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Türe in eine verrückte Welt sprachlicher Kuriositäten © Bibliographisches Institut GmbH
Türe in eine verrückte Welt sprachlicher Kuriositäten © Bibliographisches Institut GmbH

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Von ausgestorbenen Pomadenhengsten und wiederbelebten Gnus

22.10.2020

Wer einen Blick in das "Kleine Kuriositätenkabinett der deutschen Sprachen" wirft, landet in einer Welt, die so verrückt ist wie das Wunderland, in dem Alice sich nach dem Fall durch den Kaninchenbau wiederfindet. Hier wird aus Fronteinsatz Zitronensaft, aus Reaktion Kroatien, aus der Palme die Ampel und daraus die Lampe. Ein einziger Buchstabendreher kann alles urinieren.

Es ist eine grenzenlose Vielfalt, größer als in jedem Zoo, die sich dem Leser offenbart und die wahre Bedeutung des Wortes "Wortschatz" klarmacht. Denn das deutsche Vokabular ist unbegrenzt. So kann durch Wortkombinationen bis zur Unendlichkeit gezählt, können problemlos die Begriffe Donau, Dampf und Schiff kombiniert und schamlos Worte aus anderen Sprachen geklaut werden - zum Beispiel das Baby; das wäre dann aber doch ein ernsthafter Fall von Kidnapping. Ausgerechnet für das Fremdwort gibt es aber kein Fremdwort.

Tote Begriffe und neue Schöpfungen

So wie viele der Arten im Tiergarten sind auch Begriffe vom Aussterben bedroht: Worten wie Wams und Oheim geht es an den Kragen; der Pomadenhengst (zum Glück) und der Selbstwählferndienst (der modernen Technik geschuldet) sind bereits tot und begraben.

Den Emoticons ist eine ganze Doppelseite gewidmet. Die Zeichenfolgen sind zwar keine Wörter, mit ihnen lassen sich aber Gefühle sprachlich ausdrücken und niederschreiben. Welche Emotion der Vollbartträger :<)= vermittelt, sei dahingestellt. Eine weitere Seite widmet sich den Artikeln (unter anderem den Frauen mit männlichen Köpfen und den Männern mit weiblichen Schultern). Wieder eine andere befasst sich mit 61 Alternativen für das Wort Dummkopf - diese Liste ließe sich vermutlich noch um einige Einträge verlängern.

Einen Teil der Seiten füllen Tabellen, etwa zu den häufigsten Verben, Adjektiven oder Substantiven. Apropos Nomen: Mehr als 350 Begriffe existieren, um den Brotanschnitt zu beschreiben - ein hochdeutsches sucht man darunter allerdings vergeblich. Persönlich bleibe ich beim Scherzl, das klingt so humorvoll.

Wie schön für Renee Zellweger!

Das Duden-Sammelsurium an sprachlichen Merkwürdigkeiten liest sich nicht nur dank der neonpinken und dunkelblauen Grafiken sehr viel leichter als seine großen Brüder. Die meisten Informationen sind für den Nicht-Sprachwissenschafter eher zu vernachlässigen, sind aber amüsant und nett zu wissen - wie schön beispielsweise für Renee Zellweger, dass ihr Name sechs Mal den Buchstaben E, aber keinen anderen Selbstlaut enthält (diese Auszeichnung muss sie sich nur mit wettbewerbsverzerrend und entsetzenerregend teilen). Dass sich die Gnubelebung von vorne wie hinten gleich liest, ist ebenfalls interessant - aber wiederbelebte Gnus kommen im Alltag relativ selten vor. Zeit, das zu ändern und alte wie neue Wortschätze in den aktiven Sprachgebrauch einzubauen.

Übrigens: Das schönste deutsche Wort ist laut einer Erhebung aus dem Jahr 2004 die Habseligkeit.

Service: "Kleines Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache", erschienen im Dudenverlag
http://go.apa.at/ROG1aiXB
ISBN: 978-3-411-71786-6

Von Anna Riedler / APA-Science

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