Natur & Technik

Partnermeldung

Linda-Virus: Neues neurotropes Pestivirus in österreichischen Schweinen entdeckt

04.07.2017

Wenn neugeborene Ferkel trotz ausreichender Wärmezufuhr ungewöhnlich stark zittern, leiden sie am sogenannten "Ferkelzittern". Die Symptome der Erkrankung, bei der das Hirn und Rückenmark schwer geschädigt ist, ähneln dem Krankheitsbild der klassischen Schweinepest. Ein viraler Hintergrund der Erkrankung konnte kürzlich mit einem in Europa und den USA identifizierten atypischen porzinen Pestivirus bestätigt werden. Forschende der Vetmeduni Vienna entdeckten nun ein weiteres, bislang unbekanntes Virus in "Zitterferkeln" eines österreichischen Betriebs. Der Erreger ist mit dem australischen Bungowannah Virus und entfernt mit Virus der klassischen Schweinepest verwandt. Aufgrund der Symptome wird das Virus vorläufig "LINDA-Virus" genannt (Lateral shaking Inducing NeuroDegenerative Agent). Seine Entdeckung wurde vor kurzem im Journal "Emerging infectious diseases" veröffentlicht.

In einem österreichischen Zuchtbetrieb kam es im Jahr 2015 bei neugeborenen Schweinen zu einem Ausbruch einer besonderen Form des "Ferkelzitterns". Bei dieser Erkrankung, die zu massiven Verlusten führen kann, lösen schwere Schädigungen in Hirn und Rückenmark einen ungewöhnlich starken Tremor bei den Ferkeln aus. Als mögliche Ursache für dieses Krankheitsbild gilt ein vor kurzem in Europa und den USA gefundenes atypisches porzines Pestivirus. Dieses wurde von Forschenden der Vetmeduni Vienna mittlerweile auch in Österreich nachgewiesen.

Aufgrund der ausgeprägten Symptome bei den Ferkeln dieses Betriebs untersuchten Experten der Universitätsklinik für Schweine die Tiere auf dieses erst kürzlich beschriebene atypische Porzine Pestivirus (APPV). Trotz umfassender und spezifischer Analysen konnte weder dieser noch ein anderer bekannter Krankheitserreger als Ursache nachgewiesen werden. Da alle Symptome und Untersuchungsergebnisse jedoch auf die Beteiligung eines Pestivirus hindeuteten, wurde ein neuartiger, diagnostischer Test entwickelt, der schließlich zur Entdeckungen des neuen Pestivirus führte.

Unbekanntes Pestivirus in österreichischen Zitterferkeln gefunden

"Der von unserem Team neuentwickelte Nachweis erfasste alle bekannten Pestiviren", erklärt Benjamin Lamp vom Institut für Virologie. "Und ermöglichte so den Nachweis eines bislang unbekannten Virus." Die vollständige Analyse der Genomorganisation, also des Aufbau des Erbgutes, sowie charakteristische Proteine kennzeichneten den neuentdeckten Erreger eindeutig als ein bislang unbekanntes Pestivirus aus der übergeordneten Familie der Flaviviridae. Dieses wurde aufgrund des seitwärts gerichteten Tremors und der Läsionen im Nervengewebe von betroffenen Ferkeln "LINDA" (Lateral shaking Inducing NeuroDegenerative Agent) genannt.

"Pestiviren haben die besondere Eigenschaft, Feten von Schwein, Schaf und Rind zu infizieren, wobei auch das zentrale Nervensystem betroffen ist. Pestivirusinfektionen sind aber nur bei Klauentieren verbreitet und stellen keine Gefahr für die menschliche Gesundheit dar", so Lamp. Gleichzeitig mit der Entwicklung des Nachweisverfahrens gelang dem Team mit Hilfe klassischer Zellkulturmethoden auch die Anzucht des neuartigen Pestivirus aus Organproben. "Das ist ein wichtiger Schritt um das neuentdeckte Virus weiter erforschen zu können", so der Virologe.

