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Die Lehrstuhlinhaber der Medizinischen Fakultät sagen "Nein, aber" zu Tierversuchen an der JKU

02.06.2020

"Schlachthöfe und Tierversuchslabore gehören zu einem verdrängten Teil unserer Gesellschaft. Universitäten sind Orte der Aufklärung. Sie müssen sich daher auch Themen wie der Mensch-Tier-Beziehung selbstreflektiert stellen." Diese von Rektor Meinhard Lukas formulierte Haltung ist der Ausgangspunkt eines öffentlichen Diskussionsprozesses, den die JKU initiiert hat. Die Lehrstuhlinhaber der Medizinischen Fakultät nehmen in dieser Diskussion Stellung.

Die JKU nimmt eine sehr zurückhaltende Position gegenüber Tierversuchen ein. Man kann diese Position plakativ mit "Nein, aber" betiteln: Auch wenn das Tierversuchs-Gesetz Ausdruck eines demokratischen Konsenses ist, will die JKU den dadurch eröffneten Rahmen keinesfalls ausschöpfen. Die JKU sagt nicht nur Nein zu Tierversuchen, wenn adäquate alternative Methoden zur Verfügung stehen, sondern immer auch dann, wenn nicht ein klarer Nutzen für Mensch und Gesellschaft feststellbar ist. Entscheidend ist, nach welchen Kriterien und in welchem Prozess dieser Nutzen beurteilt wird. Dazu führt die JKU aktuell eine intensive Diskussion.

Kategorische Positionen erachtet die JKU als nicht zielführend. Es erscheint auch unethisch, das Tierversuchsthema an andere Universitäten und Einrichtungen zu delegieren, selbst aber entsprechende Forschungsergebnisse zu nutzen. Die JKU bevorzugt einen zugleich eigenständigen und eigenverantwortlichen restriktiven Weg, der laufend kritisch geprüft und gegebenenfalls angepasst wird.

Die 13 Lehrstuhlinhaber der Medizinischen Fakultät sprechen sich für diesen eigenständigen Linzer Weg aus. Weil sie sich sowohl einer Forschung zum Wohle der Menschen und der Gesellschaft verpflichtet fühlen als auch großen Wert auf die Ethik der Mensch-Tier-Beziehung legen, treten sie für eine denkbar restriktive Haltung bei Tierversuchen ein. Diese Position schließt Tierversuche nicht gänzlich aus, weil damit auch in einem beträchtlichen Maß der medizinische Fortschritt für uns Menschen ausgeschlossen würde.

Lehrstuhlinhaber der Medizinischen Fakultät der JKU

Univ. Prof. Dr. David Bernhard | Institut für Physiologie und Pathophysiologie, Abteilung für Pathophysiologie:

"Das Ziel, die Entdeckung von neuen Wirkstoffen, um Menschenleben zu retten und Leid zu verhindern, macht es notwendig, dass die Wirksamkeit von Herz-Kreislauf-Medikamenten auch in Tiermodellen getestet wird. Diese Tiermodelle werden präzise geplant, die Anzahl der Tiere so gering wie möglich gehalten, und Tierleid durch hochprofessionelle Narkose und Schmerztherapie auf ein absolutes Minimum reduziert. Vor Beginn derartiger Versuche wird mehrfach abgewogen, ob diese Versuche tatsächlich benötigt oder ersetzt werden können. Die Entwicklung von neuen Ersatzmethoden für Tierversuche ist ein zentrales und wichtiges Element unserer gesamten Forschung."

Univ. Prof. Dr. Matthias Bolz | Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie:

"Die häufigste Operation der Welt ist die des Grauen Stars, dicht gefolgt von Injektionen von Medikamenten, die eine Erblindung verhindern. Keine dieser Behandlungen hätte je mit einer vertrauenswürdigen Sicherheit am Menschen angewendet werden dürfen, wenn nicht im Vorfeld streng reglementierte und kontrollierte Tierversuche stattgefunden hätten. Diese durch eine eigene Tier-Ethikkommission genau überwachten und auf ein Minimum reduzierten Versuche an Tieren sind das Fundament des Vertrauens, das wir heutzutage in zugelassene Behandlungen in der Medizin legen dürfen."

