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Patienten pendeln überraschend zwischen Hausärzten © APA (Schneider)
Patienten pendeln überraschend zwischen Hausärzten © APA (Schneider)

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Stresstest zeigt: Nicht nur Ärztedichte hält Gesundheitssystem fit

11.11.2019

Ob im Schnitt mehr oder weniger Patienten auf einen niedergelassenen Arzt mit Kassenvertrag kommen, entscheidet nicht alleine darüber, wie widerstandsfähig das Gesundheitssystem in Österreichs Regionen ist. Das ist das Ergebnis eines von Wiener Komplexitätsforschern durchgeführten "Stresstests" im Fachblatt "PNAS". Wichtig ist vor allem, wie gut Patienten ausweichen können, wenn Ärzte ausfallen.

Für ihre Untersuchung entwickelten die Wissenschafter vom Wiener Complexity Science Hub (CSH) und der Medizinischen Universität Wien um Peter Klimek und Stefan Thurner ein Computermodell, das die medizinische Grundversorgung in Österreich - sprich das Netzwerk an Allgemeinmedizinern, ohne Fachärzte - auf Basis von Daten der Jahre 2006 und 2007 eins zu eins abbildet. Patienten- und Ärztedaten waren anonymisiert, aktuellere Informationen standen nicht zur Verfügung, sagte Klimek im Gespräch mit der APA.

In der Regel wird als Indikator für die Qualität und Stabilität von Gesundheitssystemen die Anzahl der Ärzte im Verhältnis zur ansässigen Bevölkerung herangezogen. Ganz so einfach ist die Sache jedoch nicht, denn dieser Ansatz gehe etwa davon aus, dass alle Mediziner für Patienten gleich gut erreichbar sind und jeder Arzt im Grunde auch die gleiche Bedeutung im System hat, wenn er etwa in Pension geht. Dem ist aber bei weitem nicht so: "Uns hat schon überrascht, dass so viele Patienten nicht nur zu einem Hausarzt gehen", so Klimek.

Mehrere Primärversorger genutzt

Typischerweise würde man erwarten, dass Herr und Frau Österreicher recht verlässlich ihren jeweiligen Hausarzt ansteuern. Die Daten spiegeln diese Annahme aber nicht unbedingt wider. "Die Patienten bilden von vornherein schon Versorgungsnetzwerke, indem sie von Haus aus zu mehreren Primärversorgern gehen", sagte der Komplexitätsforscher. Man könne hier von "Patienten-Sharing" sprechen, das aber nicht nur - wie etwa bei fixen Urlaubvertretungen zu erwarten - in Richtung eines bestimmten Kollegen geht. Es zeigte sich aber auch, dass diese dicht verwobenen Netzwerke zwar stark regional organisiert sind, aber von Bezirk zu Bezirk sehr unterschiedlich aussehen können.

In der mit den Daten der 121 politischen Bezirke Österreichs gefütterten, interaktiven Computersimulation von CSH-Forscher Johannes Sorger begann das Team dann mit seinem "Stresstest", indem sie einen Arzt nach dem anderen aus dem komplexen Netzwerk nahmen. Aufgrund der ursprünglichen Verbindungen konnten sie dann abschätzen, wohin die Patienten wandern würden. Am Rand des systemischen Kollapses entlanggetaumelt seien die Regionen im österreichweiten Schnitt, sobald rund 30 Prozent der Ärzte verschwunden waren, heißt es in der Arbeit. In manchen Regionen liegen diese Werte aber auch deutlich niedriger oder höher.

Anhand der reinen Tatsache, dass es sich etwa um eine Stadt mit hoher Bevölkerungsdichte oder eine ländliche Region handelt, lassen sich die Unterschiede aber nicht erklären. So präsentierten sich etwa Innsbruck und Salzburg weniger resilient als ihre Umgebungsbezirke, im Fall von Graz und Umgebung war es hingegen genau umgekehrt.

Gut vernetzte Ärzte entscheidend

Als entscheidend für die Widerstandsfähigkeit erwies sich nämlich, wie viele Ärzte es jeweils gab, "die gut darin sind, neue Patienten oder solche von anderen Medizinern aufzufangen", also gut vernetzt sind, erklärte Klimek. Das größte Risiko für das regionale System ging von Medizinern aus, "die eine nicht vernachlässigbare Zahl an Patientenverschiebungen verursachen, wenn sie ausfallen". Die Ergebnisse zeigen auch, dass über 80 Prozent der Patienten für ihre Versorgung Ärzte auswählten, mit denen sie schon früher Kontakt hatten.

"Mit unserem Modell haben wir vor allem gezeigt, dass es zwischen den Regionen in Österreich große Unterschiede geben kann", so Klimek. Es könne sich also die Zahl von Ärzten, die in Pension gehen können, bevor größere Versorgungsengpässe entstehen, mitunter in nebeneinanderliegenden Bezirken stark unterscheiden. Demzufolge könne man mit Stand anno 2007 nicht sagen, dass ein Bundesland insgesamt kollapsgefährdeter war als ein anderes.

Was man aber sehr genau zeigen könne, ist, wo etwa das Streichen oder Nicht-Nachbesetzen einer Kassenstelle große Probleme bereiten wird. Das sei für die gesundheitspolitische Personalplanung wichtig, da es zeigt, wo man besonders darauf achten sollte, Stellen adäquat nachzubesetzen. Die nun entwickelte Methode ließe sich laut Klimek auch auf andere Länder wie Italien, Kanada, Australien oder die USA oder den Ausbruch von Epidemien oder Folgen von Naturkatastrophen anwenden. In Österreich arbeiten die Forscher etwa an einer Ausweitung auf den Krankenhausbereich oder Spezialisten wie Kinderärzte.

Service: www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1904826116

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