Kultur & Gesellschaft

Medellin © Eva Schwab
Medellin © Eva Schwab

Kooperationsmeldung

Was macht sozial innovative Städte aus?

16.12.2013

Von Eva Schwab

Medellín/Kolumbien wurde im Frühjahr 2013 vom Wall Street Journal und der City Group zur innovativsten Stadt der Welt gewählt, und rangiert damit in der Bewertung noch vor New York und anderen Welt-Städten, die gemeinhin als Orte der bahnbrechenden Veränderung und Innovation konnotiert sind. In Medellín schaffte man es, mit einem klugen Mix aus Veränderungen im Bereich der Governance sowie großen Investitionen in die öffentlichen Räume der Stadt den prägenden Superlativ der Vergangenheit als gefährlichste Stadt der Welt abzustreifen und zu einem Kristallisationspunkt für neue Zugänge zur Aufwertung benachteiligter Stadtteile zu werden. Michael Sorkin, einflussreicher Architekturkritiker und Urbanist, bezeichnet die Ansätze der Stadtregierung gar als „revolutionär“. Inwieweit die Initiativen der Stadtregierung den Bezeichnungen „innovativ“ und „revolutionär“ gerecht werden, soll im Folgenden kritisch beleuchtet werden.

Wie kann man den Begriff Innovation im urbanen Kontext verstehen?

Der Begriff der Innovation ist nach wie vor stark den Bereichen der Ökonomie und Unternehmensführung sowie der Technologie zugeordnet. Wenn man die Auszeichnung Medellíns in diesem Kontext versteht, bezieht sie sich eng gefasst auf die rasante Verbesserung der wirtschaftlichen Performance der Stadt, die Umstrukturierung von Regierungszuständigkeiten und die Anwendung von bekannten Technologien in einem unerwarteten Kontext. Eine umfassendere Betrachtung der Innovationskraft von städtischen Transformationsprozessen wird man mit dieser engen Definition jedoch nicht erreichen. Vielmehr bietet sich das Konzept der sozialen Innovation an, um zu verstehen, inwieweit die untersuchten Prozesse die Dynamik gesellschaftlicher Beziehungen positiv zu ändern vermögen und sich auf Aspekte von sozialer Gerechtigkeit beziehen. Denn laut Moulaert macht dieser explizite Bezug auf eine ethische Position soziale Innovation erst aus, wenn also veränderte Handlungen von Individuen und sozialen Bewegungen dazu beitragen, die Lebensqualität aller in einer sozial inklusiven und gerechten Weise zu steigern. Daraus folgt unter anderem, dass soziale Innovation immer nur kontextabhängig beurteilt werden kann, denn was zu einer gewissen Zeit an einem gewissen Ort zur Verbesserung der Lebensqualität beiträgt, kann wo anders unangebracht sein. Andere Autoren weisen darauf hin, dass soziale Innovation oft aus der Situation von Krisen und Konflikten entsteht. Oder darauf, dass soziale Innovation eine stark kurzlebige Qualität aufweist, sie also ihr innovatives Momentum verliert, wenn es zu einer Integration der sozialen Aktionen in langfristige (Regierungs-)Strukturen kommt (vgl. z.B. SINGOCOM).

Darin ähnelt sie der Revolution, die als Umsturz charakterisiert wird, also eine rapide Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse und Strukturen darstellt. So wird sie zumindest im politischen und soziologischen Kontext begriffen. Im Zusammenhang mit einer Veränderung von Wissensparadigmen und des allgemeinen Weltbildes spricht der Wissenschaftstheoretiker Kuhn in Anlehnung daran von einer Revolution, wenn Schwierigkeiten oder Anomalien innerhalb eines Systems auftreten und diese nicht mehr mit den gewohnten und anerkannten Regeln und Vorgangsweisen gelöst werden können. Das Verwerfen der alten, überkommenen Anschauungen und das Auftreten einer neuen, passenderen Wahrnehmung von Realität und von Bewertungsmaßstäben durch die Gemeinschaft sind also revolutionär. Wesentlich an dieser Konzeption von Revolution ist, dass Kuhn nicht von objektivem Wissen ausgeht, sondern von einem durch die Gemeinschaft sozial konstruierten Wissen. Auch darin ähnelt die Revolution der stark kontextabhängigen sozialen Innovation. Seine relativistische Position verteidigt Kuhn mit der Ansicht, dass es „keine höhere Norm der Billigung als durch die jeweilige Gemeinschaft“ gibt.