Univ.-Prof. Dr. Josef Donnerer | Institut für Pharmakologie:

"Ich kann an Zellen, an isolierten Gewebekulturen oder isolierten Organen Informationen über einzelne Wirkmechanismen einer Arzneisubstanz erhalten, aber nichts über die Verträglichkeit. Es ist zu bedenken, dass Arzneisubstanzen ja nicht nur etwas im Körper bewirken, sondern der Körper wirkt umgekehrt auf die Arzneisubstanz ein, kann sie umwandeln, wird sie rascher oder langsamer wieder ausscheiden, und alle diese Informationen kann ich nur in einem Gesamtorganismus, in der Präklinik eben in einem Labortier, gewinnen. Dieser ganz wichtige Aspekt ist zum Schutz der Patient*innen, die an klinischen Prüfungen von Arzneimitteln teilnehmen, in weiterer Folge für alle Personen, bei denen ein Arzneimittel zur Anwendung kommen soll, vorgesehen und durch gesetzliche Grundlagen vorgegeben."

Univ.-Prof. Dr. Tobias Gotterbarm | Universitätsklinik für Orthopädie und Traumatologie:

"Die valide Untersuchung neuer Gewebeersatzstoffe, Stammzellpopulationen und Wachstumsfaktoren erfordert präklinische Tierversuche, um die Translation von reinen in vitro Laborergebnissen in den klinischen Alltag zur ermöglichen. Da die Kulturbedingungen in vitro die körpereigenen physiologischen Vorgänge und biologische Mikroumgebung nicht nachahmen können, ist es nötig das Tiermodell heranzuziehen. Die komplexen Funktionen der Gewebeneubildung und der Differenzierung von Stammzellen in Knorpel-, Sehnen- und Knochengewebe sind dabei nur am lebenden und hochdifferenzierten Organismus unter physiologischen Bedingungen möglich. Zusätzlich erlaubt nur eine detaillierte wissenschaftliche Aufarbeitung der erzielten Resultate im lebenden Organismus am Ende eine nachhaltige Abschätzung des tatsächlichen klinischen Nutzens für die Patient*innen."

Univ.-Prof. Dr. Andreas Gruber | Universitätsklinik für Neurochirurgie:

"Im Bereich der Neurowissenschaften konnten zahlreiche Fragestellungen nur durch tierexperimentelle Forschung beantwortet bzw. ein Grundverständnis der Erkrankung selbst dadurch gewonnen werden. Grundbegriffe der modernen Schlaganfallforschung wie die Konzepte der fokalen und globalen Ischämie, der Kollateralkreislaufsituation oder der Ischämiezeit konnten im Tiermodell erstmalig verstanden und in der Humanmedizin zur Entwicklung erfolgreicher Therapien genutzt werden. Auch in der Zukunft werden sich in den Bereichen der Zerebroprotektion, d.h. des Schutzes des Gehirngewebes nach Schlaganfällen, Schädelhirntraumen oder im Bereich der Intensivmedizin Forschungsbereiche eröffnen, welche nur unter Inanspruchnahme tierexperimenteller Modelle wissenschaftlich seriös bearbeitet werden können. Im Bereich der Neurochirurgie selbst werden Eingriffe durchgeführt, deren Erfolg - neben zahlreichen anderen Trainingsmethoden - auch vom Einsatz etablierter Kleintiermodelle abhängig ist. Bei der Bypasschirurgie im Gehirn werden Materialien zur Gefäßnaht verwendet, welche um ein Vielfaches dünner als ein menschliches Haar sind. Ob die chirurgische Technik für den Einsatz am Menschen ausreichend gut ist, d.h. ob der Bypass offen bleiben wird, ist anhand mechanischer Modelle nicht zu überprüfen, da erst im Tiermodelle die komplexe Interaktion von Blutfluss, Blutgerinnung und Bypassgeometrie für den Chirurgen erkennbar wird."

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Högler | Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde:

"27.000 seltene Krankheiten gibt es (weniger als 1 von 2000 Menschen betroffen), sie sind schlecht verstanden, schwer zu diagnostizieren, und für viele gibt es keine ursächliche Behandlung. Man muss den Krankheitsmechanismus zuerst verstehen, um eine Therapie entwickeln zu können. Da Mäuse dem Menschen hochgradig genetisch und funktionell ähnlich sind, ist das Mausmodell das wichtigste, erfolgreichste und schnellste Modell für die Entwicklung von spezifischen Medikamenten. An meiner Universitätsklinik können wir heute mehr und mehr früher tödliche Erbkrankheiten erfolgreich behandeln, eben weil durch bahnbrechende Arbeit im Tierlabor der medizinische Durchbruch erreicht wurde - vom Verständnis des Krankheitsmechanismus zur individualisierten Therapie. Nicht selten werden neu entwickelte Medikamente für seltene Krankheiten dann auch an Patient*innen mit häufigeren Krankheiten getestet und kommen so einer weit größeren Zahl an Betroffenen zugute."

