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Breiter Konsens war möglicherweise nur Merkmal eines temporären Zustands © APA
Breiter Konsens war möglicherweise nur Merkmal eines temporären Zustands © APA

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Wiener Forscher erklären mit Modell politische Radikalisierung

29.09.2020

Die Gesellschaft spaltet sich auch in Österreich immer ausgeprägter in Rechte und Linke, während die politische Mitte schwindet. Laut dem psychologischen "Gewichtete Balance-Theorie"-Modell ist das wohl unumgänglich, erklärten Wiener Forscher kürzlich im "Journal of Artificial Societies and Social Simulation". Einstmalige Meinungsüberlappungen zeugten demnach bloß von einem vergänglichen Zwischenzustand.

Ein Team um David Garcia vom Complexity Science Hub (CSH) in Wien verfeinerte die vom österreichischen Psychologen Fritz Heider 1946 aufgestellte "Kognitive Balancetheorie". Sie besagt, dass Menschen psychologisch ausgeglichen sind, wenn Personen, die sie schätzen, die gleiche Meinung bezüglich verschiedener Angelegenheiten haben. Ebenso ist es für die Psyche befriedigend, wenn ungeliebte Personen andere Meinungen vertreten. Wenn man einem Freund widersprechen oder einem Feind zustimmen muss, ist jedoch das emotionale Gleichgewicht gestört. "Die Leute versuchen dann dieses Dilemma aufzulösen, indem sie ihre Meinungen anpassen", erklären die Forscher.

Sie fügten in dem neuen Modell ein, dass die Leute nicht strikt für oder gegen etwas sein müssen, sondern auch nur ein bisschen in eine Richtung tendieren können. "Wenn man sich die alte Literatur ansieht, war das Modell von Anfang an so geplant, aber man wendete es zwischenzeitlich nur mit ausschließlich positiver oder negativer Attitüde an", sagte Garcia im Gespräch mit der APA: "Wir können nun eine viel geschmeidigere Meinungs-Dynamik modellieren, die mehr der Wirklichkeit entspricht". Die Menschen ändern nämlich ihren Meinung nicht komplett hin und her, sondern passen sie graduell an die Umstände an.

Vorgefasste Ansichten durch Wiederholung ständig bestätigt

Das "Gewichtete Balance-Theorie"-Modell zeige nun, dass die "Hyperpolarisierung" in extreme Meinungen unabhängig von sozialen "Echokammern" und "Filterblasen" passiert, wo vorgefasste Ansichten durch immerwährende Wiederholung ständig bestätigt und andere Sichtweisen ausgefiltert werden. Die Menschen sind stattdessen einfach nur in einem Teufelskreis, wo intensive Emotionen und Meinungen schrittweise moderate Positionen verdrängen, bis die meisten Angelegenheiten nur mehr aus dem gleichen Blickwinkel gesehen werden, wie bei den politischen Verbündeten, so die Forscher. Oft wäre dieser dann sehr extrem.

"Das Ganze endet in totaler Polarisierung", sagte Garcia. Die Leute würden dann kategorisch für oder gegen eine ganze Reihe von Reizthemen sein, wie Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe und Atomenergie. "Die mögliche Variation von Kombinationen unterschiedlicher Meinungen wird auf die traditionellen Spaltung in Linke und Rechte reduziert", erklärt er. Es gäbe demnach eine Kombination von einer Gleichschaltung von Meinungen zu mehreren Themen und generell radikaleren Meinungen, die zur Hyperpolarisierung der Gesellschaft führt.

"Im Modell konnten wir vor der Hyperpolarisierung eine ausnehmend harmonische Phase beobachten", so der Komplexitätsforscher: "Der breitere Konsens, den wir in der Vergangenheit hatten, war demnach bloß das Merkmal eines temporären Zustands, und wir sind vielleicht schon die ganze Zeit auf dem Weg in eine politische Radikalisierung".

Service: http://dx.doi.org/10.18564/jasss.4306

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