Ja-Wort. Dabei geht es offenbar einerseits um ein Bekenntnis zu sich selbst, andererseits auch darum, einmal Braut zu sein - auch ohne Mann.

Cacioppo betont, dass jemand, der alleine lebt, nicht zwingend einsam sein muss. Viele Singles liebten ihre Ungebundenheit. Und auch mit Menschen um sich herum - in Schule, Job oder Partnerschaft - könne man sich chronisch einsam fühlen, weil echte gegenseitige Ansprache fehle. Denn eben dieser Austausch, nicht Alltags-Unterstützung oder bloße Gesellschaft, sei wichtig.

In einem Interview empfahl Cacioppo Einsamen: "Machen Sie ein Ehrenamt, das Sie erfreut. Wenn Sie in einer Suppenküche arbeiten, werden Sie plötzlich feststellen, dass andere Menschen wirklich nett sein können und mit Dankbarkeit reagieren."

In den USA leben heute 30 Prozent mehr Menschen allein als 1980. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Single-Haushalte, 2014 waren es fast 40 Prozent. Nur etwa jeder sechste Alleinlebende war ein junger Single unter 30, mehr als ein Drittel waren Ältere ab 64 Jahren.

STICHWÖRTER
Forschung  | Psychologie  | USA  | Chicago  | Wissenschaft  | Sozialwissenschaften  |
Weitere Meldungen Kultur & Gesellschaft
APA
Partnermeldung