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Erforschung der dahinter stehenden Mechanismen © APA (dpa)
Erforschung der dahinter stehenden Mechanismen © APA (dpa)

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Arbeiten mit Krankheit: Forscher plädiert für Bewusstseinsentwicklung

29.01.2020

Husten, Niesen und glasige Augen sind vor allem in dieser Jahreszeit ein ständiger Begleiter - auch am Arbeitsplatz. Das Phänomen des "Präsentismus" - also der Praxis, sich auch krank ins Büro zu schleppen - erforscht ein Team der Uni Klagenfurt. Belastbares Wissen zu dem Thema sei bisher rar. Klar sei aber, dass es vielfach an Problembewusstsein mangle, so der Arbeitspsychologe Heiko Breitsohl.

Im Fokus der Forschung stehe der Präsentismus tatsächlich erst seit zehn bis fünfzehn Jahren verstärkt, erklärte Breitsohl im Gespräch mit der APA. Davor wurde das Problem eher medizinisch gesehen, etwa hinsichtlich der Gefahr der Ausbreitung von Krankheiten über den Arbeitsplatz. Welche psychologischen und unternehmerisch-wirtschaftlichen Mechanismen eigentlich dahinter stehen, will der Wissenschafter von der Abteilung Personal, Führung und Organisation der Uni Klagenfurt herausfinden.

Präsentismus sei ein "unsichtbares Phänomen", das sich auch nur wirklich erfassen lasse, "wenn man den Leute wissenschaftlich über Monate hinweg folgt", sagte Breitsohl. Denn über Abwesenheit vom Arbeitsplatz durch Erkrankung gibt es sehr klare Daten, darüber, ob jemand eigentlich krank ist und trotzdem Dienst schiebt, gibt es kaum Informationen. Durchaus größere Befragungen ließen aber darauf schließen, dass "die Leute mindestens so oft krank zur Arbeit gehen wie sie krank abwesend sind", sagte der Wissenschafter, der mit Kollegen im "European Journal of Work and Organizational Psychology" kürzlich eine Arbeit zum Forschungsstand und einen Ausblick zu dem Thema veröffentlicht hat.

Beschäftigungsverhältnisse, Gefühl der Verpflichtung wichtig

Eine Rolle spielen etwa Beschäftigungsverhältnisse, in denen Leute verstärkt um Job und Einkommen fürchten müssen, wenn sie zuhause bleiben. Menschen hätten aber auch oft das Gefühl, dass in ihrer Abwesenheit Arbeit liegen bleibt und sich danach die Belastung erhöht. Insgesamt gilt: Je mehr Befürchtungen man vor negativen Konsequenzen hat, wenn man nicht zur Arbeit erscheint, desto eher findet sich Präsentismus. Das gilt auch, wenn diese Dinge unausgesprochen sind.

Eine weitere wichtige Rolle spiele überdies, wie sehr man sich gegenüber Arbeit und Kollegen verpflichtet fühlt und was Vorgesetzte vorleben. Gehe der Chef "sozusagen mit dem Kopf unter dem Arm" arbeiten, habe das Einfluss auf das Verhalten der Mitarbeiter, so Breitsohl. Nicht zuletzt befördern Boni für möglichst wenige Krankenstandstage das Problem.

Klar sei, dass die Effekte von Präsentismus in der Regel negativ sind. Den Unternehmen drohen Produktivitäts- und Qualitätsverluste, und die Mitarbeiter betreiben Raubbau an den eigenen Ressourcen, mit entsprechend negativen gesundheitlichen Folgen.

Beim Versuch, das Thema in Unternehmen zu untersuchen, laufe man bei weitem nicht überall offene Türen ein. "Viele haben gesagt, das sei bei ihnen kein Problem. Der erste Schritt wäre also vielfach, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das ein Thema sein kann", so der Forscher. Im Endeffekt sollten Organisationen in sich gehen und überlegen, welches Verhalten sie wie unterstützen wollen. Dazu müssten etwa formelle und informelle Regeln im Unternehmen durchleuchtet werden.

Transparente Vertretungsregeln könnten beispielsweise helfen, Präsentismus zu reduzieren. Ebenso wichtig sei es, das Bewusstsein bei den Mitarbeitern zu stärken und ihnen dabei zu helfen, "eine bessere Einschätzung der eigenen Arbeitsfähigkeit zu erlangen", sagte Breitsohl.

Service: https://doi.org/10.1080/1359432X.2019.1704734

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