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2016 bekam er die Wilhelm-Exner-Medaille verliehen © APA (Neubauer)
2016 bekam er die Wilhelm-Exner-Medaille verliehen © APA (Neubauer)

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Gero Miesenböck - Mitbegründer der Optogenetik

01.10.2019

Bereits 2010 kürte das Wissenschaftsmagazin "Nature" die von ihm mitbegründete Optogenetik zur "Methode des Jahres". Seit der Oberösterreicher Gero Miesenböck (54) entdeckt hat, dass er bei Fliegen die Aktivität von Gehirnzellen mit Licht ein- und ausschalten kann, steht er selbst im Rampenlicht. Mittlerweile gilt der derzeit in Oxford forschende Neurowissenschafter als Top-Nobelpreiskandidat.

"Herr der Fliegen"

Miesenböcks Forschungsgebiet ist so revolutionär wie auch öffentlichkeitswirksam - Titel wie "Der Herr der Fliegen" oder zumindest der "Herr des Fliegenhirns" bieten sich förmlich an. Vor genau 20 Jahren kam er auf die Idee, Licht nicht nur zur Beobachtung von biologischen Prozessen zu nutzen, sondern um diese zu kontrollieren. "Neurobiologen haben 100 Jahre meistens versucht, aus Beobachtungen Schlüsse zu ziehen", schilderte er dies in einem APA-Interview. Bei der Optogenetik, einer Mischung aus optischer Technologie und Genetik, werden dagegen lichtsensitive Proteine über die DNA in Zellen eingeschleust - die dann durch einen Lichtstrahl gezielt und schnell aktiviert werden können.

Dadurch kann der Forscher die Zellen - und damit die neuronalen Schaltkreise - kontrolliert "einschalten". "Wie beim Rätsel: Man probiert Lösungen aus und dechiffriert damit den Code. Wenn man in den Informationsfluss des Gehirns eingreifen kann, dann ist das ein ganz neuer Weg, es zu verstehen."

Für seine Forschung hat Miesenböck Nervenzellen genetisch so verändert, dass sie auf Licht reagierende Proteine produzieren. So konnte er das Verhalten von Tieren steuern - etwa Fliegen optogenetisch in den Schlaf schicken und auch wieder aufwecken. Durch die Methode werden Mechanismen im Gehirn analysiert und erforscht, wie Entscheidungen entstehen, wie Schlaf und Appetit reguliert werden oder welche Faktoren Verhalten und Gedächtnis beeinflussen. In fernerer Zukunft hofft die Medizin dadurch auf neue Behandlungsmöglichkeiten für Krankheiten wie Parkinson, Epilepsie oder Angststörungen.

Vater drängte ihn zur Wissenschaft

Geboren wurde Miesenböck am 5. Juli 1965 in Braunau am Inn (OÖ). Ursprünglich wollte der in Thalheim bei Wels aufgewachsene Sohn eines Lateinlehrers Schriftsteller werden, wandte sich auf Drängen seines Vaters aber der Wissenschaft zu. Und das erfolgreich: Nach einem 1991 abgeschlossenen Medizinstudium an der Universität Innsbruck promovierte er sub auspiciis praesidentis und bewarb sich nach der Lektüre von dessen wissenschaftlicher Arbeiten beim späteren Nobelpreisträger James Rothman. Nach anfänglicher Ablehnung wurde er akzeptiert und zog 1992 nach New York, wo er zunächst als Postdoc am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center arbeitete - noch nicht an Fruchtfliegen, sondern an einer Garnelenart.

1999 wechselte Miesenböck als Assistant Professor an die Cornell University. Im selben Jahr hatte er die Idee für seine Methode: "Es war einer jener Momente, in denen ich mich sogar an die Zeit und das Datum und den Raum, in dem ich war, erinnern konnte - da hatte ich die Idee, Licht nicht nur zur Beobachtung, sondern auch zur Steuerung zu verwenden", erinnert er sich auf seiner Website an den Tag (Samstag, 12. Juli 1999) und das Buch, das er dabei gerade las (Richard Fords "Independence Day").

2004 wurde der Oberösterreicher Associate Professor für Zellbiologie, zelluläre und molekulare Physiologie in Yale. Drei Jahre später wechselte er als erster Nicht-Brite auf den Waynflete-Lehrstuhl für Physiologie nach Oxford - wo er eigentlich nie leben wollte. Ein Sprachaufenthalt als 15-Jähriger hatte ihm Großbritannien so verleidet, dass er sich schwor, nie wieder einen Fuß auf britische Erde zu setzen. "Das Versprechen habe ich 30 Jahre gehalten, aber meine Frau hat mich überredet, mir die Stelle in Oxford zumindest zu überlegen. Überraschenderweise liebe ich es jetzt hier."

2011 gründete Miesenböck das Zentrum für Neuronale Schaltkreise und Verhalten an der University of Oxford. Seit dieser Zeit hagelte es Auszeichnungen - unter anderem erhielt er den "Brain Prize 2013" der dänischen Grete Lundbeck European Brain Research Prize Foundation, wurde 2015 zum Mitglied der Royal Society gewählt, bekam 2016 die Wilhelm-Exner-Medaille des Österreichischen Gewerbevereins und wird am Donnerstag (3.10.) mit dem "Warren Alpert Foundation Prize 2019" ausgezeichnet.

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