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profilwissen Ausgabe 1/2014 © profilwissen
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Kooperationsmeldung

"Selbsttäuscher und Geschäftemacher"

21.03.2014

Der deutsche Mediziner Hans-Werner Bertelsen ist ein scharfzüngiger Kritiker alternativer Heilmethoden. Hier argumentiert er seine Vorbehalte gegen die Mittelaltermedizin, gegen Zuckerpillen und linksdrehenden Kräutertopfen.

Profil: Gibt es Ihrer Ansicht nach eine erfolgversprechende alternative Heilmethode?

Hans-Werner Bertelsen: Zunächst sei die Gegenfrage erlaubt: Alternativ? Wozu? Es sind sehr viele Heilmethoden wirksam, die eine respektvolle Begegnung zwischen Arzt und Patient beinhalten. Leider wird die Medizin zunehmend von Formalismen dominiert, sodass keine Zeit mehr für zwischenmenschliche Begegnung bleibt. Medizinische Erfahrung, Gespür und Intuition können sich leider nicht mehr entfalten, weil die Zeit dazu zunehmend wegrationalisiert wird. Alternativ zur unpersönlichen Verschreibungsmedizin existiert eine Fülle von Möglichkeiten. Es bedarf hierzu aber keiner Zuckerpillen oder Klangschalen. Jede Methode, bei der kein Zeitkorsett der freundlichen Begegnung mit einem Patienten die Luft von vornherein abschnürt, wird zu einer Verbesserung beitragen und ist per se heilsam.

Profil: Was kann etwa Akupunktur leisten?

Bertelsen: Zwei Hauptaspekte: die Ablenkung und die Anhebung des Hintergrundrauschens. Akupunktur ist eine sehr gute Methode, um wirksam abzulenken. Ein Beispiel: Für einen Abdruck des Kiefers beim Zahnarzt muss eine Riesenmenge von dieser glibberigen Abdruckmasse in den Mund. Viele Patienten bekommen Würgereiz. Dieser wird sofort unterbrochen, wenn Sie eine Akupunkturnadel für den Patienten sichtbar im Gesicht platzieren. Das Hirn registriert die ankommenden Reize und ändert sofort das Programm: Das Erstaunen ersetzt nahtlos das Würgen. Akupunktur brauchen Sie dazu aber nicht: Denselben Effekt bekommen Sie, wenn Sie den Patienten kräftig in den Arm nehmen und ihn drücken. Überraschungseffekt ersetzt Würgearbeit. Langweilige, familienfeindliche Wochenendkurse, um die Platzierung von Nadeln zu erlernen, sind unnötig. Wohin Sie stechen, ist völlig gleichgültig. Das erkennen Sie schon an der Vielzahl der Landkarten für die Akupunkturpunkte. Sie folgern dann richtig: Egal, wohin ich steche, ich treffe immer.

Profil: Und was bedeutet Hintergrundrauschen?

Bertelsen: Durch einen kleinen Schmerzreiz können Sie die Wahrnehmungsschwelle beeinflussen und verschieben. Das kennt jedes Kind, wenn es sich kneift, um einen anderen Reiz zu unterdrücken. In der modernen Medizin wird dies mit Hilfe der elektrischen Neurostimulation erfolgreich zur Schmerzbekämpfung genutzt.

Profil: Oft wird mit Studien oder Fallbeispielen gearbeitet, wenn nach Wirkungsnachweisen alternativer Methoden gefragt wird. Wie können Laien den Wahrheitsgehalt solcher Aussagen überprüfen?

Bertelsen: Wenn in einer statistischen Auswertung eine Handvoll Fälle beschrieben wird, sagt dies nichts über die gepriesene Methodik, wohl aber viel über den Narzissmus des Verfassers aus. Anders ausgedrückt: Studien sind häufig schon wegen der mickrigen Fallzahl nicht aussagekräftig.

Profil: Sind Ihrer Meinung nach alle Anbieter komplementärer Methoden Scharlatane oder Geschäftemacher?

Bertelsen: Nein, auf der einen Seite finden Sie die braven Selbsttäuscher und auf der anderen die bösen Geschäftemacher. Charakterlich finden sich zwischen den Selbsttäuschern und den Geschäftemachern große Unterschiede. Während die Selbsttäuscher den Unsinn, den sie verzapfen, auf herrlich naive Weise selber glauben, arbeiten die fiesen Geschäftemacher mit dem seit Jahrhunderten bewährten Instrument der Ausgrenzung, besonders gegenüber Fachkollegen.

Profil: Angst vor Nebenwirkungen oder die Sorge, aus reiner Gewinnsucht zu einer Behandlung überredet zu werden, gibt es sowohl bei konventioneller als auch bei alternativer Medizin. Wie kommt es, dass die Zahl der Fans alternativer Methoden in den vergangenen Jahren so stark gestiegen ist?

Bertelsen: Viele Diskussionen sind überflüssig und werden unverantwortlich geschürt, damit Papier bedruckt wird. Der unverhandelbare Grundsatz lautet: Es gibt keine 100 Prozent in der Medizin, dazu sind wir alle zu verschieden. "One size fits all" können Sie bestenfalls in der Sockenabteilung eines Kaufhauses finden. Sicherlich gibt es Nebenwirkungen bei einer Impfung. Diese stehen aber in keinem rational sinnvollen Zahlenverhältnis zum Nutzen. Wenn ich als Einzelner alle Lebensrisiken vermeiden will, darf ich mich auf keinen Fall freiwillig in ein Auto setzen und muss mich auf der Toilette fest anschnallen. Die zunehmende transzendentale Obdachlosigkeit, die abnehmende Zahl echter zwischenmenschlicher Kontakte und die resultierende Sehnsucht gepaart mit verantwortungslosem Journalismus sind meiner Meinung nach die Hauptgründe für die Entwicklung. Journalismus, der die Sehnsucht nach Wundern bedient, lässt sich vor den Karren der Anbieter unseriöser Methoden spannen.

Interview geführt von Elisabeth Schneyder (stark gekürzte Fassung)

Das vollständige Interview lesen Sie ab Seite 44 im aktuellen profilwissen (Ausgabe 19.03.2014) im Austria-Kiosk www.kiosk.at/profilwissen

Service: Weitere profilwissen-Meldungen zum Thema finden sich unter http://science.apa.at/profilwissen

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