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Hyperimmunglobulin-Präparate sollen Schwerstkranken helfen © APA (AFP/Symbolbild)
Hyperimmunglobulin-Präparate sollen Schwerstkranken helfen © APA (AFP/Symbolbild)

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Blutplasma-Unternehmen bilden Allianz gegen Covid-19

09.04.2020

Medikamente, die konzentriert schützende Antikörper gegen SARS-CoV-2 von genesenen Covid-19-Patienten enthalten, könnten für Schwerstkranke eine Therapiemöglichkeit darstellen. Führende Pharmaunternehmen mit Produkten aus Spenderplasma haben eine Allianz gebildet. In Österreich haben sich bisher mehr als 70 Personen nach Coronavirus-Infektion für das Spenden des notwendigen Blutplasmas gemeldet.

Das Unternehmen Takeda mit einem großen Standort für Plasmaprodukte in Wien hat bereits vor einigen Wochen mitgeteilt, ein Anti-SARS-CoV-2 polyklonales Hyperimmun-Immunglobulin als Arzneimittel entwickeln zu wollen. Das Unternehmen hat dafür zunächst eine Kooperation mit CSL Behring gestartet. Vier weitere Unternehmen haben sich dem laut einer Aussendung von Takeda angeschlossen. Die Allianz wird umgehend mit der Prüfentwicklung eines markenlosen derartigen Arzneimittels beginnen, mit dem Potenzial, Personen mit schwerwiegenden Komplikationen von Covid-19 zu behandeln, teilte das Unternehmen mit.

Thomas Kreil, Leiter der globalen Pathogensicherheit: "Der Takeda-Standort in Wien hat eine 65-jährige Geschichte in der Entwicklung und Produktion von plasma-basierten Arzneimitteln. Diese Erfahrung kommt uns jetzt bei der Entwicklung einer Passivimmunisierung gegen Covid-19 zu Gute. Die globale Allianz aller führenden Plasma-Unternehmen zur Entwicklung einer Behandlung von Covid-19 ist ein bedeutender Schritt. Es geht nicht mehr darum, wer zuerst auf den Markt kommt, sondern, dass alle gemeinsam das Tempo erhöhen, die Erfahrungen und Anstrengungen bündeln, und größere Mengen der Behandlung verfügbar werden. Das Ergebnis wird ein Medikament sein, das allen Menschen gehört."

Prinzip ist seit langem bekannt

Das Prinzip ist uralt: Der Mensch übersteht eine Infektionskrankheit vor allem dadurch, dass bald nach Ansteckung mit einem Keim, ob Viren oder Bakterien, eine Immunantwort in Gang kommt. Sie wird durch Antikörper vermittelt, anfänglich durch Immunglobulin M. Etwas später tauchen im Blut spezifische Immunglobulin G-Antikörpern durch B-Zellen ein (IgG). Dadurch wird die Infektion besiegt. Wieder Genesene ("Konvaleszente") tragen dann diese Antikörper im Blutplasma, diese schützen mehr oder weniger anhaltend vor weiteren Infektionen.

Entwickelt wurde die erste "Blutserum-Therapie" von dem deutschen Wissenschafter Emil von Behring, der 1891 erstmals zwei Diphtherie-kranke Kinder mit Antikörpern behandelte. Die Quelle waren damals vorgeimpfte Schafe. 1901 erhielt er dafür den ersten Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

Für die Entwicklung und die spätere Produktion solcher Hyperimmun-Globuline (mit konzentrierten Antikörpern) ist Spenderplasma notwendig. Man will Covid-19-Patienten, welche die Infektion vollständig überstanden haben und gesundet sind, bitten, Plasma zu spenden. Aus diesem Plasma werden dann die Antikörper durch "Fraktionierung" konzentriert und haltbar gemacht. Kranke Patienten sollen schließlich die Antikörper aus dem Plasma (der wieder Gesunden; Anm.) in konzentrierter Form erhalten.

Neun bis 18 Monate für die Entwicklung

Noch nicht bekannt ist, wie viel an Antikörpern man aus dem Plasma von ehemaligen Covid-19-Patienten gewinnen kann bzw. wie viel man für die Therapie eines Patienten mit dem "konvaleszenten" Antikörperpräparat in Form einer passiven Impfung benötigt. Das können pro Spender einer oder einige wenige Patienten sein. Das können pro Patient aber auch Antikörperpräparate von mehreren Spendern sein. Man schätzt, dass es neun bis 18 Monate für die Entwicklung des Hyperimmunglobulins gegen Covid-19 brauchen wird.

Die Suche nach wieder gesunden Covid-19-Plasmaspendern läuft bereits. Wer nachweislich nach einer Covid-19 Infektion geheilt ist kann sich beispielsweise telefonisch oder per Mail melden (Tel.: +43 (0)120 609 2538 oder plasmaspende@takeda.com). Dann wird ein Termin in einem Plasmaspendezentrum vereinbart.

Nach den ersten Meldungen über das Projekt in den vergangenen Wochen haben sich bereits die ersten in Österreich wieder gesundeten Covid-19 Betroffenen für Plasmaspenden gemeldet: Das waren bisher mehr als 70 Personen. Davon wurden bereits bei mehr als 20 Plasmaspenden durchgeführt. Die anderen 50 haben in den nächsten Tagen ihren Termin, hieß es.

Rotes Kreuz sucht Plasmaspender

"Die im Blutplasma von Genesenen vorhandenen Antikörper helfen schwer erkrankten Personen, die Infektion zu besiegen", wurde Christof Jungbauer, medizinischer Leiter der Blutspendezentrale für Wien, Niederösterreich und Burgenland, in einer Aussendung zitiert. Die Gewinnung von sogenanntem Rekonvaleszentenplasma sei ein wichtiger Schritt in der Behandlung von Erkrankten.

Um schwere Verläufe bei Covid-19 abzumildern, sucht das Rote Kreuz jetzt dringend Menschen, die bereits eine Covid-19-Erkrankung überstanden haben. "Dabei ist es wichtig, dass diese Erkrankung mit einem Schleimhautabstrichtest aus den Hals-Nasen-Rachenraum eindeutig diagnostiziert wurde, um sicherzugehen, dass diese Person tatsächlich an Covid-19 erkrankt war", betonte Jungbauer. In diesen Fällen hat der menschliche Körper nämlich gesichert jene Antikörper entwickelt, die dem Immunsystem helfen, die Coronaviren zu zerstören.

Einen Teil dieser Antikörper, die Genesene erfolgreich gebildet haben, kann nun beim Roten Kreuz in einem speziellen Verfahren aus dem Blut genommen werden. "Die entnommene Blutflüssigkeit mitsamt der Antikörper wird dann binnen weniger Tage einem kranken Menschen in Österreich verabreicht", erklärte Jungbauer. Der Spender bildet die Antikörper nach und bleibt auch weiterhin vor dem Coronavirus geschützt. Für die Plasmaspende wird ein Termin vereinbart (Blutspende-Hotline Tel.: 0800 190 190).

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