Univ.-Prof. DDr. Wolfram Hötzenecker, MBA | Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie

"Essentielle Fortschritte in der Behandlung des malignen Melanoms und entzündlicher Hauterkrankungen wie die Neurodermitis wären ohne den Einsatz von Tierversuchen nicht möglich gewesen. Das metastasierte maligne Melanom war vor zehn Jahren noch mit einer mittleren Überlebenszeit von sechs bis neun Monaten behaftet. Durch die Entwicklung neuer zielgerichteter Therapien, die sich aus der Grundlagenforschung ableiteten, kann heute ca. die Hälfte der Patient*innen das 5-Jahresüberleben erreichen. Als zweites Beispiel für den erfolgreichen Einsatz des Tiermodells möchte ich die Neurodermitis und die Schuppenflechte anführen. Zwei Krankheiten, die für die Betroffenen mit starken Beeinträchtigungen der Lebensqualität verbunden sind. Auch hier gelang es durch neue Erkenntnisse in der Pathophysiologie dieser chronischen Erkrankungen, Antikörpertherapien zu entwickeln, die teils zu völliger Beschwerdefreiheit führen."

Univ.-Prof. Dr. Sigurd Lax | Institut für Pathologie und Molekularpathologie:

"Viele Fragestellungen können nicht mit Hilfe von Zellkulturen, Organoiden oder Analysen an Formalin-fixiertem menschlichem Gewebe beantwortet werden. Die Liste jener Erkrankungen, bei denen Tierversuche zu einem wesentlichen Erkenntnisgewinn geführt haben ist lang. Dazu zählen neben malignen Tumoren auch viele chronische Entzündungen und degenerative Veränderungen wie Tuberkulose, Autoimmunkrankheiten (z.B. Lupus erythematodes, rheumatoide Arthritis), Diabetes mellitus, multiple Sklerose und Morbus Parkinson, um nur einige zu nennen. Daneben ist die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen (Pharmakologie) und die Erforschung von Nebenwirkungen medikamentöser Therapien anzuführen. Nicht zuletzt benötigt der Bereich der Organtransplantation und des Organersatzes für die Beantwortung wissenschaftlicher Fragestellungen Tierversuche."

Univ.-Prof. Dr. Jens Meier | Universitätsklinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin:

"Die Anästhesiologie und die Intensivmedizin befassen sich mit der Überwachung und Aufrechterhaltung lebenswichtiger Funktionen. Hierzu gehören beispielsweise die Überwachung und Behandlung der Atmungsfunktion, der Kreislauffunktion oder der Nierenfunktion. Hierbei kommt es vielfach ganz wesentlich auf das Zusammenspiel einzelner Organe und Organsysteme an. Beispielsweise schränkt eine nicht funktionierende Lunge die Sauerstoffversorgung sämtlicher Organe ein, was zu einem Multiorganversagen führen kann. Sollen im Bereich der Anästhesie und Intensivmedizin neue therapeutische Ansätze erprobt werden, kann oft nicht auf Tierversuche verzichtet werden, da bei den typischen Fragestellungen insbesondere das Zusammenspiel der Organe und Organsysteme eine große Rolle spielt. Eine Untersuchung an Zelllinien kann hier systembedingt keine zufriedenstellende Antwort liefern, und muss in vielen Fällen mit Tierversuchen ergänzt werden. Nur so ist eine sichere Erprobung neuer therapeutischer Ansätze möglich, ohne Proband*innen oder Patient*innen zu gefährden. Allerdings sollen Experimente an Tieren auf das absolut notwendige Minimum beschränkt werden."

Univ.-Prof. Dr.med. Peter Oppelt, MBA | Universitätsklinik für Gynäkologie, Geburtshilfe, Gyn. Endokrinologie:

"Sicherlich werden heute viele Tierversuche durch alternative Verfahren ersetzt. Wie auch in der Luftfahrt können viele Dinge durch Simulationen optimiert und verbessert werden, um die Anzahl der Testflüge gering zu halten. Ebenso ist es in der Medizin. Der Einsatz von Alternativen zum Tierversuch kann in vielen Dingen weiterhelfen. In der ,Endausbaustufe' kann man aber die reelle Situation nur im ,medizinischen Testflug', das heißt durch Tierversuche überprüfen. Eine neu entwickelte Produktion aus einem ,Simulationsversuch' direkt beim Menschen einzusetzen, ist ethisch nicht zu vertreten."

