Natur & Technik

Nina Mirnig © belle&sass/ÖAW
Nina Mirnig © belle&sass/ÖAW

#CoronaAlltag: Home Office statt Himalaya

13.05.2020

Nina Mirnig, Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)

Als die Corona-Krise im März weltweit unfassbar schnell eskalierte, war ich auf Feldforschung in Nepal, um Sanskrit-Steininschriften aus dem 3. bis 8. Jahrhundert zu dokumentieren. Diese Inschriften sind die frühesten schriftlichen Zeugnisse in der Region und der Schlüssel zur Erforschung der ersten kulturellen Blütezeit im Kathmandutal. Dies sollte eine der wichtigsten Forschungsreisen meines derzeitigen Projekts werden, denn noch nie waren diese Inschriften zuvor systematisch dokumentiert worden und nun hatte ich endlich alle notwendigen Genehmigungen, um solch eine weitreichende Erfassung durchzuführen.

Aber es waren nicht nur die neuen Forschungsdaten, auf die ich mich schon freute. Nach langen Vorbereitungen mit meinen nepalesischen und britischen Kooperationspartnern hatten wir einen Fahrplan zur Bewahrung dieses - auch durch das große Erdbeben 2015 gefährdeten - Weltkulturerbes erarbeitet, der gemeinsam mit den zuständigen Behörden weiterentwickelt und umgesetzt werden sollte. Noch am 14. März wurde mit einem interdisziplinären Workshop in Kathmandu formal der Grundstein für diese Zusammenarbeit gelegt.

Die Hoffnung auf Fortsetzung

Die Enttäuschung war daher groß, als durch die Aufforderungen zu einer raschen Rückkehr nach Österreich und den bevorstehenden Lockdown in Nepal klar wurde, dass wir uns in einer globalen Krise befinden und unsere Arbeiten unterbrechen und später fortsetzen müssen. Ich betone fortsetzen, denn es ist diese Hoffnung, dass alle gesund bleiben und es wieder möglich sein wird, sicher zu reisen und gemeinsam zu arbeiten, die mir hilft, mich auf meine Forschung im Home Office zu fokussieren.

Gemeinsam mit meinen Kolleg/innen arbeiten wir schon an konkreten Plänen. Die Unsicherheit, wie, ob und wann das alles stattfinden kann ist zwar manchmal überwältigend. Aber die Probleme, die es vor der Krise gab, bleiben vorhanden und so hat auch Nepal weiterhin mit den Folgen und dem Wiederaufbau nach dem Erdbeben zu kämpfen. Auch für uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist es daher umso wichtiger, dass wir unsere internationalen Projektarbeiten mit unseren Partnern aufrechterhalten und Perspektiven schaffen, wie es weitergehen kann, wenn Forschung hoffentlich nicht mehr nur in der digitalen, sondern auch wieder in der realen Welt möglich sein wird.

Verbunden in der Isolation

Bis dahin habe ich das Glück, dass ich einiges Material schon vor dem Abbruch meiner Forschungsreise gesammelt habe und die philologische und kulturgeschichtliche Analyse der Sanskrit-Texte inzwischen überall durchführen kann, solange ich die Abbilder der Inschriften und Manuskripte, einen Computer, sowie Zugang zu digitalen Bibliotheken habe. Auch die digitale Aufbereitung der Texte für eine Datenbank lässt sich im Home Office bewerkstelligen.

Obwohl man oft in diesen Tagen über Philolog/innen scherzt, dass sich in Isolation nicht viel für sie ändere, hinterlässt auch hier der fehlende Austausch, der normalerweise über das Institut an der ÖAW, Workshops und Meetings stattfindet, eine riesige Lücke. Das gemeinsame Lesen und Analysieren von Texten ist von zentraler Bedeutung, denn oft spricht eine einzelne Sanskrit-Inschrift Themen der Poesie, Philosophie, Verwaltung, Astronomie, Mythologie und Religion gleichzeitig an und sorgt damit für Diskussionsstoff.

Dank des Internets bleibt dieser Austausch ja möglich und ein kleiner Pluspunkt ist, dass die internationale Forschungsgemeinschaft in dieser Isolation noch ein Stück näher zusammenrückt und wir mehr Online-Meetings als sonst organisieren. Diese virtuellen Arbeitstreffen, die sich über Kontinente erstrecken, sind ein wichtiger Anker in meiner Wochenplanung und halfen mir auch sehr, nach der Rückreise in die Quarantäne wieder in einen Arbeitsalltag zu finden. Es ist auch jedes Mal einfach schön, wenn ich meine Kolleg/innen höre und weiß, dass sie gesund sind. Ich hoffe, das bleibt weiterhin so.

Zur Person: Nina Mirnig ist Indologin und promovierte an der Oxford University. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Mehrere Forschungsreisen führten Mirnig nach Nepal, wo sie zu kulturhistorisch einzigartigen Inschriften arbeitet.

Service: Dieser Gastkommentar ist Teil der Rubrik "Corona - Geschichten aus dem Krisen-Alltag" auf APA-Science: http://science.apa.at/CoronaAlltag. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim Autor/der Autorin.

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