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Selbst hochkomplexe Verhaltensweisen sind stark genetisch bedingt © B. Wernisch/Vetmeduni Vienna
Selbst hochkomplexe Verhaltensweisen sind stark genetisch bedingt © B. Wernisch/Vetmeduni Vienna

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Partnerwahl und Paarung: Sexuelle Erfahrung nützt Hausmäusen nicht

09.09.2019

Entgegen bisheriger Annahmen ist sexuelle Erfahrung kein Vorteil für die Partnerwahl und den Paarungserfolg. Diese überraschende Erkenntnis ist das zentrale Ergebnis einer an Hausmäusen durchgeführten Studie der Vetmeduni Vienna. Dies lässt darauf schließen, dass bei Säugetieren selbst hochkomplexe Verhaltensweisen stärker genetisch bedingt sind, als bislang angenommen.

Im Rahmen einer soeben in Scientific Reports veröffentlichten Studie untersuchten Forscherinnen und Forscher der Vetmeduni Vienna, ob sexuell erfahrene Hausmäuse (Mus musculus musculus) bei der Paarung erfolgreicher sind als sexuell unerfahrene Artgenossen. Die überraschende Erkenntnis: Entgegen bisheriger Annahmen ist sexuelle Erfahrung kein Vorteil für Männchen. Dazu Studienleiterin Kerstin E. Thonhauser vom Institut für Labortierkunde der Vetmeduni Vienna: "Die soziale Präferenz von Weibchen ist kein verlässlicher Indikator für die Paarung oder den Fortpflanzungserfolg von Männchen - die Präferenz für einen Paarungspartner lässt sich deshalb nur eingeschränkt dazu verwenden, die Partnerwahl zu erklären. Unsere Ergebnisse zeigen, wie selbst komplexe Verhaltensweisen wie Balz und Paarung ohne Lernen oder Erfahrung voll funktionsfähig sein können - selbst bei Säugetierarten."

Jungfräuliche Männchen sexuell erfolgreich wie erfahrene Artgenossen

Im Rahmen der Studie, die am Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung durchgeführt wurde, untersuchte das Forschungsteam das Sexualverhalten von Hausmäusen, wobei ein Weibchen jeweils zwischen zwei verschiedenen Männchen wählen konnte. Von diesen waren entweder beide sexuell erfahren, beide sexuell unerfahren oder jeweils ein Männchen sexuell erfahren und unerfahren. Dieses Testdesign ermöglichte es herauszufinden, welche Paarungspräferenz Weibchen haben - auch vor dem Hintergrund, dass sexuell unerfahrene Männchen häufig Nachwuchs töten.

Komplexes Sexualverhalten auch ohne Erfahrung voll funktionsfähig

Aufgrund des erfassten Präferenz- und Paarungsverhaltens der Weibchen und genetischer Vaterschaftsanalysen fanden die ForscherInnen keine Hinweise darauf, dass sexuelle Erfahrung den männlichen Paarungs- oder Fortpflanzungserfolg erhöhte. "Sexuell erfahrene Männchen paarten sich genauso häufig und zeugten nicht mehr Nachkommen als ihre jungfräulichen Konkurrenten. Außerdem verpaarten sich alle Weibchen immer mit beiden Männchen, unabhängig von deren sexuellen Erfahrungsstatus ", so Thonhauser. Ein spannendes Detail: Der männliche Fortpflanzungserfolg wurde zwar durch die Paarungsreihenfolge vorhergesagt. Aber unerwarteterweise zeugten Männchen, die zuerst kopulierten, weniger Nachkommen!

Völlig neue Erkenntnisse zum Sexualverhalten von Wirbeltieren

Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass Lernen aus Erfahrungen das Überleben und die Fitness im Sinne der Darwin'schen Evolutionstheorie verbessern kann. Aber nur wenige Studien haben bisher getestet, ob sexuelle Erfahrungen den Fortpflanzungserfolg erhöhen. Sexuelle Erfahrungen können sich positiv auf den Paarungs- und Fortpflanzungserfolg auswirken, indem sie das männliche Verhalten, die weiblichen Vorlieben oder beides beeinflussen. So kann die sexuelle Erfahrung beispielsweise die Fähigkeit von Männchen verbessern, potenzielle Partnerinnen zu werben oder Rivalen zu überbieten. Das haben mehrere Studien an wirbellosen Tieren gezeigt. Vergleichbare Studien mit Wirbeltierarten fehlten jedoch. Aufgrund der nun vorliegenden - und bisherigen Annahmen widersprechenden - Erkenntnisse sollten laut den StudienautorInnen zukünftige Forschungen an Wirbeltieren darauf achten, dass die sozialen Präferenzen von Weibchen kein verlässlicher Indikator für die Partnerwahl sind.

Service:

Der Artikel "Sexual experience has no effect on male mating or reproductive success in house mice" von Kerstin E. Thonhauser, Alexandra Raffetzeder und Dustin J. Penn wurde in Scientific Reports veröffentlicht. https://www.nature.com/articles/s41598-019-48392-x

Über die Veterinärmedizinische Universität Wien

Die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna) ist eine der führenden veterinärmedizinischen, akademischen Bildungs- und Forschungsstätten Europas. Ihr Hauptaugenmerk gilt den Forschungsbereichen Tiergesundheit, Lebensmittelsicherheit, Tierhaltung und Tierschutz sowie den biomedizinischen Grundlagen. Die Vetmeduni Vienna beschäftigt 1.300 MitarbeiterInnen und bildet zurzeit 2.300 Studierende aus. Der Campus in Wien Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und zahlreiche Forschungseinrichtungen. Zwei Forschungsinstitute am Wiener Wilhelminenberg sowie ein Lehr- und Forschungsgut in Niederösterreich gehören ebenfalls zur Vetmeduni Vienna. Die Vetmeduni Vienna spielt in der globalen Top-Liga mit: 2019 belegt sie den exzellenten Platz 5 im weltweiten Shanghai-Hochschulranking im Fach "Veterinary Science. www.vetmeduni.ac.at

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Department für Biomedizinische Wissenschaften
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
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Kerstin.Thonhauser@vetmeduni.ac.at  

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