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Patientensicherheit - Unfälle oft wegen Kommunikationsmängel

13.10.2017

Mit dem Gesundheitswesen kommen weltweit jährlich Milliarden Menschen in Kontakt. Auch in den entwickelten Ländern geht da manchmal etwas schief. Ursache für Unglücksfälle - und somit für deren Vermeidung behebbare Defizite - sind häufig Kommunikationsmängel. Dies stellten vor kurzem Vertreter der deutschen, österreichischen und Schweizer Organisationen für Patientensicherheit fest.

Jährlich ereignen sich laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund 43 Millionen Schadensfälle im Gesundheitswesen - statistisch gesehen sind davon 28,6 Millionen auf menschliche Fehler zurückzuführen und wären somit vermeidbar. Davon werden wiederum sieben bis 23 Millionen durch schlechte Kommunikation verursacht", hieß es Mitte September anlässlich des Internationalen Tages der Patientensicherheit. Insgesamt entstünden jährlich weltweit vermeidbare Kosten von 121 Milliarden Euro. Ein solcher Schaden geschieht statistisch alle fünf Sekunden.

"Insbesondere die Hürden, sich bei Sicherheitsbedenken zu äußern, sind für Patienten, aber auch für Fachpersonen groß", betonten in Berlin Hedwig Francois-Kettner, Vorsitzende des deutschen Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Brigitte Ettl, Präsidentin der Plattform Patientensicherheit Österreich, und Dieter Conen, Präsident der Schweizer Stiftung für Patientensicherheit: "Oft haben behandelnde Ärzte nur ein paar Minuten Zeit, um mit ihren Patienten über wichtige Behandlungsschritte oder andere relevante Themen zu reden. Zudem bleibt Patienten häufig nur ein kleines Zeitfenster, um ihre Fragen und Probleme zu äußern." Zeitmangel erschwert so die Kommunikation.

Enorme Kosten durch vermeidbare Fehler

"Reden ist Silber, Schweigen ist Gold", lautet ein altes Sprichwort. In Sachen Sicherheit im Gesundheitssystem - beim niedergelassenen Arzt genauso wie im Spital - ist genau das Gegenteil der Fall. Hinzu kommt die enorme Inanspruchnahme von Gesundheitseinrichtungen, was Fehler allein schon statistisch niemals gänzlich vermeidbar macht. Jedes Jahr finden in Deutschland zum Beispiel mehr als 19 Millionen Krankenhausbehandlungen statt, im ambulanten Bereich werden 553 Millionen Behandlungsfälle versorgt. Viele (25 bis 80 Prozent) der unerwünschten Ereignisse seien auf Defizite in der Kommunikation zurückzuführen. Die nackten Kosten betrachtend, belaufen sich die zusätzlichen Kosten durch vermeidbare Fehler nach einem aktuellen OECD-Report 2017 auf beachtliche mindestens 15 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben.

Ruth Recker, Anästhesistin an der Universitätsklinik Essen und stellvertretende Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, betonte, dass eine "Speak-Up-Kultur" bei Patienten und allen Beschäftigten im Gesundheitswesen eine der wichtigsten Gegenstrategien sei. Dazu gehört die (Zivil-)Courage jedes Einzelnen. Sie nannte mehrere typische Beispiele: In einer Notfallaufnahme werden die Patienten-Klebeetiketten mit den Patientendaten vertauscht, alle Befunde etc. damit falsch zugeordnet. Einem Arzt fallen unterschiedliche Etiketten auf, meint aber, das werde schon seine Richtigkeit haben. Dieses "Meinen" ist falsch. Richtig wäre "Stopp - (möglicherweise; Anm.) falsche Aufkleber im Umlauf!".

Öfter rückfragen und wiederholen

Namensverwechslungen: Patienten mit gleichem Vornamen werden auf einer Krankenhausstation betreut. Bei der "'Abendrunde" werden die oralen Medikamente vertauscht. Eine direkte Rückfrage an die Patienten hat gefehlt: "Sagen sie mir noch einmal Ihren vollständigen Namen und Ihr Geburtsdatum." Das dritte Beispiel: Ein Mehrfach-Kranker entwickelt in der Nacht immer stärkere Schmerzen. Telefonisch gibt der Diensthabende den Auftrag, die Laufgeschwindigkeit der Spritzenpumpe für das Analgetikum zu erhöhen. Der Arzt war aber von einem anderen eingesetzten Gerätetyp ausgegangen. "Stopp - bestehende Anordnung laut aussprechen und neue Anordnungen wiederholen", hieße die klare Forderung, sagte Ruth Hecker. Telefonische Anordnungen sollten immer auch von der Empfängerseite wiederholt werden.

Annegret Hannawa, von der Fakultät für Kommunikationswissenschaften der Universität Lugano (Schweiz), warnte: "Setzen Sie niemals voraus, dass Kommunikation stattgefunden hat! Setzen Sie niemals voraus, dass Kommunikation - selbst wenn sie stattgefunden hat - zu einem gemeinsamen Verständnis führt!"

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