Medizin & Biotech

Der Bedarf an "Ersatzorganen" ist enorm © APA (dpa/Soeren Stache)
Der Bedarf an "Ersatzorganen" ist enorm © APA (dpa/Soeren Stache)

APA

Alpbacher Gesundheitsgespräche - Neue Organe aus Stammzellen

20.08.2019

Chronisches Organversagen hat sich durch die steigende Lebenserwartung der Menschen zu einer globalen Epidemie entwickelt. Einen Ausweg sollen die Organregeneration bzw. nachgezüchtete Organe darstellen. "Das ist eine der wichtigsten Forschungsgebiete der Medizin", sagte kürzlich der aus Tirol stammende und in Boston arbeitende Forscher Harald Ott bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen.

Der Thoraxchirurg stellte Entwicklung und Stand der Technik im Rahmen eines von der Wiener Ärztekammer unterstützten Vortrags zum Thema "Organe auf Bestellung" dar. "2020 werden auf der Welt mehr über 65-Jährige als Kinder unter fünf Jahren leben. Jeder Dritte von uns wird einmal ein Transplantationskandidat wegen Endversagens eines Organs. 2020 werden 3,8 Millionen Menschen Dialyse (wegen Nierenversagens; Anm.) benötigen. Das kostet im Jahr 80.000 US-Dollar und weist eine Jahresmortalität von 25 Prozent auf. 2015 starben 3,2 Millionen Menschen weltweit an COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung; Anm.). Es gab aber nur rund 5.000 Lungentransplantationen", sagte Ott. Der Bedarf an "Ersatzorganen" sei enorm und werde rasch weiter steigen.

Die Stammzelltechnik und die Möglichkeiten zur Ausreifung von Stammzellen in Richtung adulter Zellen jeweils spezifischer Gewebetypen hat diesem Forschungsgebiet enormen Auftrieb gegeben. Ott und sein Labor haben sich darauf spezialisiert, Organe von Tieren (Lunge, Herz etc.) durch einen Waschvorgang von Zellen so zu befreien, dass nur noch die Stützmatrix übrig bleibt. Dann werden sie neu mit menschlichen Zellen besiedelt, sodass möglichst ein wieder funktionierendes Organ entsteht.

Erste klinische Studien 2021 erwartet

"2017 haben wir erstmals eine Schweinelunge mit neuen humanen Zellen besiedelt und transplantiert. Das Organ funktionierte für Stunden", erklärte der Wissenschafter. Das Problem liege noch in der mangelnden Ausreifung des neuen Lungengewebes. In einem Versuch an Ratten funktionierte allerdings ein nachgebauter Darmteil rund zwei Wochen. "Ich nehme an, dass es 2021 zu ersten klinischen Studien mit solchem Tissue Engineering mit Bauchspeicheldrüsengewebe kommen wird", sagte Ott. Auf nachgebaute Herzen werde man aber wohl noch mehr als zehn Jahre warten müssen.

Die zweite große Forschungsrichtung sei die Verwendung des gezielten Gen-Editierens mit der CRISPR/Cas9-Methode zur "Behandlung" von Stammzellen, mit denen man eine Regeneration herbeiführen könnte. Das Verfahren ermögliche es zum Beispiel auch, Schweineorgane "menschlicher" zu machen, um sie eventuell zu transplantieren. Auch hier sei mit ersten klinischen Versuchen um das Jahr 2021 zu rechnen.

Das könnte jedenfalls einen Hoffnungsschimmer bedeuten. Immerhin leben heute schon weltweit 50 Millionen Menschen mit Nierenversagen, 26 Millionen Menschen mit chronischer Herzschwäche und mehr als 200 Millionen Personen mit Lungenversagen. In den USA beträgt die Wartezeit für eine Spenderniere derzeit rund fünf Jahre. Das bedeutet, dass viele Betroffene auf der Warteliste sterben.

STICHWÖRTER
Europäisches Forum Alpbach  | Medizin  | Tirol  | Bez. Kufstein  | Alpbach  | Wissenschaft  | Forschung  |
Weitere Meldungen aus Medizin & Biotech
APA
Partnermeldung