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Pflanzliche Wirkstoffe können wichtige Schritte im Hormonstoffwechsel hemmen. Dies könnte zu einer unerwünschten Erhöhung von Östrogen in hormonabhängigen Brustkrebszellen führen. © Walter Jäger/Universität Wien
Pflanzliche Wirkstoffe können wichtige Schritte im Hormonstoffwechsel hemmen. Dies könnte zu einer unerwünschten Erhöhung von Östrogen in hormonabhängigen Brustkrebszellen führen. © Walter Jäger/Universität Wien

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Naturstoffe als Risikofaktor bei Brustkrebs?

24.02.2020

Ein Forscherteam aus Wien hat Methoden entwickelt, um aufzuschlüsseln, wie genau sich Pflanzen- und Arzneistoffe auf den körpereigenen Hormonhaushalt auswirken. Erste Analysen zeigen, dass manche Naturstoffe in hoher Dosierung das Wachstum von Brustkrebszellen fördern. Die Zahl der Krebserkrankungen steigt in Österreich seit vielen Jahren, unter anderem deshalb, weil die Menschen immer älter werden. Aber auch die Überlebenschancen im Falle von Krebs sind gestiegen, wodurch sich die Zahl der mit Krebs lebenden Personen erhöht. Bei Frauen ist Brustkrebs nach wie vor die häufigste Diagnose. 2017 waren laut Statistik Austria 5.355 Frauen von bösartigen Tumoren der Brust betroffen, das sind 28 Prozent der Neuerkrankungsfälle sowie 17 Prozent aller Krebssterbefälle. Weltweit erkrankt eine von acht Frauen im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs.

Ebenso wie bei Gebärmutter- und Eierstockkrebs wird das Wachstum dieser Tumore durch Östrogene begünstigt. Seit dieser Zusammenhang belegt ist, und viele Tumore in der Menopause und Postmenopause der Frauen entstehen, ist die Behandlung von Symptomen der Wechseljahre - wie Hitzewallungen, Schlafstörungen und Depression - mit Östrogen mit einem zu hohen Risiko verbunden. Frauen greifen daher vermehrt auf natürliche Alternativen zurück, um ihre oft über Jahre andauernden Beschwerden zu lindern. Beliebte Ersatzmittel sind pflanzliche Phytoöstrogene wie sie in Soja, Rotklee oder der Traubensilberkerze vorkommen, die als Nahrungsergänzungsmittel im Handel weit verbreitet sind. Bis heute ist jedoch noch kaum bekannt, wie sich diese Naturstoffe bei längerer Anwendung auf das Wachstum von Tumoren und auf den Hormonhaushalt der Frauen auswirken.

Forschung entwickelt spezielle Methoden

Ein Forschungsprojekt unter der Leitung des Pharmazeuten Walter Jäger von der Universität Wien untersucht nun erstmals, welchen Einfluss Phytoöstrogene und andere Natursubstanzen, die nicht selten als "Wundermittel" vermarktet werden, auf die Verstoffwechselung von Östrogenen und den Hormonhaushalt insgesamt wirken. Dazu wurde in dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt Untersuchungen an Tumorzellen aus der Brust vorgenommen, die von Patientinnen in unterschiedlichen Stadien gewonnen wurden. Mit modernsten molekularbiologischen Methoden wurden am Department für Pharmazeutische Chemie der Universität Wien die Zelllinien in Gegenwart und Abwesenheit von Phytoöstrogenen charakterisiert.

Risikoreiche Wechselwirkungen bei Isoflavonen

"Wir haben uns sowohl Resveratrol, das unter anderem in der Weintraube vorkommt und als krebshemmend gilt, als auch Sojabestandteile angesehen", berichtet Walter Jäger. Die Forscherinnen und Forscher interessierten sich im Besonderen für die Frage, ob es für erkrankte Frauen in der Menopause Hinweise dafür gibt, bestimmte Nahrungsergängzungsmittel nicht einzunehmen. Die ersten Ergebnisse geben in Bezug auf Resveratrol Entwarnung. Damit es zu Wechselwirkungen komme, müsste man laut Jäger sehr hohe Konzentrationen einnehmen. Die in Österreich erhältlichen Produkte seien in Hinblick auf ihre Dosierung kein Risiko, so der Wissenschafter, gibt aber zu bedenken, dass Produkte mit hoher Dosierung über das Internet leicht zugänglich sind. Aus anderen Studien etwa ist bekannt, dass eine Menge von 500 mg Resveratrol, über einen längeren Zeitraum eingenommen, bei gesunden Frauen in den Hormonstoffwechsel eingreift.

