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Landwirtschaftlicher Boom geht häufig auf Kosten der Umwelt © APA (AFP)
Landwirtschaftlicher Boom geht häufig auf Kosten der Umwelt © APA (AFP)

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600 Forscher mahnen EU: Mehr Druck auf Brasilien bei Umweltschutz

25.04.2019

Keine Geschäfte um jeden Preis: Hunderte Wissenschafter und Ureinwohner haben die EU dazu aufgerufen, bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Brasilien auf den Schutz der Umwelt und die Einhaltung der Menschenrechte zu bestehen.

"Brasiliens Wälder, Feuchtgebiete und Savannen sind entscheidend für die große Vielfalt der indigenen Völker, die Stabilität des globalen Klimas und die Erhaltung der Biodiversität", heißt es in einem im Fachjournal "Science" veröffentlichten Brief von mehr als 600 Forschern, darunter 20 aus Österreich. "Wir rufen die EU dazu auf, ihre Chance zu nutzen, um die Wahrung der Menschenrechte und den Schutz der Umwelt sicherzustellen."

Unterzeichnet wurde das Schreiben von über 600 Wissenschaftern aus EU-Staaten und den Vertretern von zwei Dachorganisationen der brasilianischen Ureinwohner, die rund 300 indigene Völker vertreten. Der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro will den Schutz des Amazonasgebiets zurückfahren und den Regenwald stärker wirtschaftlich nutzen. Die EU verhandelt seit Jahren mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur über ein Freihandelsabkommen. Die Gespräche gelten allerdings als festgefahren. Uneinigkeit herrscht vor allem im Bereich der Landwirtschaft.

Produktionsweisen verursachen Klimawandel

Durch den Import landwirtschaftlicher Produkte sei die EU mitverantwortlich für die großflächige Abholzung in Brasilien, hieß es in einer Erklärung der Unterzeichner des offenen Briefs. "Wir wollen, dass die EU aufhört, Abholzung zu importieren und stattdessen ein Vorbild für nachhaltigen Handel wird", sagte Laura Kehoe von der Universität in Oxford. Der brasilianische Wissenschafter Tiago Reis sagte: "Das Zeitfenster, um desaströse Folgen des Klimawandels zu vermeiden, schließt sich. Die Schulstreiks und Klima-Proteste in Europa haben gezeigt, dass wir nicht länger bereit sind, Produktionsweisen hinzunehmen, die Klimawandel verursachen."

"Die Eindämmung der Entwaldung in Brasilien ist entscheidend für die globale Klimastabilität und die Landrechte der Indigenen", betonte Barbara Smetschka vom Instituts für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien gegenüber der APA. Doch die internationale Nachfrage gefährde die Wälder und Savannen Brasiliens. So sei die EU weltweit führend bei der Einfuhr von Nutzpflanzen, die zu Entwaldung führen, was zwischen 1990 und 2008 zu globalen Waldverlusten in der Größenordnung Portugals führt. "Allein im Jahr 2011 bedeuteten die Importe von Rindfleisch und Viehfutter in die EU eine Abholzung von mehr als 1.000 Quadratkilometer in Brasilien - das entspricht mehr als 300 Fußballfeldern pro Tag", so Smetschka.

Die Entwaldung bedrohe viele Arten, setze große Mengen an Kohlendioxid frei, und sie gefährde die Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung, sagte Tobias Kümmerle von der Humboldt-Universität in Berlin. "Wir sollten auch beim Import von Agrarprodukten höhere Standards in Bezug auf Umwelt und Menschenrechte anlegen, da diese Produktion erhebliche Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaften in den Herkunftsländern hat."

Unternehmen aus Europa mitverantwortlich

Die Nichtregierungsorganisation Amazon Watch warf ihrerseits Unternehmen aus Europa und den USA vor, durch ihre Geschäftsbeziehungen nach Brasilien die Abholzung des Regenwaldes zu befeuern. "Unsere Untersuchung zeigt, wie die globalen Märkte die schlimmsten Akteure der brasilianischen Landwirtschaft stützen", sagte Christian Poirier von Amazon Watch. "Sie unterstützen brasilianische Firmen, die für die zunehmende Abholzung und den Anstieg von Menschenrechtsverletzungen gegen die indigenen Gemeinschaften und die Landbevölkerung verantwortlich sind."

Die niederländische Nichtregierungsorganisation Profundo hat die Geschäftsbeziehungen von 56 wegen Umweltvergehen in Brasilien verurteilte Firmen analysiert. Zu den Kunden der Umweltsünder gehören demnach Unternehmen in den USA, Kanada und Europa. Zudem sollen laut dem Bericht Banken aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA die brasilianischen Firmen mit Krediten versorgen.

"Wir benötigen Hilfe, damit die Dinge sich ändern", sagte die Koordinatorin der indigenen Dachorganisation APIB, Sonia Guajajara. "Wir rufen die internationalen Konsumenten dazu auf, landwirtschaftliche Produkte aus Brasilien zu boykottieren, bis sich die brasilianische Regierung des Schutzes des indigenen Landes annimmt, und etwas gegen die Gewalt gegen Ureinwohner tut. Wir wollen Frieden, damit unsere Leute ein gutes und würdiges Leben führen können."

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