Univ.-Prof. Dr. Clemens Schmitt | Universitätsklinik für Hämatologie und internistische Onkologie:

"Bis vor wenigen Jahren war die medikamentöse Behandlung fortgeschrittener Krebserkrankungen nahezu alleinig auf Chemotherapie, also relativ unspezifisch angreifende Zellgifte, angewiesen. Eine Vielzahl neuer lebensverlängernder Krebstherapeutika - darunter zielgerichtete Signalweg-Inhibitoren und so revolutionäre immun-onkologische Wirkstoffe wie die Nobelpreis-prämierten Immun-Checkpunkt-Blocker oder gegen Tumorzellen geschärfte sog. "CAR-T-Zellen" - wäre ohne Tierversuche heute nicht verfügbar. Dennoch sind die größten - und todbringenden - Herausforderungen in der Tumormedizin nicht gelöst: Therapieresistenz gegenüber vormals greifenden Medikamenten und vor allem Metastasierung, die Absiedelung von Tochtergeschwülsten in Organen fernab vom Ausgangstumor. Die Entwicklung auch hier hilfreicher Medikamente wird maßgeblich in der Zellkultur möglich sein, zentral wichtige Wirkungs- und Nebenwirkungs-Prüfungen werden hingegen Tierversuche erfordern. Die meisten TumorpatientInnen sind sich dieser Notwendigkeit bewusst und stehen hinter den KrebsforscherInnen, die sich dieser enormen Herausforderung in den Laboren annehmen."

Univ.-Prof. DDr. Jakob Völkl | Institut für Physiologie und Pathophysiologie, Abteilung für Physiologie

"Erkrankungen des Herzens und der Gefäße sind nach wie vor eine Hauptursache für Tod und Gesundheitsbeeinträchtigung. Erst vor ca. 20 Jahren wurde erkannt, dass eine Verkalkung der mittleren Arterienschichten (Mönckeberg-Mediasklerose) ein wichtiger Auslöser von kardiovaskulären Ereignissen wie Schlaganfall und Herzinfarkt sein kann. Diese medialen Verkalkungen entwickeln sich während des Alterungsprozesses und besonders beschleunigt bei Diabetes Mellitus und chronischer Niereninsuffizienz. Verglichen mit der Atherosklerose, die aufgrund von Fettablagerung in den inneren Schichten der Arterien entsteht, ist die Entstehung der medialen Verkalkung aber noch viel schlechter verstanden und kann nicht behandelt werden. Um die komplexen Vorgänge bei dieser Erkrankung zu untersuchen, gibt es leider noch keine Alternative zu Versuchen im Organismus. Tierversuche sind notwendig, um die Entstehung dieser Erkrankung zu verstehen, und damit neue Ansatzpunkte zur Behandlung erkennen zu können. Manche zellulären Mechanismen können in Zellkultur und isolierten Organen untersucht werden, und es wird aktiv an weiteren Modellen geforscht, die Tierversuche reduzieren können. Das komplexe Zusammenspiel unterschiedlicher Auslöser der Erkrankung lässt sich aber auch mit neusten Technologien nicht in Ersatzmethoden abbilden."

Univ.-Prof. Dr. Andreas Florian Zierer | Universitätsklinik für Herz-, Gefäß-, Thoraxchirurgie:

"Meilensteine in der Herzmedizin wie zum Beispiel die Entwicklung der Herztransplantation wären ohne tierexperimentelle Studien nicht möglich gewesen. 1930 gelang es erstmals, dass ein transplantiertes Herz im Tierversuch acht Tage lang schlägt. Es dauerte weitere 37 Jahre intensivster Forschungstätigkeit bis zum ersten erfolgreichen klinischen Einsatz dieser Methode. Seit der ersten Herztransplantation im Menschen am 3. Dezember 1967 durch Christiaan Barnard wurde weltweit mehr als 125.000 Patient*innen durch diesen Eingriff das Leben gerettet. Auch heute ist die moderne Herzmedizin mit all ihren technologischen Innovationen ohne Tierstudien nicht vorstellbar. Alle Medizinprodukte, die in das Herz eines Patienten implantiert werden, müssen vorher jahrelang strenge Sicherheitskontrollen inklusive entsprechender Tierstudien durchlaufen. Dies gilt für sämtliche Herzklappen ebenso wie für neue Schrittmacher."

Rückfragehinweis:
Mag. Jürgen Schwarz 
PR-Manager
Universitätskommunikation
Johannes Kepler Universität Linz
Altenberger Straße 69
Schloss, S0123
4040 Linz, Österreich
T +43 732 2468 3019
M +43 664 60 2468 352
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