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Lungenkarzinom-Screening könnte Sterblichkeit stark senken

11.10.2019

Eine US-Studie aus 2011 und eine neue niederländisch-belgische Untersuchung (NELSON) haben gezeigt, dass regelmäßige CT-Untersuchungen die Lungenkrebsmortalität bei Risikopersonen um 20 bzw. etwa 30 Prozent reduzieren können. Die EU propagiert Screeningprogramme. Die Etablierung sei aber diffizil, hieß es beim Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖPG) in Wien.

"Zwischen 1990 und 2017 ist die Zahl der Lungenkrebstoten weltweit um 29 Prozent angestiegen", betonte der Wiener Lungenspezialist Otto Burghuber. 2017 starben an der heimtückischen und zumeist durch das Rauchen verursachten Erkrankung rund 1,9 Millionen Menschen.

"Lungenkrebs ist in Europa die häufigste Krebs-Todesursache und verursacht etwa 20 Prozent der tödlichen Krebserkrankungen. Bei rund 260.000 Lungenkrebs-Todesfällen pro Jahr stirbt in Europa alle zwei Sekunden ein Mensch an der Erkrankung", betonte Burghuber. Bei den vermeidbaren tödlichen Erkrankungen liegt das Lungenkarzinom an zweiter Stelle (17 Prozent) nach allen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammen (18 Prozent).

Hauptprobleme: Rauchen und späte Diagnose

Neben dem Rauchen als verursachender Faktor liegt das Hauptproblem in den späten Diagnosen: Laut der Austrian Lung Cancer Study Group (ALCG) werden nur 16 Prozent der Erkrankungen im Stadium I entdeckt, acht Prozent im Stadium II. Bei 48 Prozent der Patienten kommt es zur Diagnose erst im fortgeschrittensten Stadium IV, bei 28 Prozent im Stadium III.

Diese Anteile könnte ein Screening-Programm wahrscheinlich in Richtung mehr Früherkennung noch heilbarer Karzinome verschieben. Das Mittel dazu sind regelmäßige Niedrig-Dosis-Thorax-Untersuchungen per Computertomografie.

Die erste positiv verlaufene und 2011 publizierte Studie in den USA mit 53.000 Probanden war so abgelaufen: Die zu den Tests Eingeladenen waren 55 bis 74 Jahre alt, schwere Raucher (30 Jahre täglich eine Packung Zigaretten) oder seit weniger als 15 Jahren Ex-Raucher (mit 30 "Pack years"). Sie wurden zumindest drei Mal im Abstand von einem Jahr per Low-Dose-Computertomografie oder herkömmlichem Lungenröntgen untersucht.

Sterblichkeit durch frühere Entdeckung senken

Bei der Auswertung zeigte sich, dass die Lungenkarzinom-Sterblichkeit in der Low-Dose-CT-Probandengruppe durch frühere Entdeckung eines Tumors um 20 Prozent gesenkt werden konnte. Die Gesamtmortalität aus jeglicher Todesursache sank um 6,7 Prozent.

"Von 1.000 Personen ohne Screening starben 136 an einem Lungenkarzinom, 94 in der Gruppe mit Screening", fasste Burghuber die Ergebnisse zusammen. Allerdings gebe es eine mitunter hohe Zahl an falsch positiven Ergebnissen, bei denen weitere Untersuchungen durchgeführt werden müssen, ohne zu einer Krebsdiagnose zu führen (bei 117 pro 1.000 Personen). Das mache die Etablierung von Lungenkrebs-Screeningprogrammen auch diffizil.

Eine Bestätigung für das Konzept ergibt sich aber mittlerweile auch aus der zweiten derartigen Studie aus den Niederlanden und Belgien (NELSON). Aufgenommen wurden 15.792 Personen (84 Prozent Männer). Das Alter der Probanden lag zwischen 50 und 74 Jahren (entweder mehr als zehn Zigaretten täglich über 30 Jahre hinweg oder mehr als 15 Zigaretten täglich für 25 Jahre - ein eventueller Rauch-Stopp sollte innerhalb der vorangegangenen zehn Jahre erfolgt sein). Die CT-Untersuchungen versus kein Screening erfolgten regelmäßig nach einem Jahr, zwei Jahren und nach zweieinhalb Jahren.

Durch das CT-Screening kam zu einer Reduktion der Lungenkrebs-Sterblichkeit bei den Männern binnen zehn Jahren um 26 Prozent, bei den Frauen aber sogar um 39 bis 61 Prozent. Für Frauen und Männer wurde die Risikoreduktion (bei Annahme gleicher Geschlechterverteilung) auf minus 33 bis 44 Prozent berechnet.

