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Das Gesundheitswesen konzentriere sich zurzeit ausschließlich auf Corona © APA
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Coronavirus - Ökonomen fordern "Schutzschirm für Gesundheitswesen"

03.04.2020

Österreich ist beim Bedarf an Intensivbetten in der Covid-19-Epidemie in einer relativ guten Situation. Das Gesundheitswesen benötigt aber zum reibungslosen Funktionieren in absehbarer Zukunft einen "Schutzschirm" von zwei bis drei Milliarden Euro. Dies erklärten die Ökonomen Maria Hofmarcher und Christopher Singhuber (Health System Intelligence/Austrian Health Academy) gegenüber der APA.

Maria Hofmarcher und Singhuber haben bereits vergangene Woche eine erste Modellrechnung zum Verlauf der SARS-CoV-2-Infektionen und Covid-19-Erkrankungen erstellt. Nunmehr wurde sie aktualisiert. Die Gesundheitsökonomen leiten daraus mehrere Forderungen ab, um das Gesundheitswesen, auf das sich die Österreicher verlassen können sollen, abzusichern.

Die Forderungen:

- Dotierung eines "CoronaFonds" mit Mitteln von Bund, Ländern und Sozialversicherung in der Höhe von zwei bis drei Milliarden Euro. "Das Ziel muss sein, Kapazitäten, Beschaffung und Personal ordentlich zu dotieren, Ressourcenverfügbarkeit und Testaktivitäten zu koordinieren", erklärte Maria Hofmarcher.

- Aktivierung der Bundesgesundheitskommission, in der alle Akteure zu koordinieren sind. Ziel muss sein, sowohl Überblick über Ressourcen zu erhalten, als auch Mittelzuteilungen aus dem "CoronaFonds" vorzunehmen.

- Strategische Unterstützung und Ausbau der Intensivversorgung in Schwerpunktkrankenanstalten, damit die wirksame Beatmung von Schwerkranken möglich ist, Stichwort: Extrakorporale Beatmung (ECMO).

- Einbindung der ambulanten Versorgungsstrukturen einschließlich der Wahlärzte; stärkere Einbindung der Sozialversicherung.

- Einbindung der privaten Krankenanstalten zur Sicherstellung erforderlicher Kapazitäten. "Diese Gruppe von Krankenanstaltenträger bekommt jährlich ca. 150 Millionen Euro von der sozialen Krankenversicherung", sagte die Gesundheitsökonomin.

- Österreich sollte sich umgehend an der EU-Beschaffungsinitiative einiger EU-Mitgliedsstaaten zur Sicherstellung von Gerätschaften und Schutzkleidung beteiligen.

EU-Positionierung überdenken

Schließlich sollte Österreich auch in der EU seine Positionierung überdenken. Die Ökonomin: "Österreich sollte seine EU-Orientierung verstärken und den Widerstand gegen die von den meisten Euro-Ländern geforderten 'Corona-Bonds' überdenken." Derzeit sei solidarisches Handeln in der EU besonders wichtig.

Bezüglich der für die Behandlung von schwerkranken Covid-19-Patienten notwendigen Kapazitäten auf den Intensivstationen der Krankenhäuser, haben die Experten eine aktualisierte Berechnung durchgeführt. Sie gehen davon aus, dass 60 Prozent der Intensivbetten (rund 2.500) mit Nicht-Covid-19-Erkrankten belegt werden könnten. So bleiben für Covid-19-Kranke etwa 1.050 übrig. Vergangene Woche sei man noch von einer Verdoppelung der Erkrankungsfälle von sechs bis acht Tagen ausgegangen. Jetzt sei man bei neun Tagen, zu erhoffen wäre ein Trend von 14 Tagen noch im April. "Dieser Trend gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus", sagte Maria Hofmarcher.

Bei einem Anteil von 2,2 Prozent der SARS-CoV-2-Infizierten, die im Laufe der Erkrankung schließlich eine Aufnahme in einer Intensivstation benötigten, komme man bei einer Verdopplung der Erkrankungszahlen alle neun Tage bis zum 28. April mit den vorhandenen Kapazitäten aus. "Bei einer Verdopplung alle 14 Tage, oder wenn die Verdopplungszahl alle drei Tage um einen Tag zunimmt, kommt es bis Ende Mai zu keiner Überschreitung der Kapazitäten", erklärte die Expertin. In Italien hätte sich gezeigt, dass beatmungspflichtige Covid-19-Patienten etwa eine Woche auf der Intensivstation liegen.

Nicht nur auf Corona konzentrieren

Eine Gefahr sehen die Fachleute aber auch dadurch, dass sich das Gesundheitswesen in Österreich ausschließlich auf SARS-CoV-2 bzw. Covid-19-konzentriert. "Im extramuralen Bereich bestehen Empfehlungen der Ärztekammern, Ordinationen nur in dringenden Fällen aufzusuchen. Laut Mitteilung der Ärztekammer Wien halten sich die Patienten an diese Empfehlungen. Kassenordinationen haben einen deutlichen Rückgang der Patientenzahlen, viele Wahlarztordinationen verzeichnen ebenfalls einen Rückgang der Patientenzahlen, manche Ordinationen sind wegen Erkrankung geschlossen.

In allen Krankenhäusern sind elektive Untersuchungen/Operationen ausgesetzt, um Kapazität für Covid-19-Patienten frei zuhalten. Es werden nur mehr akute therapeutische Maßnahmen durchgeführt. Maria Hofmarcher: "Damit ist klar, dass derzeit schon seit etwa vier Wochen viele elektive Maßnahmen, Vorsorgeuntersuchungen und nicht-akute Beschwerden nicht weiter abgeklärt und behandelt werden. Es gibt Hinweise, dass in vielen Krankenhäusern Maßnahmen der Qualitätskontrolle (Beispiele: Tumorboards, interdisziplinäre fallbezogene Besprechungen) nicht oder nur eingeschränkt durchgeführt werden können.

Die Gefahr laut der Gesundheitsökonomin: "Bei Weiterführung der derzeitigen Maßnahmen ist daher eine Verschlechterung der Gesundheitsversorgung von Nicht-Covid-19 Patienten absehbar, mit besonderem Schwerpunkt chronischer, insbesondere onkologischer Erkrankungen. Hier gilt es, die Mortalität dieser Patienten nicht ansteigen zu lassen."

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