Was hat das nun mit einer lateinamerikanischen Stadt zu tun?

Medellín ist mit ca. 2,5 Millionen EinwohnerInnen Kolumbiens zweitgrößte Stadt nach Bogotá, der Hauptstadt des Landes. Die Stadt erlebte in den letzten 70 Jahren – wie viele andere lateinamerikanische Städte auch – ein rasantes Bevölkerungswachstum. Dieses wurde nicht nur durch die Industrialisierung und die Verarmung der Landbevölkerung angetrieben, sondern auch durch den seit über 40 Jahren andauernden bewaffneten Konflikt zwischen Guerilla, Paramilitärs, Militär und Drogenmafia im Land. Weder die modernistisch geprägten Stadtentwicklungspläne noch der kaum vorhandene Sozialwohnungsbau waren in der Lage, mit diesem Anstieg der Bevölkerung umzugehen und so bildeten sich ab den 1950ern an den Berghängen am Stadtrand informelle Selbstbau-Siedlungen (barrios populares oder einfach nur barrios genannt), in denen gut 50% der BewohnerInnen der Stadt leben. Je nach Konsolidierungsgrad bestehen diese Viertel heute aus Holz- oder Wellblechhütten ohne Verbindung zur Infrastruktur der Stadt oder aus Ziegelbauten, die bereits über Wasser, Kanal und Stromanschluss verfügen. Gemeinsam ist ihnen ihre periphere Lage am Stadtrand, eine niedrige Lebensqualität im Sinne von Bildungs- und Jobchancen, eine schlechte medizinische Versorgung, ein eklatanter Mangel an öffentlichem Raum und eine schlechte Ausstattung, sowie ein Leben unter dem Einfluss von Bandenkriegen und Gewalt.

Die Verbesserung der Sicherheitslage wurde ab Mitte der 1990er Jahre als Basis für eine Verbesserung der Lebensqualität aller BewohnerInnen und für eine erfolgreiche Neudefinition der Stadt erkannt. Zur selben Zeit kam es zu ersten Aufwertungsprojekten in den barrios. Seit 2004 hat eine Reihe von Bürgermeistern, die sich einer neuen politischen Qualität verpflichtet sehen, gemeinsam mit einflussreichen Stadtplanern und Architekten das Programm des Urbanismo Social geprägt. Sie arbeiten damit an der Verringerung der lang bestehenden sozialen Ungleichheit, und setzen dabei auf die Bereitstellung und Aufwertung von Bildungseinrichtungen, von öffentlichen Freiräumen sowie Sozialwohnungen und auf die Revitalisierung des Stadtzentrums. Besonderes Augenmerk wird in diesem Prozess auf spektakuläres Design, BürgerInnenbeteiligung, sowie institutionelle Zusammenarbeit und Transparenz gelegt. Mit diesem Ansatz wird nicht nur versucht, mit der alt-eingesessenen politischen Kultur des Elitismus und des Klientilismus und der Ignoranz den ärmeren Bevölkerungsschichten gegenüber zu brechen, sondern es wird auch angestrebt, darauf das ökonomische Wachstum der Stadt aufzubauen. Als sichtbare Zeichen für die politisch-institutionelle Wende stehen die emblematischen Architektur-Projekte. In internationalen Architekturkreisen bekannt sind vor allem die Plätze im Zentrum (Parque de los Pies Descalzos, Parque de las Luces, Parque de los Deseos) sowie die Parques Biblioteca in den armen Stadtvierteln im Norden der Stadt. Mit spektakulärer Architektur schuf man so ein Freizeit- und Bildungsangebot (z.B. Computerräume, Kursangebote für alle Altersstufen, Kinderaktivitäten) für die BewohnerInnen der barrios, das zugleich ein Ausflugsziel von touristischer Bedeutung ist und mit dem Metrocable (einer in das Metrosystem integrierten Seilbahn) schnell und sicher vom Zentrum aus erreicht werden kann. In Ergänzung dazu agieren die sogenannten Proyectos Urbanos Integrales (PUI). In diesen arbeiten ArchitektInnen, IngenieurInnen und SozialarbeiterInnen an kleineren, aber strategisch wichtigen Aufwertungsprojekten in den barrios, besonders im öffentlichen Raum (z.B. werden Sportplätze und Beserlparks angelegt, oder Fußgänger Verbindungen aufgewertet). Der integrale Ansatz dieser Projekte bezieht sich dabei auf die Bürgerbeteiligung in den meisten Umsetzungsschritten und auf den Versuch, die Aufwertung des öffentlichen Raums als Ausgangspunkt für eine Veränderung der gesellschaftlichen und ökonomischen Situation der BewohnerInnen zu nutzen.

