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Reiseziele würden zunehmend nach "Instagram-Tauglichkeit" ausgewählt © APA (dpa)
Reiseziele würden zunehmend nach "Instagram-Tauglichkeit" ausgewählt © APA (dpa)

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Experte sieht kommende Gefahren für Alpenregionen durch "Overtourism"

13.09.2019

Der Tourismusforscher Olivier Henry-Biabaud hat vor "Overtourism", also dem Zustand, in dem Konflikte zwischen Einheimischen und Besuchern an touristischen Hot-Spots zum Vorschein kommen, als zukünftiges Problem für den Alpenraum gewarnt. Der Alpenraum sei schließlich von den Erwartungshaltungen der Reisenden und Einheimischen nach Ruhe geprägt, so der Tourismus-Experte im APA-Gespräch.

Damit es zu "Overtourism" auf den Bergspitzen des Alpenraums kommt, brauche es gar keine Touristenmassen wie etwa in Venedig oder Barcelona, betonte der Tourismus-Experte im Rahmen der "International Mountain Conference" in Innsbruck. In den Alpenregionen bestünden nämlich, was die Anzahl der Touristen insgesamt und bei bestimmten Hot-Spots betreffe, andere "Limits" und Schwellen hin zum Overtourism als in größeren oder großen Städten. "In den Städten erwarten sich sowohl Einheimische als auch Touristen eine gewisse Lebhaftigkeit", hob Henry-Biabaud hervor. In den Bergen erhoffe man sich hingegen, dass man nicht viele Leute treffe, meinte er in Bezug auf die unterschiedlichen Erwartungshaltungen.

Wenn Storytelling den Gipfel erreicht

Dem "Overtourism" in die Hände spielt seiner Ansicht nach auch der "Ego-Tourismus", wie ihn Henry-Biabaud bezeichnete. Reiseziele würden diesbezüglich zunehmend danach ausgewählt, ob sie "Instagram-tauglich" seien. "Das führt dazu, dass Regionen, auch die Alpen und die Berge, mehr konsumiert als erlebt oder gar respektiert werden", sagte der Forscher.

Darüber hinaus seien Postings auf sozialen Netzwerken zunehmend wichtig für die Reisezielfindung von Touristen: "Wenn hunderte Menschen, womöglich auch gar nicht adäquat gekleidet, auf dem Gipfel stehen, dann ist sicherlich eine Schmerzgrenze für die Einheimischen erreicht", erklärte Henry-Biabaud den Zusammenhang von Instagram-affinem "Ego-Tourismus" und "Overtourism". Wie groß die potenzielle Gefahr ist, belegte er mit Zahlen: "25 Prozent der Gäste teilen ihre Trip-Erfahrung zumindest einmal am Tag, zehn Prozent mehrmals täglich".

Das sei zwar natürlich auch "Storytelling" und damit Werbung für die Regionen, strich Henry-Biabau hervor. Der dadurch mitverursachte Overtourism könne aber auch den Alpenregionen schaden. Hier werde nämlich ein weiteres Online-Tool wirksam: Bewertungsplattformen, welche gleichermaßen von Einheimischen wie von Touristen befüllt und genutzt werden. "Da finden sich bei manchen alpinen Hotspots bereits Kommentare, dass sich Kletterer wenig respektvoll verhalten", nannte Henry-Biabaud ein Beispiel. "Overtourism, der solche Auswirkungen hat, kann somit der Reputation einer Region schaden", meinte der Tourismus-Kenner.

Touristen "erziehen und aufklären"

Damit solche Reputationsschäden ausbleiben, glaubt Henry-Biabaud, dass man Touristen auch "erziehen und aufklären" müsse. Nicht zuletzt auch über die Sicherheit auf den Bergen. "Es gab bereits Todesopfer unter den Leuten, denen das Selfie so wichtig war, dass sie Sicherheitswarnungen übersehen haben." Auch über kulturelle Gepflogenheiten vor Ort und den Umgang mit der Natur müsse man die Reisenden aufklären, am besten bereits wenn man Werbung für die Regionen in den jeweiligen Herkunftsländern der Touristen mache, so Henry-Biabaud. Auch Personenbeschränkungen für Berggipfel könne er sich zukünftig vorstellen.

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