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Monika Mokre © Stefan Csaky/ÖAW
Monika Mokre © Stefan Csaky/ÖAW

#CoronaAlltag: In der Universitätslehre fehlen die zufälligen Momente

16.06.2020

Monika Mokre, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Ich sitze vor meinem Laptop und rede - oft mehrere Stunden lang. Was für Außenstehende als Zeichen einer therapiewürdigen psychischen Erkrankung gedeutet werden könnte, ist die Normalität des universitären Lehrbetriebs in Zeiten von Covid-19.

Universitäre Lehre bedeutet für mich in erster Linie Austausch mit Studierenden. Natürlich habe ich einiges zu den Themen zu sagen, die ich in meiner politikwissenschaftlichen Forschung bearbeite. Aber auch die Studierenden haben viel beizutragen, weil sie andere Erfahrungen und Perspektiven haben als ich. Und daher sitzen wir bei Seminaren normalerweise in einem Raum zusammen und diskutieren die Themen, die ich einleite. Ich fordere die Teilnehmer_innen auf, mich mit Fragen und Kommentaren zu unterbrechen und lasse öfter mal zu, dass uns die Diskussionen ein bisschen vom Kernthema wegtreiben.

Nähe und Distanz

Jetzt sitzen wir in getrennten Räumen, oft auch mehrere hundert Kilometer voneinander entfernt, weil viele der internationalen Studierenden nicht nach Österreich kommen können oder wollen. Aber eigentlich ist es egal, ob der Laptop im Nebenzimmer oder in Aserbaidschan steht; der Kontakt ist distanziert. Und zugleich auf seltsame und eher irritierende Art intim - wenn wir quasi im Wohnzimmer der jeweils anderen sitzen und sich auch mal ein Kleinkind oder eine Katze ins Bild schiebt.

Die Pausengespräche fallen aus und auch das etwas freiere Assoziieren ist in dieser gekünstelten Situation schwieriger. Diejenigen, denen spontane Diskussionen eher schwerfallen, haben über dieses Medium damit noch mehr Probleme. Und es fehlen auch die Übergänge von einer Situation in eine andere, mit denen wir unser Leben strukturieren. Der Arbeitsweg trennt mein Privatleben von meinem Arbeitsleben. Am Laptop zu Hause fließt alles ineinander und statt in den Pausen mit den Studierenden zu sprechen, beantworte ich schnell ein paar E-Mails oder stelle die Waschmaschine an.

Vermutlich geht es den Studierenden nicht anders. Viele von ihnen stellen ihr Video und Mikro ab, während ich rede. Wenn ich dann eine schnelle Zwischenfrage stelle und feststellen muss, dass eigentlich kaum jemand tatsächlich präsent ist, bin ich verärgert. Aber andererseits verstehe ich das schon - wenn alles ineinander fließt, gibt es die Versuchung, daneben mal kurz etwas ganz Anderes zu machen. Und anders als in der Präsenzlehre sehe ich auch nicht an der Gestik oder Mimik der Studierenden, dass sie gerade das Interesse verlieren.

Steile Lernkurven, wenig Kontingenz

Keine Frage: Universitäre Lehre ist auch ohne Kontakt im physischen Raum möglich - auch wenn dafür zu Beginn recht steile Lernkurven nötig waren: Bis März kannte ich Videokonferenzen nur von seltenen Skype-Gesprächen mit Bekannten im Ausland, jetzt kann ich einen spontanen Kurzvortrag über die jeweiligen Vor- und Nachteile von zoom, jitsi, gotomeeting, webex und Microsoft Teams halten. Dabei war die Lernkurve bei mir steiler als bei den Studierenden; man könnte hier von einer Demokratisierung der Unterrichtserfahrung sprechen, die sich aus meinem Mangel an technischen Fähigkeiten ergab: In den ersten Videoeinheiten verbrachten die Studierenden ziemlich viel Zeit damit, mir zu erklären, was ich genau tun sollte, um das umzusetzen, was ich mir gerade vorstellte. Diese Erfahrungen sind für die Positionierung von Studierenden und Lehrenden wichtig und sinnvoll - wir bringen unterschiedliche Kenntnisse mit und unterstützen einander.

Trotzdem: Wenn wir Unterricht als gemeinsames Lernen verstehen, als Austausch und Ausprobieren verschiedener Zugänge, dann kann die Präsenzlehre nicht ersetzt werden. Der Lehrstoff lässt sich auf diese Art schon durchbringen, aber es fehlen viele Formen von Kontingenz, die die Studierenden und die Lehrenden zum Weiterdenken anregen - die zufälligen Momente des Verstehens.

Zur Person: PDin Drin Monika Mokre ist Politikwissenschaftlerin und Senior Research Associate am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie unterrichtet an unterschiedlichen Universitäten, etwa an der Universität für angewandte Kunst, der Universität für Musik und Darstellende Kunst und der Webster University Vienna.

Service: Dieser Gastkommentar ist Teil der Rubrik "Corona - Geschichten aus dem Krisen-Alltag" auf APA-Science: http://science.apa.at/CoronaAlltag. Die inhaltliche Verantwortung liegt beim Autor/der Autorin.

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