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Biophysiker Jiankui ist mittlerweile aus der Öffentlichkeit verschwunden © APA (AFP)
Biophysiker Jiankui ist mittlerweile aus der Öffentlichkeit verschwunden © APA (AFP)

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Lulu und Nana: Nachricht über ihre Geburt schockierte die Welt

25.11.2019

Am 25. November 2018 schockierte der chinesische Wissenschafter He Jiankui mit der Nachricht über die Geburt der Mädchen Lulu und Nana Fachwelt und Öffentlichkeit. Der Forscher hatte das Erbgut der mit künstlicher Befruchtung gezeugten Kinder manipuliert, bevor er die Embryonen in die Gebärmutter der Mutter übertrug. Er hatte die ersten genmanipulierten Babys geschaffen - ein absoluter Tabu-Bruch.

Ein Jahr später ist vollkommen unklar, wie es den Mädchen geht. He hatte ihr Erbgut mit Hilfe der Genschere Crispr/Cas9 so manipuliert, dass sie vor einer Ansteckung mit HIV geschützt sind. Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete seit Jänner nicht mehr über den Fall. Damals hieß es lediglich, den Behörden sei die Identität der Kinder bekannt und sie blieben unter medizinischer Beobachtung. Gleiches galt für eine Frau, die mit einem dritten von He Jiankui veränderten Embryo schwanger war. Ob das Kind zur Welt kam, wurde nie mitgeteilt.

Forscher seitdem verschwunden

Und was macht He Jiankui? Der Biophysiker ist aus der Öffentlichkeit verschwunden. Ein abschließender Bericht zu dem Fall steht noch immer aus. In einem vorläufigen Untersuchungsbericht der Regierung hieß es im Jänner, He werde "entsprechend der Gesetze und Regularien bestraft". Was das bedeutet, blieb offen - von einer Festnahme zumindest war nicht die Rede.

Die Universität in der südchinesischen Stadt Shenzhen, an der der Biophysiker forschte, hatte He kurz nach seiner Bekanntgabe gefeuert. Der dpa teilte die Universität nun mit, nichts über seinen Aufenthaltsort zu wissen. "Er ist nicht mehr hier", sagte ein Sprecher. Eine Gen-Firma in Shenzhen, die He im vergangenen Jahr noch als ihren Bevollmächtigten führte, änderte nach dem Wirbel um den Wissenschafter ihren Namen. Auch dort sagte ein Mitarbeiter, ihm sei der Aufenthaltsort von He nicht bekannt: "Wissen sie vielleicht etwas, mich würde es auch sehr interessieren?"

Forderung nach Verzicht auf genetische Manipulation

So mysteriös der Fall bleibt - die Forschung in dem Bereich geht weiter. In Labors rund um die Welt wird an einer Verbesserung der Technologie gearbeitet, auch mit dem Ziel, ihre Anwendung beim Menschen möglich zu machen.

Trotz der Forderung zahlreicher Forscher und Experten nach einem Moratorium, einem freiwilligen Verzicht auf derartige Manipulationen, ist es gerade mal einen Monat her, dass der russische Wissenschafter Denis Rebrikow ankündigte, per vorgeburtlicher genetischer Manipulation erblich bedingte Taubheit heilen zu wollen. Im Juni hatte der Forscher von der Russischen Nationalen Forschungsmedizinischen Universität Pirogow zunächst verkündet, ähnlich wie He Babys so manipulieren zu wollen, dass sie vor einer Ansteckung mit HIV geschützt sind.

Internationale Richtlinien

Ethische Aspekte zu diskutieren und international verbindliche Richtlinien zu etablieren, scheint also dringend geboten. Dafür brauche es eine breit angelegte nationale und internationale Auseinandersetzung, sagte Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. "Das Thema muss aus der Fachdebatte in die gesellschaftliche Debatte. Das hat eine menschheitsgeschichtliche Dimension." Der Sachverständigenrat hatte im Mai eine Stellungnahme zu Keimbahneingriffen veröffentlicht - Eingriffen in das Erbgut von Nachkommen, die ihrerseits an die Nachkommen weitergegeben werden. Darin heißt es, solche Verfahren seien derzeit aufgrund der Risiken unzulässig, ethisch aber nicht grundsätzlich auszuschließen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat einen Expertenrat bestimmt, der Richtlinien für den Einsatz solcher Techniken erarbeiten und überwachen sowie den gesellschaftlichen Diskurs anregen soll. Außerdem baut die Behörde für mehr Transparenz ein Register für entsprechende klinische Studien auf. In vielen Ländern, so auch in Österreich, sind Eingriffe in die Keimbahn bisher verboten. Dabrock hält eine internationale Konferenz auf UN-Ebene ähnlich den UN-Klimakonferenzen für eine denkbare Strategie, um einen breiten Diskurs anzuregen.

Dass die bisherigen Debatten um die Legitimität solcher Versuche wohl nicht vergebens waren, zeigt sich nach Ansicht von Dabrock an der Reaktion auf die Ankündigungen des russischen Forschers. "Der hat mal einen Stein ins Wasser geworfen und geschaut, was passiert." Die russischen Aufsichtsbehörden hätten mit für viele Beobachter "erstaunlicher Klarheit" gesagt, dass sie die Versuche vorerst nicht erlauben wollen. "Wer weiß, ob das so gekommen wäre, wenn die Debatte nicht schon so Fahrt aufgenommen hätte." Experten in Russland hatten mehrfach davor gewarnt, dass Vorstöße wie der von Rebrikow der Autorität des Landes in der Welt der Wissenschaft schaden könnten.

Russe setzt Forschung fort

Anders als He will Rebrikow auf eine Erlaubnis des Gesundheitsministeriums warten, bevor er genmanipulierte Eizellen in eine Gebärmutter einsetzt, wie er dem Fachmagazin "Nature" sagte. Und er wolle erst sicher sein, dass das Verfahren ungefährlich ist. Rebrikow behauptet, ein Verfahren gefunden zu haben, dass sicherer ist als die Genschere Crispr/Cas9 - eines mit geringerer Gefahr, auch außerhalb des Ziels liegende Bereiche im Erbgut zu beeinflussen.

Das Risiko solcher Off-Target-Effekte gehört zu den wesentlichsten Hemmnissen für eine Anwendung in der Medizin. "Man wird die Genschere in Zukunft sicher noch präziser machen können, aber ein Restrisiko wird es immer geben", sagt Ralf Kühn vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin.

Einen womöglich entscheidenden Fortschritt meldeten kürzlich US-Wissenschafter. Sie stellten in "Nature" ein Prime Editing genanntes Verfahren vor, dass effizienter und sicherer sein soll als die herkömmliche Crispr-Methode. "Das ist eine technisch sehr elegante Verbesserung, die zumindest das Potenzial hat, das Feld weiterzubringen", sagt Kühn. Allerdings seien noch viele Fragen offen.

Service: Youtube-Video von He Jiankui mit der Nachricht über die Geburt der Mädchen Lulu und Nana: https://www.youtube.com/watch?v=th0vnOmFltc

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