Die Wahrnehmung des Aufwertungsprozesses durch seine AkteurInnen

Die Stadtregierung und die zuständige Planungsabteilung haben sowohl für die Design-Projekte selbst als auch für die Methodik viele internationale Auszeichnungen erhalten, bricht sie doch durch den Fokus auf die Kombination von räumlicher und sozialer Aufwertung mit konventionellen Strategien früherer Jahre, in denen informelle Siedlungen mit dem Bulldozer geräumt wurden. Dementsprechend ist dezidiertes Ziel der Stadtregierung, Medellín als beispielgebendes Laboratorium für inklusive urbane Aufwertungsprozesse zu etablieren. Ohne Zweifel ist mit dem Urbanismo Social eine weitreichende Verbesserung für viele BewohnerInnen eingetreten. Das Freiraumangebot hat sich verbessert, was vor allem der jungen Bevölkerung zugutekommt, die Anbindungen an den öffentlichen Verkehr und der Transitraum für FußgängerInnen haben eine Aufwertung erfahren und die Beteiligungsprozesse haben zu einer Annäherung von BürgerInnen und Regierung (und neuen Kommunikationswegen) geführt. Ob die Prozesse aber nun zu Recht als sozial innovativ und revolutionär bezeichnet werden können, lässt sich am besten mit einem Blick hinter die Kulissen herausfinden. In von der Autorin durchgeführten Interviews mit BewohnerInnen, Community LeaderInnen, PUI-MitarbeiterInnen und externen ExpertInnen zeigt sich – trotz der unterschiedlichen Erfahrungen und Einstellungen - ein recht einheitliches Bild des Aufwertungsprozesses. Als prägende Protagonisten und essenzielle Entscheidungsträger werden die Bürgermeister genannt, die sich – wenn es die politische Verwertbarkeit erfordert – auch über im Beteiligungsprozess getroffene Entscheidungen hinwegsetzen und Projekte einfordern, die im Flächenwidmungsplan nicht vorgesehen sind. Diese starke politische Abhängigkeit und Beeinflussbarkeit des Prozesses wird auch als Grund dafür genannt, dass die Qualität der Bürgerbeteiligung sinkt und die Regierung nicht an der Entwicklung von aussagekräftigen Evaluierungstools arbeitet. Ebenso wird eine Zentriertheit auf die nationale und internationale Medienrezeption festgestellt, die hauptsächlich auf das gute Image der Stadt fokussiert. Diesem werden weniger Aufsehen erregende, aber wichtige Projekte untergeordnet. So geben die Betroffenen zu bedenken, dass der Fokus des Programms auf mehr oder minder spektakuläre räumlich-bauliche Eingriffe die Bildungs- und Jobinitiativen und somit die soziale Nachhaltigkeit der Aufwertung vernachlässigt. So meint z.B. ein Community Leader: „Also, die Partizipation ist sehr schwach ausgeprägt, sie wird eher dazu verwendet, Sachen zu legitimieren, die sie tun...es ist keine Partizipation, in der wir die ProtagonistInnen wären, die pro-aktiv und kritisch ist“. Eine Expertin bezeichnet die ikonischen Projekte gar als „die Launen des Bürgermeisters“, während eine Bewohnerin die alltägliche Verwertungsdynamik aufzeigt: „Dort wo der Bürgermeister und die Medien hinkommen, ist alles wunderbar. Keine 100 Meter daneben herrscht weiter das tiefste Elend.“ Und auch die PUI MitarbeiterInnen weisen darauf hin, dass „es an Nachhaltigkeit sowie kritischer und unabhängiger Evaluierung fehlt und die politische Abhängigkeit ein wirkliches Problem ist.“

Was hat der Transformationsprozess tatsächlich gebracht?

Wenn man nun diese Aussagen mit den offiziellen Darstellungen und den internationalen Medienberichten vergleicht, ergibt sich ein differenziertes Bild der revolutionären Innovationskraft der Aufwertungsprozesse in Medellín. Die Transformation der Stadt kann – im Sinne Kuhns – als revolutionär begriffen werden, denn es wird versucht, mit neuen Herangehensweisen Probleme zu lösen, die in einer anderen Struktur entstanden sind. Sie zeigt vor allem ein neues Verhältnis zu den BewohnerInnen der informellen Stadtteile und sie propagiert eine neue Sicht auf Raum und Raumproduktion. Und die immense Anzahl der Auszeichnungen und positiven Rezensionen weist eindeutig auf die „Billigung durch die Gemeinschaft“ hin.

