Natur & Technik

Wolfgang Holnthoner © Martin Marschall
Wolfgang Holnthoner © Martin Marschall

#CoronaAlltag: "Von Viren, Tests und Politik"

09.04.2020

Wolfgang Holnthoner, Ludwig Boltzmann Institut für Experimentelle und Klinische Traumatologie

Ich bin kein Virologe. Auch wenn mir in diesen Zeiten wieder bewusst wurde, dass es bei meiner Diplomarbeit vor vielen Jahren um Proteine eines Virus ging, das Tumore in Mäusen auslöst. Und eigentlich liegt mein eigenes Forschungsgebiet ganz woanders, nämlich bei Blut- und Lymphgefäßen. Aber in Zeiten wie diesen ist es nicht weiter verwunderlich, wenn man als Naturwissenschaftler altes und teilweise verstaubtes Wissen hervorgräbt und diesem neuen Partikel, das den Namen SARS-Cov-2 bekommen hat, eine fesselnde Faszination schenkt.

In gewisser Weise sind Politiker gerade nicht beneidenswert. Entweder sie (müssen) regieren und insofern Entscheidungen treffen, die zumeist nicht populär sind, oder sie befinden sich in Opposition und versuchen einen Spagat zu finden zwischen ihrer diesbezüglichen Rolle als Kritiker der Entscheidungen der Regierung oder sie machen den sogenannten Schulterschluss.

Eines der größten Probleme seit dem Auftreten von Corona ist das Unwissen über dieses neue Virus, was selbst die besten Virologen, Ärzte und Epidemiologen jeden Tag neu dazu lernen lässt. Und politische Entscheidungsträger müssen sich auf wissenschaftlich solide Daten und Fakten stützen, um vernünftig die Weichen für ihr Land zu stellen.

Als Forscher, dessen Gebiet weder die Virologie im Allgemeinen, noch das Corona-Virus im speziellen ist, versucht man sich in diesen Quarantäne-Zeiten auf das Schreiben und Entwerfen von Reports, Forschungsanträgen, und der Vorbereitung von künftigen Publikationen zu kümmern. Viele von uns arbeiten im "home office", was für die meisten von uns mehr oder weniger herausfordernd ist, und - entgegen vieler Erwartungen - oft nicht zur Produktivität bzw. Kreativität der Forschenden beiträgt.

Dank des Einsatzes unseres Direktors Johannes Grillari und einer Reihe von freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es gelungen, Sars-Cov-2-PCR-Tests für Patientinnen und Patienten und Ärztinnen und Ärzte des Traumazentrums Wien Lorenz Böhler zu etablieren. Die Tests werden am Ludwig Boltzmann Institut für Experimentelle und Klinische Traumatologie mit Unterstützung der Partner von der BOKU, der FH Technikum Wien und der AUVA durchgeführt. Aus meiner Sicht ein wichtiger Schritt.

Wie können wir uns die Zukunft im Bereich der medizinischen Lösungen auf die Corona-Fragen vorstellen? Ich denke, als erstes und wichtiges Mittel werden verlässliche und genaue Tests zur Verfügung stehen, die die Immunität von bereits Infizierten nachweisen können. Der Erfolg von neuen, bzw. bereits in anderen Bereichen eingesetzten Medikamenten, um die Corona-Infektion zu bekämpfen wird wohl etwas länger dauern. Ebenso wie die Entwicklung eines Impfstoffes, der eine Infektion verhindern soll.

Was mir in diesen Tagen der Krise durch den Kopf geht? Die Rasanz, mit der wir es schaffen, dieses Virus zu erforschen. Die unermüdliche Arbeit so vieler, ohne deren Hilfe die Krise medizinisch nicht zu bewältigen wäre. Die vielen Alternativen in unserer aller Leben, die uns auf so drastische Weise als Menschen aufgezeigt werden. Die Ruhe, die mein Heimatbezirk auf einmal ausstrahlt. So viele Radfahrende, und so wenige Autos auf den Straßen, und die Natur kann endlich einmal durchschnaufen.

Aber leider auch, wie viele Menschen es noch immer gibt, die "Weltverschwörungstheorien" anhängen, oder sich aufgrund der Darstellung mancher Journalisten, die die komplexen biomedizinischen Zusammenhänge (oft gut gemeint) sehr vereinfacht darstellen, und dadurch oft Halbwahrheiten (noch weit entfernt von "fake news") verbreiten, und den Menschen ein falsches Signal geben. Und ja, die Auswirkungen der verschiedensten Maßnahmen, die in fast allen Ländern dieser Erde getroffen werden, sind verheerend für die Wirtschaft. Erste seriöse Untersuchungen, die in der Fachzeitschrift "Science" veröffentlicht wurden, lassen jedenfalls erahnen, was passiert wäre, wenn wir nicht "gehandelt" hätten. Ich bin froh, in diesem Land zu leben!

Zur Person: Priv.-Doz. Mag. Dr. Wolfgang Holnthoner ist Molekularbiologe und Leiter der Forschungsgruppe für Gefäßbiologe am Ludwig Boltzmann Institut für Experimentelle und Klinische Traumatologie.

Service: Dieser Gastkommentar ist Teil der Rubrik "Corona - Geschichten aus dem Krisen-Alltag" auf APA-Science: http://science.apa.at/CoronaAlltag. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim Autor/der Autorin.

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