Auswahl der Untersuchten entscheidend

Entscheidend für die Etablierung von Massen-Screeningprogrammen bei Gesunden ist die genaue Definition der Zielgruppe. Nur das erlaubt eine hohe Trefferquote, vermeidet unnötige (weitere) Untersuchungen und führt zu Kosteneffizienz.

In der belgisch-niederländischen Studie wurde das offenbar geschafft: Über vier Untersuchungen hinweg gab nur bei 9,2 Prozent der Teilnehmer primär unklare CT-Befunde, die weitere Untersuchungen nach sich zogen. 2,1 Prozent zeigten positive Befunde, bei 0,9 Prozent kam es zur Entdeckung eines Lungenkarzinoms.

Fortschritt Früherkennung

Der große Fortschritt, wie der Wiener Spezialist Otto Burghuber erklärte: "Fast alle neu gefundenen Lungenkarzinome sind in frühen Stadien erkannt worden." 60 Prozent der entdeckten Lungenkrebserkrankungen entfielen auf das durch Operation heilbare Stadium I, etwa weitere 20 Prozent auf das Stadium II. Für die Kosteneffektivität entscheidend ist auch das Alter der Untersuchten: Statistisch am günstigsten liegt das Verhältnis zwischen Aufwand und einem gewonnenen Lebensjahr in der Altersgruppe zwischen 65 und 70 Jahren.

Die Etablierung eines solchen Programms wäre auch in Österreich eine sehr komplexe Angelegenheit: Die Zuweisung sollte über eine genormte Erhebung der am besten geeigneten Personen (höchstes Risiko) durch Ärzte erfolgen. Die CT-Untersuchungen müssen qualitätskontrolliert sein, die Auswertung der Befunde sollte ebenfalls auf höchstem Niveau erfolgen.

Burghuber hat auf der Basis der ersten Ergebnisse der österreichischen Langzeitstudie zu Lungengesundheit (LEAD) und der Raucherdaten (2,4 Millionen Personen in Österreich) der Statistik Austria den Untersuchungsbedarf für ein Lungenkrebs-Screening in Österreich und Wien kalkuliert: "In Österreich ginge es um eine Hochrisikopopulation von 348.372 Personen." In Wien wären das rund 73.000 Personen. Nehme man die COPD-Patienten noch hinzu, wären es in Österreich zusätzlich 70.000 Personen mehr, in Wien plus 13.000 zu Untersuchende. In Tirol gibt es an der Universitätsklinik schon ein Pilotprojekt.

Regelmäßige Untersuchungen

Um die positiven Effekte zu erhöhen, sollten aber die regelmäßigen Niedrig-Dosis-CT-Tests auf Lungenkrebs im Rahmen des Screenings wahrscheinlich gleich mehrfach genutzt werden. Laut dem Wiener Radiologen Gerhard Mostbeck ließen sich aus den Untersuchungen auch die mögliche Verkalkung der Herzkranzgefäße der Untersuchten oder eine eventuell vorliegende Osteoporose oder eine COPD erkennen. Das müsste durch diese Frühdiagnosen zusätzlich positive Effekte durch schnell erfolgende Therapie bringen.

Bis zum Jahr 2030 wird in Österreich bei Frauen und Männern ein Plus der Lungenkrebserkrankungen von 91 Prozent gegenüber dem Jahr 2014 prognostiziert, also nahezu eine Verdopplung. Lebten im Jahr 2014 7.200 Männer und 5.200 Frauen mit der Diagnose Lungenkrebs, so werden es der Statistik Austria zufolge im Jahr 2030 rund 11.700 Männer und 11.900 Frauen sein.

Wurde im Jahr 1990 bei 2.598 Männern und 873 Frauen Lungenkrebs diagnostiziert, waren es im Jahr 2009, 2.829 Männer, welche die Diagnose Lungenkarzinom erhielten, und bereits 1.531 Frauen. Für 2020 prognostizierte die Statistik Austria 2.948 Neuerkrankungen bei Männern und 2.277 bei Frauen. Für 2030 seien bei Männern mit 2.958 nur geringfügig mehr Lungenkrebs-Neuerkrankungen als für 2020 prognostiziert, während bei Frauen mit berechneten 3.208 Neuerkrankungen erneut eine deutliche Zunahme zu erwarten ist. Dann werden sie die Männer überholt haben. Laut den Studien profitieren offenbar Frauen deutliche mehr von einem Lungenkrebs-Screening als Männer. Die Gründe dafür sind derzeit nicht klar.

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