Die Qualität der sozialen Innovation wird allerdings durch den politischen Protagonismus und die starke Beeinflussung der Ziele des Aufwertungsprozesses durch bekannte Eliten in Frage gestellt. Denn die gesellschaftlichen Beziehungen sind nicht nachhaltig verändert worden und auch soziale Bewegungen erhalten nicht genügend pro-aktiven Einfluss, um zu einer grundlegenden Veränderung der Strukturen beitragen zu können. Weiters kann der Fokus auf spektakuläre Architekturprojekte als ein Hinweis auf die Verbundenheit der Entscheidungsträger mit dem Konzept der unternehmerischen Stadt gelten, in der Stadtregierung, private Unternehmen und urbane Eliten daran arbeiten, ein ansprechendes Setting für Tourismus und Investitionen zu schaffen, das „innovativ und kreativ wirkt“ (Harvey 1989: 9) aber nicht notwendigerweise an den Bedürfnissen den BewohnerInnen orientiert ist. Demgegenüber steht, dass soziale Innovation - wie eingangs erwähnt - stark kontextabhängig ist. Betrachtet man Geschichte und Gegenwart der kolumbianischen Gesellschaft, sind die Transformationsprozesse in Medellín natürlich als Verbesserung und bemerkenswerte Erneuerung zu sehen. Soll das Konzept der sozialen Innovation allerdings seine Aussagekraft behalten und nicht nur zu einem hippen Schlagwort verkommen, müssen die untersuchten Prozesse einer kritischen Betrachtung standhalten und nicht einfach nur neu oder interessant sein.

Referenzen und weiterführende Info im Netz:

ALCALDÍA DE MEDELLÍN (Ed.)(2011); Laboratorio Medellín - Catálogo de diez prácticas vivas. Mesa Editores

BRAND, Peter und DÁVILA, Julio D. (2011): “Mobility innovation at the urban margins.” In: City, Vol. 15, Nr. 6, 647-661

CHALMERS, Alan (2001): Wege der Wissenschaft: Einführung in die Wissenschaftstheorie. Springer

HARVEY, David (1989); “From Managerialism to Entrepreneurialism: The Transformation in Urban Governance in Late Capitalism”. In: Geografiska Annaler. Series B, Human Geography, Vol. 71, Nr. 1, 3-17.

MARTIGNONI, Maria Jimena (2008): Strategies for Medellín. In: Topos – International Review of Landscape Architecture and Urban Design. Nr.64/2008, 18 – 23

MOULAERT Frank, et al. (2007): Social Innovation and Governance in European Cities: Between Path Dependency and Radical Innovation. In: European Urban and Regional Studies 2007, Vol. 14, Nr. 3 195 – 209

MOULAERT Frank (2009): Social Innovation: Institutionally Embedded, Territorially (Re)produced. In: MAC CALLUM, Diana, et al. (Eds.)(2009): Social Innovation and Territorial Development. Ashgate

MOULAERT Frank, et al. (Eds.)(2013): Can Neighbourhoods Save the City?: Community Development and Social Innovation. Routledge

SINGOCOM – Social Innovation, Governance and Community Building. Projektdatenbank: http://ec.europa.eu/research/social-sciences/projects/100_en.html

http://www.edu.gov.co/index.php/proyectos.html

http://urbanismosocialmedellin.universia.net.co/modelo_medellin.jsp?m=2&s=200

http://www.architektur-aktuell.at/magazines/essay-medellin-die-urbanisierung-der-luft-%E2%80%93-integrative-stadtentwicklungsstrategien-fur-medellin-architektur-aktuell/

Die Autorin:

Eva Schwab ist Landschaftsarchitektin und Universitätsassistentin am Institut für Landschaftsarchitektur der Universität für Bodenkultur Wien. Ihr Forschungsfokus liegt auf sozial-räumlicher Stadtforschung, der Politik des öffentlichen Raums sowie auf sozio-kulturellen Aspekten von Freiraumnutzung. Sie hat sieben Monate in Medellín verbracht, um Feldarbeiten für ihre Dissertation durchzuführen.

E-Mail an die Redaktion: innovating@apa.at

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