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Stimmungen sind weder Gefühl noch Affekt © APA (dpa)
Stimmungen sind weder Gefühl noch Affekt © APA (dpa)

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Wie Stimmungen die Gesellschaft beeinflussen

19.06.2017

Nichtstimmung gibt es nicht, erklärte der deutsche Soziologe Heinz Bude in Wien beim ersten Vortrag der Karl Popper Lectures der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit dem Titel "Die Stimmung der Schließung. Die Spaltung der offenen Gesellschaft." Bude ging in seinem Vortrag der Frage nach, was Stimmungen eigentlich sind und wie sie die Gesellschaft beeinflussen.

Stimmungen, so Bude, seien weder Gefühl noch Affekt. "Gefühle sind narrativ, sie gehören zu einer Geschichte. Das Gefühl ist die Konsequenz der Geschichte." Im Gegensatz dazu stehe der Affekt, der aufblitzt und wieder weg ist. Stimmung sei jedoch weder noch. Bude nennt als erklärendes Beispiel für das Entstehen einer Stimmung das Fehlen des Wohnungsschlüssels in der Früh: Man findet ihn nicht und fragt sich infolge, wozu man sich "das Ganze" eigentlich antut. Die depressive Stimmung, die sich dann über einen legt, könne einen ganzen Tag, eine ganze Woche, ganze Monate anhalten. Für das Entstehen dieser Stimmung gebe es keine plausible Erklärung, nur das Fehlen des Schlüssels.

Stimmungen beschränkten sich aber nicht nur auf einzelne Personen - sie wirkten nicht subjektiv, sondern seien objektive Tatbestände, die sich auf soziale Situationen auswirken und ganze Gesellschaften erfassen können. Als Beispiel nannte Bude den sich über die westliche Welt ausbreitenden politischen Rechtsruck.

Er teilte dabei die Bevölkerung nicht in die üblichen zwei Lager der einkommensschwachen Trump- und Le Pen-Wähler mit niedrigem Bildungsniveau, die die Zuwanderer als Konkurrenten am Arbeitsmarkt sehen, sowie die gebildete Mittel- und Oberschicht, die an Globalisierung und Digitalisierung verdient und als weltoffen gilt. "Weltoffene gegen Hinterwäldler? Stadt gegen Land? Bildungsnahe gegen Trump, Bildungsferne für Trump? Nein, zu einfach", erklärte Bude. "Ich glaube, dass Kategorien der Stimmung besser helfen, um die polarisierte Öffentlichkeit zu analysieren." Bei Fragen der Zuwanderung beispielsweise bekommen sich langjährige Freunde mit ähnlichem Bildungsabschluss aus demselben Milieu in die Haare. "Worum es da geht? Stimmung. Als Ausdruck einer emotionalen Erregung, die dazu führt, dass Freunde zwischen sich einen Abgrund entdecken."

Was kann ein Einzelner schon bewirken?

Diese Stimmungen kämen aus dem Nichts. Zu Beginn der 90er-Jahre, so Bude, hätte in Europa die Stimmung geherrscht, dass der Einzelne etwas Großes bewirken könne. Heute habe sich diese Stimmung dagegen ins Gegenteil gekehrt: Was kann ein Einzelner schon bewirken? Während die eine Hälfte verzweifelt, zuckt die andere resigniert die Schulter. "Beide sind sich nur darin einig, dass die Zukunft eine Bedrohung darstellt."

Heinz Bude ist Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Er beschäftigt sich unter anderem mit Generationenforschung und Formen und Folgen sozialer Ungleichheit. Die Vortragsreihe der ÖAW erörtert aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.

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