Im Unterschied zu Resveratrol konnte das Forscherteam eine deutliche Wechselwirkung von Soja auf körpereigene Östrogene zeigen. Die molekularbiologischen Analysen ergaben bei den Inhaltsstoffen Genistein und Daidzein, sogenannten Isoflavonen, einen deutlichen Einfluss auf den Metabolismus dieser Hormone in Brustkrebszellen, das heißt, deren Abbau wurde gehemmt. Bei hormonabhängigem Brustkrebs rät Walter Jäger daher von isoflavonhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln ab. "Selbst dann, wenn eine Frau, die Brustkrebs hat und zweimal täglich Tofu isst, könnte es sein, dass das Wachstum der Tumorzellen angeregt wird", erklärt der Pharmazeut. Im Rahmen des noch bis Frühjahr 2020 laufenden Projektes, das in Zusammenarbeit mit der Universität Ljubljana in Slowenien erfolgt, testen die Forscherteams als nächstes die Wirkstoffe der Traubensilberkerze, die bei Wechselbeschwerden in Form von Tabletten oder Kapseln beliebt ist.

Hormonanalysen erhöhen Therapiechancen

Mit den in Wien entwickelten Analysemethoden lassen sich übrigens auch Arzneimittel und ihre Wirkungen auf den Hormonhaushalt testen. Das Team um Jäger hat etwa Tumorzellen aus dem Eierstock, eine Krebsart, die oft spät diagnostiziert wird und aggressiv verläuft, auf häufig eingesetzte Medikamente (Zytostatika) untersucht. Oft entwickeln die Tumore Resistenzen gegen diese Standardmedikamente. "Wir haben erstmals gesehen, dass resistente Tumorzellen schlagartig schlechter metabolisieren, das heißt, man sieht, welche resistent sind und welche nicht", erläutert der Wissenschafter. Solche Methoden zur Hormonanalyse seien in den Kliniken jedoch noch nicht ausgereift, bedauert der Experte. Denn die Tests sind aufwändig und damit kostenintensiv, aber eben auch effektiv.

Neben der Frage, wie Wirkstoffe aus Pflanzen in den Hormonhaushalt eingreifen, geht es den Forscherinnen und Forschern auch darum, mehr Einblick in andere Stoffwechselprozesse zu geben. Das bedeutet etwa zu fragen, wie sich die Konzentrationen verschiedenster körpereigener Produkte in einem Gewebe oder in Körperflüssigkeiten wie Urin oder Blut verändern, wenn Naturstoffe oder Arzneimittel eingenommen werden. Diese Angaben fehlen noch bei Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln, die derzeit auf dem Markt sind. "Wir hätten gerne, dass man endogenen Stoffwechsel viel genauer anschaut. Dazu braucht es gut entwickelte Analysemethoden", sagt Jäger. Dieses Wissen könnte helfen nicht nur unerwünschte Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen, sondern auch neue Arzneistoffe zu finden, die gezielt auf spezifische Stoffwechselwege einwirken.

Zur Person
Walter Jäger lehrt und forscht am Department für Pharmazeutische Chemie der Universität Wien. Er interessiert sich für den körpereigenen Abbau von Natur- und Arzneistoffen insbesondere für dessen Einfluss auf Wirksamkeit und Dosierung.

Publikationen
Poschner, S., Wackerlig, J., Castillo-Tong, D. C., et al.: Metabolism of estrogens: Turnover differs between platinum-sensitive and-resistant high-grade serous ovarian cancer cells, in: Cancers 2020

Poschner, S., Maier-Salamon, A., Zehl, M., et al.: Resveratrol Inhibits Key Steps of Steroid Metabolism in a Human Estrogen-Receptor Positive Breast Cancer Model: Impact on Cellular Proliferation, in: Frontiers in Pharmacology 2018

Poschner, S., Maier-Salamon, A., Zehl, M., Wackerlig, J., Dobusch, D., Pachmann, B., Sterlini, K. L., Jaeger, W.: The Impacts of Genistein and Daidzein on Estrogen Conjugations in Human Breast Cancer Cells: A Targeted Metabolomics Approach in: Frontiers in Pharmacology 2017

Quelle: FWF-Newsletter vom 24.02.2020

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