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"...damit es nicht verloren geht" - Michael Mitterauer wird 80

08.06.2017

Nicht Staaten, Herrscher und bedeutende politische Ereignisse standen im Mittelpunkt des Interesses des Wirtschafts- und Sozialhistorikers Michael Mitterauer, sondern vielmehr die "Geschichte der kleinen Lebenswelten", der Menschen und ihres Alltags. Am 12. Juni wird Mitterauer, der mit seinem Forschungsansatz zu einer Neuinterpretation des Begriffs Geschichte beigetragen hat, 80 Jahre alt.

Mitterauer wurde am 12. Juni 1937 in Wien geboren. Sein Geschichtsstudium schloss er 1960 mit der Promotion sub auspiciis praesidentis ab. Nach Forschungsaufenthalten etwa in München habilitierte er sich 1968 an der Uni Wien, 1971 wurde er ebendort als Extraordinarius berufen. Von 1973 an war er ordentlicher Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, 2003 emeritierte er.

Vom Adel zu den "einfachen Leute"

Seine frühen Forschungen widmeten sich noch der Geschichte von Adelshäusern und Potentaten. So lautet der Titel seiner ersten Publikation "Slawischer und bayerischer Adel am Ausgang der Karolingerzeit" (1960). Später wandte sich sein Interesse immer mehr den "einfachen Leuten" zu, deren spezifischen Problemen und Krankheiten, ein damals beinahe revolutionäres Geschichtsbild.

"Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit, mit der die Menschen sich die Welt aneignen", interessiere ihn, sagte er einmal. Dem entsprechend stehen Familienbeziehungen immer wieder im Mittelpunkt, andere Forschungen drehen sich etwa um Beziehungen Bauern-Gesinde oder um Arbeiter. Mit Forschungsarbeiten wie "Vom Patriarchat zur Partnerschaft" (1977), "Ledige Mütter" (1983), "Sozialgeschichte der Jugend" (1986) oder "Geschichte der Familie" (2003) wurde er auch über sein Fach hinaus international bekannt.

Pionier der "Oral History" und "historischen Anthropologie"

Der Historiker dehnte seine Forschungen immer mehr in die Gegenwart aus, wenn möglich setzt er dabei "Oral History" ein, also die Befragung von Zeitzeugen. Darüber hinaus ortete er auch persönliche Aufzeichnungen von Mitgliedern städtischer und ländlicher Bevölkerungsgruppen als Geschichtsquelle. Seit 1983 erscheint unter dem Titel "... damit es nicht verloren geht" eine eigene Reihe solcher autobiografischer Texte, die nicht dem Interesse an der großen Persönlichkeit entspringen, sondern am Leben der Dienstboten, Bauern und Arbeiter.

Band 69 der Reihe ist in diesem Jahr herausgekommen: Unter dem Titel "Hungern - Hamstern - Heimkehren" erinnern sich u.a. ein Gärtner, ein Gendarm, eine Hausgehilfin und eine Offiziersgattin an die Jahre 1918 bis 1921. Für eine Sicht der Geschichte, die nicht die bedeutenden politischen Ereignisse in den Vordergrund stellt, sondern die alltägliche Lebensbewältigung der Menschen zum Gegenstand der Forschung macht, sind solche Quellen unentbehrlich. Mit diesem Forschungsansatz gilt Mitterauer als Begründer der "historischen Anthropologie".

Jakobsweg, Europa und Franz Fuchs

Der Historiker ist Autor oder Coautor von rund 20 Büchern zur europäischen Sozial-, Familien-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte, deren Großteil in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt widmete er sich der Geschichte des Jakobsweges ("St. Jakob und der Sternenweg: Mittelalterliche Wurzeln einer großen Wallfahrt", 2014).

Für sein Buch "Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs" (2003) und für sein Lebenswerk wurde er 2004 mit dem Deutschen Historikerpreis ausgezeichnet. 2007 erhielt er mit dem Österreichischen Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst die höchste Auszeichnung, die die Republik für wissenschaftliche Leistungen vergibt, verbunden damit war die Aufnahme in die ehrwürdige Kurie für Wissenschaft.

Stark engagiert hat sich der Historiker beim Aufbau seines Fachs in Mittel- und Osteuropa. Engen Kontakt hielt er auch zu den Balkanländern, einem Gebiet, das er auch schwerpunktmäßig in seinen Forschungen beleuchtet, etwa die Familienstrukturen im Balkan. Mit seinen Analysen über das Geschichtswissen des Briefbombenattentäters Franz Fuchs wurde auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Seit 2002 wird der anlässlich des 65. Geburtstags des Historikers gestiftete Michael-Mitterauer-Preis für Gesellschafts-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte an junge Historiker verliehen.

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