Gefährliche Viren in der nahen Verwandtschaft des Linda-Virus

Bislang ist nicht bekannt, wie weit das neue Linda-Virus in der Schweinepopulation verbreitet ist. "Wir arbeiten gerade an einem neuen serologischen Test, um mehr über die Prävalenz, also die Häufigkeit an Krankheitsfällen durch das Linda-Virus, in Österreich zu erfahren", sagt Lamp. Der Test ist auch insofern wichtig, da die Verwandtschaftsanalyse zu anderen Erregern das Virus der Klassischen Schweinepest (KSP) als entfernten Verwandten aufzeigte. Überschneidungen mit der amtlichen KSP-Diagnostik sind damit nicht auszuschließen." Es ist außerdem noch unklar, wie gefährlich das neuentdeckte Linda-Virus für die Schweinehaltung ist. "Da es jedoch auch die Gebärmutter von trächtigen Säuen infiziert, könnte es zu schweren Störungen bei der Hirnrinden-Reifung von Ferkeln führen, ähnlich wie bei einer Infektion mit dem Zikavirus", so Institutsleiter Till Rümenapf. Genetisch gesehen, ist der nächste Verwandte jedoch ein "Australier".

Die Phylogenetische Untersuchungen zeigten nämlich auch das 2006 in Australien beschriebene "Bungowannah Virus" als Verwandten des Linda-Virus auf. Dieser Erreger wurde bislang ausschließlich in zwei benachbarten Schweinefarmen in Australien gefunden, führte dort aber zum Tod von über 50.000 Tieren. Dank umfangreicher Maßnahmen gelang es zwar die weitere Verbreitung des Erregers zu unterbinden. Die Betriebe erholten sich jedoch nicht vom Ausbruch des Erregers.

Der Erreger verbleibt in einmal infizierten Schweinen. Diese können das Virus somit lange weiter ausscheiden und sind hochgradig ansteckend für andere Schweine. Die Infektion mit Bungowannah Viren in der Gebärmutter führt zu Aborten und einer hohen Ferkelsterblichkeit, deren Ursache meist eine viral bedingte Herzmuskelentzündung ist. Neurologische Schäden oder "Zitterferkel" konnten jedoch nicht beobachtet werden.

Entwicklung von Bekämpfungsstrategien

Jedes Jahr werden neue Zoonoseerreger gefunden, die vom Tier auf den Menschen überspringen können. Gleichzeitig gibt es eine stetig zunehmende Zahl neuer Viren, die ausschließlich bei unseren Nutztieren auftreten. Früher bekämpfte man Krankheitsausbrüche erst, wenn die Erreger sich längst weit verbreitet hatten. "Heute versucht man, Infektionsgeschehen so früh wie möglich aufzudecken und frühzeitig Bekämpfungsstrategien zu entwickeln", so Letztautor Till Rümenapf. Mit dem dafür notwendigen Forschungsaufwand beschäftigt sich eine ExpertInnengruppe für Schweinemedizin der Vetmeduni Vienna, die durch die enge Zusammenarbeit unterschiedlicher Einrichtungen am Campus das Infektionsgeschehen in der Schweinehaltung in Österreich verringern will.

Service:

Der Artikel "Novel Pestivirus Species in Pigs, Austria, 2015" von Benjamin Lamp, Lukas Schwarz, Sandra Högler, Christiane Riedel, Leonie Sinn, Barbara Rebel-Bauder, Herbert Weissenböck, Andrea Ladinig und Till Rümenapf wurde in Emerging Infectious Diseases veröffentlicht.

https://wwwnc.cdc.gov/eid/article/23/7/17-0163_article

Über die Veterinärmedizinische Universität Wien

Die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna) ist eine der führenden veterinärmedizinischen, akademischen Bildungs- und Forschungsstätten Europas. Ihr Hauptaugenmerk gilt den Forschungsbereichen Tiergesundheit, Lebensmittelsicherheit, Tierhaltung und Tierschutz sowie den biomedizinischen Grundlagen. Die Vetmeduni Vienna beschäftigt 1.300 MitarbeiterInnen und bildet zurzeit 2.300 Studierende aus. Der Campus in Wien Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und zahlreiche Forschungseinrichtungen. Zwei Forschungsinstitute am Wiener Wilhelminenberg sowie ein Lehr- und Forschungsgut in Niederösterreich gehören ebenfalls zur Vetmeduni Vienna. www.vetmeduni.ac.at

Rückfragehinweis:
Dr.med.vet. Benjamin Lamp, PhD
Institut für Virologie
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 25077-2709
benjamin.lamp@vetmeduni.ac.at

und
Univ.Prof., Dr.med.vet. Till Rümenapf
Institut für Virologie
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 25077-2300
till.ruemenapf@vetmeduni.ac.at
Aussender:
Mag.rer.nat. Georg Mair
Wissenschaftskommunikation / Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 25077-1165
georg.mair@vetmeduni.ac.at
STICHWÖRTER
Wien  | Forschung  | Wissenschaft  | Medizin  | Veterinärmedizin  | Krankheiten  | Schweine  |
Weitere Meldungen aus Natur & Technik
APA
Partnermeldung