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Auf der Suche nach einer Langzeitstrategie © Creative Commons/Ventus55
Auf der Suche nach einer Langzeitstrategie © Creative Commons/Ventus55

APA

Nachzucht seltener Schildkröte erfolgreich - Auswilderung nicht

18.01.2018

Seit 2010 wird versucht, eine der meistbedrohten Arten der Erde, die Nördliche Batagur-Schildkröte, nachzuzüchten. Mit Erfolg: Ausgehend von sieben der Wissenschaft bekannten Exemplaren wurde der Bestand auf mehr als 500 Tiere vermehrt. Doch nun steht das Projekt vor unerwarteten Problemen, eine Auswilderung der Fluss-Schildkröten sei derzeit unsinnig, wie der Zoologe Peter Praschag zur APA sagte.

Praschag, der die Erhaltungszuchtstation "Turtle Island" in Graz leitet, berichtet im Rahmen der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Herpetologie, die am Wochenende (19.-21.1.) im Naturhistorischen Museum Wien stattfindet, über die Fortschritte und Schwierigkeiten bei dem Artenschutzprojekt. "Für uns stellt sich die Frage nach der Langzeitstrategie", sagte der Experte.

In freier Wildbahn verschwunden

Die bis zu 60 Zentimeter große Nördliche Batagur-Schildkröte lebte früher in Indien, Bangladesch und Myanmar in Flüssen und Brackwasser. Sie wurde wegen ihres Fleischs, ihrer Eier und ihres als Heilmittel verwendeten Panzers gejagt und war in freier Wildbahn praktisch verschwunden. In internationaler Zusammenarbeit wurde 2010 vom Zoo Schönbrunn und Turtle Island ein Nachzuchtprojekt in Bangladesch gestartet, parallel dazu begann ein ähnliches Projekt in Indien.

"Ausgegangen sind wir damals von nur sieben bekannten Exemplaren, die wir in Indien in Fischteichen gefunden haben", so Praschag. Gleich im ersten Jahr war der Zoo Schönbrunn erfolgreich mit der weltweit ersten Nachzucht einer Batagur-Schildkröte. Das Projekt entwickelte sich so gut, dass neben der ursprünglichen Zuchtstation im Zentrum Bangladeschs ein zweiter Standort im Süden des Landes etabliert wurde. In Summe ist der Bestand mittlerweile auf über 500 Tiere angewachsen, was angesichts ihrer Größe viel Platz und Geld für deren Haltung erfordere.

Im Hinblick auf eine künftige Auswilderung und weil man "so gut wie nichts über die Biologie und Ökologie dieser Art weiß", haben die Wissenschafter im Vorjahr zwei mit Satellitensendern ausgestattete Männchen in einem Nationalpark in Bangladesch ausgesetzt und verfolgt. Das Ergebnis war ernüchternd: "Ein Männchen verschwand nach acht Tagen, als es sich der Zivilisation genähert hatte", sagte Praschag. Das zweite Männchen wurde innerhalb von drei Wochen zwei Mal gefangen: Beim ersten Mal gab es ein Fischer freiwillig ab, beim zweiten Mal wurde es bei einer Polizeikontrolle im Auto eines Fischers entdeckt.

"Offensichtlich ist es relativ unsinnig, zurzeit die Tiere auszuwildern, weil sie so gut wie keine Überlebenschance haben, nicht einmal, wenn man sie in einem Nationalpark auslässt", so der Experte, der das Projekt in einem Dilemma sieht: "Wir haben jetzt genug Tiere und wollen diese auch aus Platzgründen auswildern, aber aufgrund dieser miserablen Voraussetzungen machen wir es nicht."

Tendenz zur Verbesserung

Deshalb setzt man nun auf Zeit. "Vor fünf Jahren konnte man in Bangladesch noch ganz offen am Fleischmarkt Schildkröten kaufen", mittlerweile sei das verboten und das Bewusstsein für Artenschutz steige. "Es ist eine Tendenz in Richtung Verbesserung zu sehen, zur Zeit ist es aber noch zu früh für eine Auswilderung", sagte Praschag.

Aus diesem Grund werden Lösungen gesucht, eine größere Zahl an Tieren unterzubringen. Dabei stellt sich allerdings ein weiteres Problem: Erst kürzlich habe man einen Tierpfleger entlassen müssen, weil er vier Tiere gestohlen hatte, berichtete Praschag. Liebhaber würden viel Geld für die Schildkröten bieten.

Auch in zoologischen Institutionen anderer Länder sollen Batagur-Schildkröten untergebracht werden. In der Grazer Erhaltungszuchtstation sei man allerdings schon an den Kapazitätsgrenzen, dort gebe es bereits rund 1.000 Schildkröten von rund 130 verschiedenen Arten. "Auch für unsere Absicherungskolonie der Batagur-Schildkröten in Europa brauchen wir mehr Platz", sagte Praschag. Bis Ende Jänner läuft für den Ausbau von "Turtle Island" eine Crowdfunding-Aktion. Geplant sei auch, die Erhaltungszuchtstation öffentlich zugänglich zu machen.

Service: www.turtle-island.at; Crowdfunding-Aktion: https://igg.me/at/turtle-island; Artenschutzprojekt: http://go.apa.at/1OfU6CUb

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