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Popper interessierte sich "immer schon dafür, wie Systeme funktionieren" © APA (HERBERT NEUBAUER)
Popper interessierte sich "immer schon dafür, wie Systeme funktionieren" © APA (HERBERT NEUBAUER)

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Coronavirus - Nikolas Popper lässt die virtuellen Agenten tanzen

26.03.2020

Man kann nicht sagen, dass Nikolas "Niki" Popper durch Covid-19 ins Rampenlicht katapultiert wurde - denn der Mathematiker und Informatiker hat sich nie im Elfenbeinturm versteckt. Im Gegenteil: Er vermittelt sein Wissen aktiv der Öffentlichkeit und kann es als Firmengründer auch anwenden. Beides kommt ihm nun zugute, wenn er seine virtuellen Agenten im Kampf gegen Corona tanzen lässt.

Schon Ende Jänner, fast ein Monat, bevor das Coronavirus erstmals in Österreich nachgewiesen wurde, berichtete ORF-Wien über eine Expertengruppe um Niki Popper an der Technischen Universität (TU) Wien, die mit ihren Computermodellen berechnet, wie sich das Virus im Falle des Falles hierzulande ausbreiten könnte und wie sich eine mögliche Epidemie verhindern ließe. Je virulenter die Situation im wahrsten Sinne des Wortes wurde, desto mehr rückten auch die Aktivitäten des 46-jährigen Wieners ins Interesse - nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch der Behörden. Seine Simulationen über die Ausbreitung des Virus und die Wirksamkeit von Maßnahmen werden nicht nur im Expertengremium der Regierung für Entscheidungen herangezogen, sondern ermöglichen auch der Bevölkerung eine Einschätzung.

Der Mathematik blieb er immer treu

Popper, geboren am 27. Februar 1974 in Wien, interessierte sich "immer schon dafür, wie Systeme funktionieren", wie er im Gespräch mit der APA erklärte und erhielt daher bei einer Berufsmesse den Rat, Mathematik zu studieren. So inskribierte er 1993 Technische Mathematik an der TU Wien und nahm auch noch Philosophie und Jazztheorie dazu. Letztere Fächer blieben auf der Strecke, auch wenn er noch Saxophon spielt. Der Mathematik aber blieb er treu und erhielt 2015 seinen PhD für eine Arbeit zu "Comparative Modelling & Simulation".

Der späte PhD krönte jahrelange berufliche Erfahrung, bei der er seine mathematischen Kenntnisse anwenden konnte. Ab 1999 war er als Daten- und Wissenschaftsjournalist beim ORF tätig. Als Bindeglied zwischen TV-Nachrichtensendungen und der Grafikabteilung visualisierte er etwa Ereignisse wie die Papstwahl oder die Kaprun-Katastrophe in 3D-Modellen. Schließlich schlug er den Weg in die Selbstständigkeit ein, mit TV-Produktionstätigkeiten u.a. für Sendungen wie "Nano", "Kulturzeit" oder "Newton".

2010 hatte er gemeinsam mit dem Mechatroniker Michael Landsiedl unter anderem dafür die dwh GmbH in Wien-Neubau gegründet. dwh steht für Drahtwarenhandlung, die Abkürzung wurde für die Forschungsfirma gewählt, weil bei internationalen Konferenzen niemand Drahtwarenhandlung aussprechen konnte. Tatsächlich wurden in dem Gebäude in der Neustiftgasse bis Mitte der 1990er Jahre Lampenschirme und andere Produkte mit und aus Drähten gefertigt, ehe Popper und Landsiedl daraus nicht nur ihren Firmensitz, sondern auch ein unkonventionelles Lokal machten. Und wenn sie nicht gerade mit Computeranimationen, datengetriebenen Analysen und Simulationsdienstleistungen beschäftigt sind, stehen die beiden auch in der Küche, schwingen den Kochlöffel und liefern sich immer wieder "Battles of Chefs". Zudem lädt Popper mit Kollegen unter dem Titel "Bei Vino Veritas" regelmäßig zu populärwissenschaftlichen Abenden, bei denen sie komplexe Themen meist mit mathematischem Hintergrund einfach und humorvoll erklären.

Vorsitzender der Forschungsplattform DEXHELPP

Trotz dieser vielfältigen Tätigkeiten vernachlässigt der Vater von zwei Kindern auch seine akademische Tätigkeit und seine Forschungsschwerpunkte - v.a. im Bereich Theorie und Anwendungen der Modellierung und Simulation von dynamischer und komplexer Systeme - nicht. Er hat rund 150 Artikel und Vorträge in Fachzeitschriften und bei internationalen Konferenzen veröffentlicht bzw. präsentiert und zahlreiche Forschungsprojekte initiiert und koordiniert. Er ist Koordinator des interfakultären Zentrums "Computational Complex Systems" der TU Wien, hat dort das Master College für angewandte Modellierung, Simulation und Entscheidungsfindung mitentwickelt und forscht auch an der Privaten Universität für Gesundheitswissenschaften UMIT in Tirol. Zudem ist er Vorsitzender der Forschungsplattform DEXHELPP, einem ausgelaufenen COMET K-Projekt, die sich mit der effizienten und sicheren Nutzung von Daten für die Entscheidungsfindung in Gesundheitssystemen beschäftigt - also genau jenem Thema, mit dem er nun in der Coronakrise seine Expertise einbringt.

Dazu nutzt er einen sehr flexiblen, einen sogenannten "agentenbasierten" Ansatz. Das bedeutet, dass das Verhalten vieler einzelner Menschen simuliert wird und am Computer beobachtet werden kann, wie diese virtuellen Agenten das Virus untereinander weitergeben. Seine Tätigkeiten an der Uni und als Selbstständiger sieht er in einer "sehr friedlichen Koexistenz", an der TU ist er momentan nur über Drittmittelprojekte beschäftigt. Er und sein Team beteiligen sich aber auch laufend an der Betreuung von Masterarbeiten und Dissertationen im Bereich Modellbildung und Simulation, und zwar "anhand von sehr angewandten Fragestellungen etwa aus den Bereichen Logistik, Infrastruktur oder Gesundheitssystem", wie er betont.

Angesichts der derzeit vielen Medienanfragen und TV-Auftritte sei er den vielen Menschen in seinem Umfeld "sehr dankbar", die ihm u.a. den Rat geben: "Pack dein Ego wieder ein." Für die gesamte Forschungscommunity freue es ihn, "dass jetzt hoffentlich verstanden wird, dass uns diese Simulationswerkzeuge dabei helfen können, mit solchen Fragestellung auch in 'normalen' Zeiten umzugehen".

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